Berlin Bestens integriert, aber unsichtbar in diesem Land: Wer sind die Russlanddeutschen?
Der mutmaßliche Spionagefall in Deutschland rückt eine Minderheit in den Fokus, mit der sich die Öffentlichkeit schwertut. Das ist die Geschichte hinter den „Russlanddeutschen“.
Zwei Männer sollen im Auftrag der Russischen Föderation Sabotageaktionen in Deutschland geplant haben. Brand- und Sprengstoffanschläge auf militärisch genutzte Infrastruktur, Rüstungsbetriebe und Industriestandorte sollen dabei im Fokus gestanden haben. Es ist eine neue Dimension, die Europa noch stärker vor die Herausforderung stellt, dass sich die Gewaltherrschaft in Putins Russland auch auf die EU auswirkt.
Von „deutsch-russischen Staatsangehörigen“ spricht der Generalbundesanwalt. Und die Nachricht von den „Deutschrussen“ Dieter S. und Alexander J. ist in der Welt. Da lässt ein Magazin acht Journalisten am Text über die beiden mutmaßlichen Täter arbeiten, und keiner kommt auf die Idee, sich mit dem Hintergrund dieser Männer zu beschäftigen. Für sie, wie für viele andere Medienschaffende aus Radio, Fernsehen und Zeitungen, sind sie einfach „Deutschrussen“, oft gut und gern als Synonym für Russlanddeutsche verwendet.
Das ist schlicht falsch. Wie es auch falsch ist, Russlanddeutsche als «russischstämmig» zu bezeichnen. Sie sind: deutschstämmig. Und was bitte ist eine deutsch-russische Staatsangehörigkeit? Welche Behörde stellt eine solche aus?
Viele Russlanddeutsche haben in der Tat sowohl die deutsche als auch die russische Staatsangehörigkeit. Das war ein Zugeständnis der deutschen Behörden an die Hunderttausende von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, als alle anderen Ankömmlinge aus Nicht-EU-Ländern sich noch entscheiden mussten, welchen Pass sie behalten wollen. Wie viele Doppelstaatler es heute gibt, wissen weder die deutsche Bundesregierung noch der russische Staat zu berichten.
Es sind Begrifflichkeiten, ja, aber keine Spitzfindigkeiten. Der Fall um die „Deutschrussen“ Dieter S. und Alexander J. zeigt, dass sich die deutsche Öffentlichkeit auch Jahrzehnte nach der Ankunft von Millionen von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nicht mit ihnen und ihrer Geschichte beschäftigen will. Dass sie nicht wahrhaben will, dass die Geschichte der Russlanddeutschen ihre eigene Geschichte ist. Sie kennt sie schlicht nicht.
Selbst manchen Russlanddeutschen ist sie nicht bekannt. Sie tragen Familienmythen in sich, verzerrte Bilder ihrer gebrochenen Biografien, die sich aus der politischen Willkür gleich zweier totalitärer Regime, den Wanderungen und Verschleppungen, der Zwangsarbeit und Stigmatisierungen speisen. „Dort der Faschist, hier der Russe“ ist für viele Russlanddeutsche nicht einfach ein Spruch, es ist eine schmerzvolle Erfahrung.
Für viele Menschen in Deutschland sind die Russlanddeutschen offenbar einfachheitshalber „die Russen“. Sie sprechen schließlich Russisch, manche kaum bis gar kein Deutsch. Sie sind seltsame „fremde Nachbarn“, die „behaupten, Deutsche zu sein“. Oder noch diffamierender: „Sie hatten mal einen Schäferhund und meinen nun, sie seien Deutsche.“
Solche Sprüche machen selbst in politischen Kreisen die Runde, alles im Hintergrund natürlich. Anstatt aufzuklären, werden lieber Klischees weitergereicht: Von Wodka saufenden, Putin-TV schauenden, AfD wählenden „Quasideutschen“ wird da schwadroniert, auch wenn wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Anteil an AfD-Wählern unter den Russlanddeutschen ähnlich hoch ist wie in der Mehrheitsbevölkerung.
Die Vorurteile befördern mitunter genau das, was so unerwünscht ist: dass sich Parallelgesellschaften bilden, dass sich viele der Angekommenen nie als Menschen mit eigener Geschichte – einer leidvollen Geschichte – wahrgenommen fühlen und deshalb ihr Glück dort suchen, wo sie hoffen, die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ihnen fehlt: in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, vor allem in Russland, das sich solcher „Suchender“ bestens zu bedienen weiß, zu seinen Gunsten in seinem menschenverachtenden Sinne.
