Osnabrück  Selbst denken mit Kant: Wie kann der Frieden endlich ewig dauern?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 22.04.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Frieden wollen alle. Aber wie kommt man ihm wirklich näher? Unter einer Fahne mit der Friedenstaube demonstrieren Menschen 2023 beim Ostermarsch in Berlin-Wedding. Foto: picture-alliance/dpa
Frieden wollen alle. Aber wie kommt man ihm wirklich näher? Unter einer Fahne mit der Friedenstaube demonstrieren Menschen 2023 beim Ostermarsch in Berlin-Wedding. Foto: picture-alliance/dpa
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„Zum ewigen Frieden“: Mit seiner Schrift von 1795 wirft Kant einen Blick voraus auf eine Welt des Friedens. Aber wie realistisch sind seine Gedanken? Es gibt Zweifel – und in einem Punkt Hoffnung.

Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin: Der Sponti-Spruch ist natürlich nicht von Immanuel Kant. Aber seine Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung. „Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören“, forderte der Philosoph und erläuterte näher: „Denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen“. Klingt das nicht erstaunlich pazifistisch und vor allem unerhört modern für einen Denker des 18. Jahrhunderts?

„Zum ewigen Frieden“: Immanuel Kant ist schon an die 70 Jahre alt, als er jenen Text schreibt, der heute sein populärster ist. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Über seine vier berühmten Fragen hat Kant schon tiefgründig nachgedacht, als er sich daranmacht, seine Denkweise auch auf die Politik anzuwenden. Wie ist dauerhafter Frieden möglich? Kant schreibt die Antwort auf – in der Form eines Friedensvertrages, Paragraph für Paragraph.

„Immanuel Kants Schrift über den ewigen Frieden kann heute noch euphorisch stimmen. Sie war in einem positiven Sinn aus der Zeit gefallen, weil sie das Erwartbare überschritt“, bewertet Heiner Hastedt die Schrift. Der Professor für Philosophie an der Universität Rostock macht Kant mit diesem kurzen Schritt einen unerhörten Schritt nach vorn. „In seiner Perspektive ist der Nationalstaat mit einem Mal nicht mehr das Maß aller Dinge. Das ist zu Kants Zeit ein revolutionärer Gedanke“, ordnet Hastedt die kleine Schrift als Meilenstein ein.

Die ferne Wirkung von „Zum ewigen Frieden“ ist in der Tat beeindruckend. Kants Text beeinflusst nicht nur das Nachdenken über den Frieden und seine Bedingungen tief. Auch die Charta der Vereinten Nationen folgt in wesentlichen Punkten den Leitgedanken des Philosophen. Frieden kommt nicht von selbst, Frieden muss gestiftet, also gewollt werden. Das ist nur einer der Gedanken Kants, der nach vorn weist und nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Heiner Hastedt findet deshalb für den Friedensentwurf nur lobende Worte – zunächst. „Die Aktualität von Kants Text steht für mich völlig außer Frage. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass dieses Konzept ein Hauch des Weltfremden umweht“, konstatiert der Rostocker Philosoph und präzisiert: „Ich finde es hingegen sehr wichtig, dass Kant in Fragen des Friedens politische Transparenz und die Einbindung der Öffentlichkeit eingefordert hat. Das war damals ein völlig neuer Gedanke“.

Kant überzeugt nicht allein deshalb, weil er in Fragen des Friedens konsequent ist. Der Friedensschluss verdiene seinen Namen nicht, wenn er bereits den Keim zum nächsten Konflikt in sich trage, sagt der Philosoph. „Denn irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muss mitten im Kriege noch übrig bleiben, weil sonst auch kein Friede abgeschlossen werden könnte“, besteht Kant auf Minimalstandards des zivilen Umgangs.

Sein bravouröser Punkt: Kant hält allein Republiken für friedensfähig. Deshalb verlangt er, dass Staaten genau diese Regierungsform annehmen müssten. Auch wenn damit noch keine Demokratie im modernen Sinn gemeint ist, verblüfft Kant mit der Aktualität seiner Analysen. Bürger einer Republik würden es sich gut überlegen, ob sie einen Krieg beginnen würden, weil sie dessen Folgen selbst zu tragen hätten.

Für Heiner Hastedt beginnen die Probleme von Kants Friedenskonzept genau dort, wo der Philosoph seine Stärken hat – in den normativen Anforderungen an das, was seiner Meinung nach zu tun ist. „Es macht jedenfalls keinen Sinn, Konfliktlagen normativ zu überhöhen. So sehr ich Kants Friedenskonzept auch schätze – er hatte kein Gespür für die Dimension der Macht und keine Antwort auf die Frage, wie ich mich verhalte, wenn ein Widersacher meine Normen nicht teilt“, verweist der Rostocker Hochschullehrer auf die Grenzen von Kants Konzept.

Hastedt empfiehlt, in Fragen von Krieg und Frieden nicht nur auf Kant allein zu schauen, sondern auch andere Konzepte wie etwa Carl von Clausewitz´ Überlegungen „Vom Kriege“ als gedankliches Korrektiv mit einzubeziehen. „Der idealistische Kant und auf der anderen Seite der coole Clausewitz – das wäre ein Anreiz, über reale Geschichte neu nachzudenken“, empfiehlt Hastedt.

Immanuel Kant legt mit seinem Konzept von 1795 jedenfalls gewaltig vor. Er schlägt einen Völkerbund vor, votiert gegen die Verschiebung von Staatsgrenzen mit gewaltsamen Mitteln und beschreibt sogar ein Weltbürgerrecht des Menschen. Der dürfe sich zwar nicht überall niederlassen, habe aber ein weltweites Besuchsrecht. Der Philosoph dachte in diesem Punkt weit über seine, vielleicht sogar über jede Zeit hinaus.

Heiner Hastedt plädiert im Gespräch dafür, von diesen Punkten aus mit Kant weiterzudenken. „Wie wäre es, in anderen Kulturen verwandte Vorstellungen eines Weltfriedens zu entdecken?“, fragt der Philosoph und wirft einen Blick voraus: „Vielleicht geht ja sogar die alte Vorstellung der Harmonie in der chinesischen Tradition in eine ähnliche Richtung. Kants Gedanken können helfen, Brücken für das Zusammenleben zu finden, die sich auch heute als tragfähig erweisen“, würdigt Hastedt die Friedensphilosophie Immanuel Kants.

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