Osnabrück  Selbst denken mit Kant: Wie gehen wir mit Verschwörungstheorien um?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 16.04.2024 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Besucherin geht in der Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle an dem Bild „Immanuel Kant am Schreibtisch“ aus dem Jahr 1872 von Johannes Haydeck vorbei. Foto: picture-alliance/dpa
Eine Besucherin geht in der Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle an dem Bild „Immanuel Kant am Schreibtisch“ aus dem Jahr 1872 von Johannes Haydeck vorbei. Foto: picture-alliance/dpa
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Selbst denken mit Immanuel Kant: Wie hilft uns der große Denker heute gegen Verschwörungstheorien? Philosoph Heiner Hastedt erläutert im Gespräch Kants Konzeption des freien Denkens.

Pedant oder Gigant? Die einen sehen in Immanuel Kant den Aktenfuchs und Paragraphenreiter der Philosophie. Die anderen erkennen in ihm das Zentralgestirn eines Denkens, das die Tür zur Moderne weit aufgestoßen hat.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“: ein Satz wie ein Portal. Kant erfindet mit seiner Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ die plurale Öffentlichkeit fast im Alleingang, wie es im Rückblick scheint. In dieser Öffentlichkeit geht es aber nicht nur vernünftig zu. Heute erst recht nicht. Verschwörungstheorien verdunkeln das mediale Gespräch. Was hat Immanuel Kant dazu zu sagen?

„Immanuel Kant ist Teil der Aufklärung. Er kämpft gegen die Dunkelheiten seiner Zeit, nicht zuletzt gegen religiöse Orthodoxie“, sagt Heiner Hastedt, Professor für Philosophie an der Universität Rostock. Der Philosoph sieht sich nicht nur mit verstockten Kirchenleuten konfrontiert, sondern auch mit Zensur.

Nach dem Tod Friedrichs des Großen, in Fragen der Meinungsfreiheit durchaus tolerant, zieht dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. die Zügel wieder an. 1794 lässt der König den Denker für dessen Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ scharf rügen. Kant antwortet „in devotestem Gehorsam“.

Immanuel Kants Schriften sind die Gründungsakten einer Öffentlichkeit, die aber nur einen Herrn anerkennt: die Vernunft. „Kant stellt das Selbstdenken in den Mittelpunkt. Philosophie im Zeichen der Kritik ist sein Markenzeichen“, macht Heiner Hastedt klar. Er sieht in Kant den großen Optimisten, der jene Zeichen der Zeit erkennt, die die Französische Revolution gesetzt hat. Der Kampf gegen die Dunkelheit kann gewonnen werden. Das sei für Kant klar gewesen, sagt Hastedt.

Aber was ist aus Immanuel Kants Votum für Vernunft und Kritik geworden? „In der Zeit der Aufklärung entsteht die Idee einer bürgerlichen Öffentlichkeit. Kant wirkt an ihrer Realisierung mit. In der digitalen Welt mit ihren Filterblasen erodiert diese Öffentlichkeit“, wirft der Rostocker Hochschullehrer mit Kant seinen kritischen Blick auf den aktuellen Zustand medialer Räume.

Dem falschen Denken die Maske abreißen, den Aberglauben bloßstellen – neben Immanuel Kant ist es im 18. Jahrhundert vor allem Voltaire, der diese Praxis aufklärerischer Kritik zum Werkzeug der Wahl macht. „Der Gestus der Aufdeckung ist heute allgemein geworden. Meist reichen im Zeitalter des Internets dabei einige Halbwahrheiten. Kant hätte gefragt: Woher weiß ich das eigentlich?“, vollzieht Heiner Hastedt den Perspektivenwechsel.

Bloße Kritik reicht demnach nicht aus, um mit Immanuel Kant zu argumentieren. Wenn Kant von Kritik spricht, meint er die gründliche Untersuchung des Denkens und Erkennens – in alle Richtungen. Genau so ist seine „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781 zu verstehen.

„Die Vernunft, so wie Kant sie verstanden hat, sollte einen dazu bringen, damit zu rechnen, dass man auch selbst Unrecht haben könnte“, beschreibt Hastedt diese Position. Klingt selbstverständlich, ist es heute aber nicht. Aus der Lust am Demaskieren sei ein medialer Amoklauf geworden. Differenzierte Argumente hätten immer weniger eine Chance, gehört zu werden, meint Hastedt.

Die Konsequenz: Digitale Medien schleifen die Sorgfalt des Argumentierens ab. Gefragt sind Selbstmarketing und mediale Lautstärke. Nur das sichert Aufmerksamkeit. Hastedt dazu: „Der Ekel an den damit verbundenen Übertreibungen nimmt zu. Viele Menschen wenden sich von einer solchen medialen Welt immer mehr ab“.

Vor allem sogenannte Querdenker nimmt er dabei ins Visier: „Querdenker halten sich für Selbstdenker, übersehen oft aber, dass die Produkte dieses Selbstdenkens falsch sein können. Wahre Erkenntnis fordert das Zusammenspiel von Denken und Erfahrung zum Beispiel mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden“, differenziert der Rostocker Philosoph.

Immanuel Kant ist ein Meister gerade darin, Argumentationsketten penibel zu durchdenken. Was können wir wirklich wissen? Diese Frage treibt ihn um, mitten in jenem 18. Jahrhundert, das den medialen Raum der modernen Debattenkultur erfindet. Immanuel Kant setzt auf die Vernunft – und für den Diskurs auf das Argument.

Der Philosoph arbeitet entscheidend an dem mit, was Heiner Hastedt heute als Merkmal der Demokratie bezeichnet – einen „belastbaren Resonanzraum für öffentliche Angelegenheiten und unterschiedliche Lebensstile“ zu bieten. „Heute beobachten wir eine Spätzeit mit vielen Zynismen, die es schwer machen, optimistisch zu bleiben“, kommentiert Heiner Hastedt.

Inwieweit kann Immanuel Kant dabei helfen, auch heute zuversichtlich nach vorn zu schauen? Heiner Hastedt hat da eine klare Meinung: „Im Sinn der kritischen und differenzierenden Philosophie Kants wäre ich dafür, in Diskussionen nicht immer gleich beim Gesprächspartner den schwachen Punkt zu suchen, sondern zunächst einmal eine wohlwollende Perspektive einzunehmen“.

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