Katharina die Große, die Zarin, die als Prinzessin von Anhalt-Zerbst als 16-Jährige nach Moskau verheiratet wird, ruft mit ihrem Manifest von 1763 ausländische Bürger in die unwirtlichen Gegenden ihres gerade für sich entdeckten Reiches. Sie verspricht ihnen Land, eine jahrzehntelange Steuerfreiheit, Kredite, die Befreiung vom Militärdienst und Selbstverwaltung ihrer Kolonien.
Vor allem die nach dem Siebenjährigen Krieg schwer gebeutelte deutsche Bevölkerung wagt den beschwerlichen Weg ins Unbekannte. Die Kolonisten siedeln sich an der Wolga an, auch auf der Krim, im Kaukasus, in der Steppe hinter dem Ural. Katharinas Enkel, Zar Alexander I., fährt später mit dieser Anwerbepraxis fort. Es entsteht ein kleines Deutschland im weiten Russischen Reich, mit eigenen Schulen, Betrieben, Selbstverwaltung. Doch bereits 1871 wird ihnen diese aberkannt.
Im Ersten Weltkrieg, in dem die russischen Deutschen gegen Deutschland in den Kampf ziehen, wächst die Skepsis gegen sie. Der Verdacht: Die Russlanddeutschen kollaborierten mit den Deutschen aus Deutschland. Sie werden deportiert, zur Zwangsarbeit verpflichtet, erschossen. Kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 lässt Stalin Hunderttausende von Russlanddeutschen in den Osten verschleppen.
Die im Westen des Landes verbliebenen Russlanddeutschen verschleppen die Nazis als sogenannte „Volksdeutsche“ in Lager im besetzten Polen. Am Ende des Krieges werden die meisten von ihnen – weil sie sowjetische Bürger sind – vom Stalin-Regime in sogenannte „Sondersiedlungen“ im Norden und im Osten Russlands eingesperrt und müssen jahrzehntelang als „Volksfeinde“ für das sowjetische Regime hart arbeiten. Ihre Sprache, das Deutsche, wird den meisten genommen. Manche werden erst in den 1990ern rehabilitiert.
Es ist dieses Kriegsfolgenschicksal, das die Bundesrepublik wiedergutzumachen versucht, indem sie Russlanddeutschen, vor allem nach dem Zerfall der Sowjetunion – früher gelingt es nur wenigen Zehntausenden –, die „Rückkehr“ in die historische Heimat erlaubt.
Die Nachkommen der einstigen Kolonisten sind allerdings Teil eines völlig anderen historischen Prozesses als die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Sie sind durch die Sowjetunion geprägt, durch sie auch vielfach gebrochen worden. Für die meisten Deutschen in Deutschland waren die Deutschen aus der Sowjetunion fremd – die Mehrzahl von ihnen kam aus dem Gebiet des heutigen Kasachstan. Fremd sind sie auch mehr als dreißig Jahre nach der Masseneinwanderung in den 1990ern offenbar geblieben.
„Dass die Begriffe nicht verstanden und falsch verwendet werden, spiegelt Ignoranz und Desinteresse wider. Das verstärkt die Vorurteile. Innerhalb von Sekunden lässt sich googeln, wer die Russlanddeutschen sind. Viele machen sich einfach keine Mühe“, sagt Ira Peter. Sie zählt sich zur „mitgebrachten Generation“ der Russlanddeutschen. Als Neunjährige kam sie aus dem heutigen Kasachstan nach Deutschland, wuchs in Baden-Württemberg auf, studierte. Sie wurde zur „unsichtbaren Deutschen“, wie die Russlanddeutschen, die sich bestens integriert haben, oft bezeichnet werden.
Mit ihren Texten und vor allem dem Podcast „Steppenkinder“, den sie zusammen mit Edwin Warkentin, dem Kulturreferenten für Russlanddeutsche, macht, will die freie Journalistin aus Mannheim die Geschichte und das Leben der Russlanddeutschen sichtbar machen. „Es macht mich wütend, wenn jetzt wieder überall die Rede von ‚Deutschrussen‘ ist. Es ist so, als wäre unsere Arbeit umsonst. Wir müssen genauer schauen, die Begrifflichkeiten wahren und erklären. Solche Fehler, wie sie jetzt wieder im Umlauf sind, sind gefährlich.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.
Lesen Sie auch, Stilles Leiden: Wenn traumatisierte Flüchtlinge keine Behandlung erhalten.