Osnabrück Polizeiruf 110 „Der Dicke liebt“ - Liebt der Lehrer seine Schüler gar zu sehr?
Der zweite Polizeiruf 110 „Der Dicke liebt“ mit Peter Kurth und Peter Schneider fesselt vor allem dank Sascha Nathan als Mathelehrer unter Verdacht.
In Halle an der Saale wird ein Mädchen vermisst. Die achtjährige Inka ist einfach nicht mehr von der Schule zurückgekommen. Während Kommissar Michael Lehmann (Peter Schneider) noch die Hoffnung hegt, das Mädchen sei nur ausgerissen und werde wiederkommen, hat sein Kollege Henry Koitzsch (Peter Kurth) kein gutes Gefühl. Tatsächlich wird schon bald die Leiche der Schülerin in einer Kleingartenanlage gefunden.
Alles deutet auf sexuellen Missbrauch hin. Aber die Ermittlungen unter einigen einschlägig vorbestraften Verdächtigen führen nicht weiter. In der Schule treffen Koitzsch und Lehmann dann auf Inkas Mathelehrer Krein (Sascha Nathan). Der bei seinen Schülern extrem beliebte Mann erteilt in seiner Freizeit auch Nachhilfe und muss der Letzte gewesen sein, der Inka noch lebend gesehen hat. Eigentlich erscheint Krein als ein über jeden Verdacht erhabener Mann. Aber dann gerät der einsame Eigenbrötler immer mehr ins Visier der Ermittler – und bekommt es mit einer brutalen Bürgerwehr zu tun, die meint, das Recht in die eigenen Hände nehmen zu müssen.
Die Episode „Der Dicke liebt“ aus der Reihe „Polizeiruf 110“ ist zwar erst der zweite Fall mit den Ermittlern Lehmann und Koitzsch. Aber es fühlt sich so an, als ob sie immer schon da gewesen seien. Dabei war die erste Episode „An der Saale hellem Strande“ (2021) eigentlich nur als Extra zum 50. Geburtstag der Reihe geplant. Zum Glück hat es sich der federführende MDR dann doch anders überlegt und legt nun nach.
Das Ergebnis überzeugt in wirklich jeder Hinsicht. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie ein klassischer Whodunnit-Krimi wirkt, entwickelt sich unter der Oberfläche zu einem tragischen Drama um menschliche Schicksale. Sämtliche Figuren erscheinen hier als gebrochene Charaktere. Das beginnt mit Koitzsch, der nach einer Trunkenheitsfahrt erst einmal zum Idiotentest muss, um Kugeln zu stapeln. Und setzt sich fort über alle Verdächtigen, Zeugen und sonst irgendwie in den Fall verstrickte Personen.
Im Mittelpunkt der ruhig und extrem spannend inszenierten Geschichte nach dem Drehbuch von Thomas Stuber (auch Regie) und Clemens Meyer steht aber die besonders tragisch wirkende Figur des Lehrers. Auch wenn jener Mathelehrer Krein von Anfang an als so verdächtig hingestellt wird, dass er laut ungeschriebenem Krimi-Gesetz gar nicht der Täter sein kann, gelingt es, Zweifel an der Unschuld des Lehrer aufrecht zu erhalten und sogar zu vertiefen. Der Dicke liebt halt seine Schulkinder. Vielleicht ja sogar ein bisschen zu sehr?
Ausgrenzung und Einsamkeit erscheinen hier als Leitmotiv. Krein wird als einsamer Sonderling dargestellt, der Stofftiere sammelt und privat in der Tristesse einer Plattenbausiedlung still vor sich hin leidet. Als er verdächtigt, verfolgt und seelisch wie körperlich misshandelt wird, bricht seine fragile Welt endgültig zusammen. Schauspieler Nathan spielt seine Rolle des ausgegrenzten, völlig in die Enge getriebenen Einzelgängers, von dem man als Zuschauer bis zur Auflösung des Falls wirklich nicht weiß, ob er der Täter ist oder nicht, mit atemberaubender Intensität.
„Solche Situationen sind für Schauspieler ja ein gefundenes Fressen, denn sie sind nahezu ausweglos“, sagt Nathan. Am Set habe man ihn gut aufgefangen. Aber selbstverständlich mache so eine Rolle auch „etwas mit Einem, immer und immer wieder geschubst, geschlagen und gedemütigt zu werden“. Den Zuschauern wird diese Rolle noch lange in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen des schockierenden Endes. Absolut sehenswert!
„Polizeiruf 110: Der Dicke liebt“. Das Erste, Sonntag, 21. April und anschließend in der ARD Mediathek.