Berlin Energiekrise frisst Wohlstand: So viel Geld verliert jeder Deutsche
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt geschrumpft. Wie viel Geld die Deutschen verloren haben, zeigt eine neue Studie. Die Pro-Kopf-Verluste sind deutlich größer als im EU-Durchschnitt.
230 Euro sind es in Italien, 1700 Euro in Schweden: Deutschland liegt bei den Pro-Kopf-Verlusten durch die Energiekrise jedoch noch deutlich über den Werten aus den Nachbarländern.
Seit Russland nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kein Gas mehr nach Deutschland liefert, ist hierzulande das Bruttoinlandsprodukt (BIP) enorm geschrumpft, wie eine Berechnung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung für das ARD-Magazin „Kontraste“ zeigt. Demnach beträgt der Wohlstandsverlust beim BIP rund fünf Prozent.
Bemerkbar machte sich das Minus beim BIP in den Haushaltskassen der Deutschen. Die Energiekrise als Kriegsfolge schmälerte das Budget pro Kopf um 2600 Euro. Das war dreimal so viel wie im EU-Durchschnitt. Dieser lag bei etwa 880 Euro.
Wirtschaftswissenschaftler Sebastian Dullien von der Hans-Böckler-Stiftung nennt in einer Mitteilung Gründe für die besonders starke Belastung in Deutschland: „Wir haben einen sehr großen Industriesektor. Das heißt, wir verbrauchen viel Energie. Zweitens: Sehr viel dieser Energie kam in Form von Gas aus Russland. Und drittens hat die deutsche Bundesregierung relativ spät eingegriffen in die Gasmärkte.“ Dullien stellt fest:
Sowohl AfD-Politiker als auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) forderten bereits, Deutschland solle trotz des Ukraine-Kriegs wieder Gas in Russland einkaufen. Im Europawahlprogramm vom BSW heißt es etwa: Deutschland soll „die Öl- und Gaslieferung aus Russland wieder aufnehmen und langfristige Energieverträge schließen“. Die EU-Wirtschaftssanktionen hätten „Russland kaum getroffen und den Krieg in der Ukraine nicht gestoppt“, der europäischen Wirtschaft aber „massiv geschadet“.
Die AfD hatte im vergangenen Jahr ein Sofortprogramm für eine mögliche Regierungsübernahme aufgelegt, das eine Wiederaufnahme der Energieversorgung aus Russland beinhaltete. Parteichef Tino Chrupalla sagte dazu, die AfD werde die „sofortige Reparatur und Inbetriebnahme von Nord Stream“ in die Wege leiten. Die unter der Ostsee verlaufenden Leitungen Nord Stream 1 und Nord Stream 2 für den Transport von russischem Erdgas nach Deutschland waren Ende September 2022 durch Explosionen zerstört worden.
Wie „Kontraste“-Recherchen zeigen, würden Gaslieferungen aus Russland der deutschen Wirtschaft nur wenig weiterhelfen. Als Beispiel dient Nachbarland Österreich, das bis heute umfangreich Gas aus Russland bezieht. Demnach kamen im vergangenen Januar 97 Prozent des Rohstoffs per russischer Pipeline.
Dennoch ist Gas im Nachbarland nicht günstiger. Laut dem Preismonitor des Instituts für Höhere Studien (IHS) ist der Gaspreis für Endkunden in Österreich in den vergangenen Jahren sogar stärker gestiegen als in Deutschland. Während hierzulande der Gaspreis für Verbraucher in diesem Jahr bei etwa 9 Cent pro Kilowattstunde lag, waren es in Österreich etwa 12 Cent.
Wie „Kontraste“ berichtete, gingen Gasmarkthändler und Ökonomen durch eine Rückkehr zu russischem Gas eher von einer Schwächung der deutschen Industrie aus. Die Einschätzung lautete: Deutschlands Wirtschaft sei gerade wegen der Abhängigkeit von russischem Gas so stark eingebrochen. Die Rede war von einem „Transformationsschock“. Mittlerweile versorgten Deutschland stabile, neue Lieferanten.
Für Dullien ist klar: „Russland ist kein verlässlicher Partner für Gaslieferungen“. Dies ändere sich auch nicht, wenn die Nord-Stream-Pipelines wieder funktionstüchtig wären.