Wirtschaft in Aurich  Käsehändler kehrt Aurich den Rücken

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 24.04.2024 12:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Holger Schmidt und seine Mitarbeiterinnen Birgit Gerdes (links) und Helga Kröger freuen sich, in Ihrhove einen neuen Wochenmarkt als Alternative zu Aurich gefunden zu haben. Foto: Ammermann
Holger Schmidt und seine Mitarbeiterinnen Birgit Gerdes (links) und Helga Kröger freuen sich, in Ihrhove einen neuen Wochenmarkt als Alternative zu Aurich gefunden zu haben. Foto: Ammermann
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Der Käse- und Nussspezialist Holger Schmidt kommt ein Jahr lang nicht auf den Auricher Markt. Stattdessen verkauft er seine Ware nun woanders.

Aurich - Dienstag ist Markttag in Aurich. Dienstag ist eigentlich der Tag von Holger Schmidt. Der Käse- und Nussspezialist aus Westoverledingen beschickt den Markt seit vielen Jahren. Wegen seiner reichhaltigen und vorzüglichen Auswahl steuern viele Kunden seinen Stand regelmäßig an. Doch seit Wochen laufen Käsefans ins Leere, auch am Dienstag, 23. April 2024: Holger Schmidt hat sich nämlich für ein Jahr vom Auricher Wochenmarkt abgemeldet. Das hat er am Dienstag auf Anfrage der Redaktion mitgeteilt. Der Grund: Wegen der Sperrung der Ledabrücke in Leer für Gespanne müsste er über Rhauderfehn fahren und sich von dort in Richtung Aurich orientieren. Das ist derzeit gar nicht so einfach, weil die Ortsdurchfahrt Hesel aufgrund von Sanierungsarbeiten voraussichtlich noch sieben Monate lang gesperrt sein wird.

„Ich habe es einmal versucht, am Dienstag nach Aurich zu kommen. Für eine Strecke, die ich sonst in 45 Minuten bewältige, habe ich jetzt etwas mehr als zwei Stunden benötigt“, sagt der Beschicker. Im Übrigen sei die Strecke über Timmel mit ihren unzähligen Schlaglöchern eine Zumutung für die Stoßdämpfer seines Verkaufswagens. Er habe sich entschlossen, seine Ware am Dienstag auf dem Parkplatz des Sika-Marktes an der Großwolderstraße in Ihrhove zu verkaufen. Dort stehe seit vielen Jahren der Weeneraner Fleischer Leggedör. Der Zuspruch von Seiten der Kunden sei sehr gut, so gut, dass sich mittlerweile noch weitere Beschicker auf dem Parkplatz niedergelassen haben, unter anderem der Holzofenbäcker Ripken aus Augustfehn.

Im Dezember ist er ohnehin nicht in Aurich

Wenn es nach dem Ihrhover Sika-Unternehmer Friedrich Betz geht, soll der Wochenmarkt noch deutlich größer werden. Der Ihrhover führt nach eigenen Angaben bereits Gespräche mit weiteren Händlern – unter anderem möchte Betz, dass künftig auch Fisch, Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt angeboten werden.

Holger Schmidt ist froh darüber, dass er so schnell eine Alternative zum Auricher Wochenmarkt gefunden hat. Ob er wieder dorthin zurückkommt, lässt er offen. „Ich gehe davon aus, dass die Bauarbeiten bis November dauern. Im Dezember muss ich gar nicht nach Aurich fahren, weil dann der Wochenmarkt vor das Rathaus verlegt wird, wo ich bisher ohnehin wegen der Größe meines Wagens keine Stellfläche gefunden habe.“ Er werde sich anschauen, wie sich der Wochenmarkt in Ihrhove entwickelt und dann im nächsten Jahr eine Entscheidung fällen.

Informationen fehlen

Dass der Käsespezialist jetzt ein Jahr lang in Aurich nicht anzutreffen sein wird, muss der Kunde erraten. Es gibt keine konstante, verlässliche Information über Händler auf dem Wochenmarkt. Wer kommt, wer geht, wer setzt für ein paar Wochen aus – das könnte im digitalen Zeitalter über eine Homepage kommuniziert werden. Das macht unter anderem die Stadt Münster (www.wochenmarkt.de). Dort gibt es für den Kunden nicht nur die Möglichkeit zu einem virtuellen Rundgang, sondern auch einen Lageplan aller Stände inklusive eines Links zu den jeweiligen Beschickern. Ein kleiner Youtube-Einspieler darf natürlich auch nicht fehlen. Er zeigt, was hinter den Kulissen passiert, wie die Beschicker mitten in der Nacht mit dem Aufbau beginnen, die Stände mit Waren bestücken und dann in den frühen Morgenstunden die ersten Kunden empfangen. In Münster gibt es das Marktrecht seit dem 10. Jahrhundert.

Könnte man nicht durch eine Wochenmarkt-Homepage, die über die jeweiligen Urlaubszeiten der Beschicker informiert, einen hilfreichen Service bieten, der auch in Aurich mehr Verlässlichkeit und Information erzeugt? Darüber hatte die Redaktion vor geraumer Zeit mit Bäckermeister Jörg Ripken gesprochen, der eine Weile als Marktsprecher für Aurich fungiert hat. Eigentlich eine prima Sache, aber wer soll eine solche Homepage pflegen, gab Jörg Ripken zu bedenken.

Baustein für die Vermarktung

Für Katrin Schiel von der Deutschen Marktgilde ist eine eigene Homepage ein ganz wichtiger Baustein bei der Vermarktung: „Je mehr digital zur Verfügung steht, desto besser ist das für die Zukunft. Schließlich wollen wir auch junge Menschen an uns binden.“ Das im hessischen Eschenburg ansässige Unternehmen organisiert bundesweit das Marktgeschehen an 120 Standorten, unter anderem in Bonn, Berlin, Bad Vilbel und Dresden. Man habe bereits, so Katrin Schiel, flächendeckend Internetseiten eingerichtet. Online sind unter anderem Nordhausen und Wittenberg (www.nordhausen.treffpunkt-wochenmarkt.de). Auf den Homepages findet man ein Beschickerprofil inklusive einer Information darüber, welche Zahlungsmöglichkeiten an dem Stand zur Verfügung stehen.

Die Beschicker sind nicht nur fachkundige Händler, sondern zum Teil auch direkte Erzeuger. Das ist laut Katrin Schiel ein großer Vorteil: „Mit den Händlern aus der Region können die Kunden über die Herkunft und die Qualität der Waren fachsimpeln.“ Um die Wochenmärkte wirkungsvoll vermarkten zu können, setze die Marktgilde-Tochter Emma-Marketing regelmäßig Facebook-Posts ab, um auf das Angebot der Beschicker hinzuweisen. Die benötigten häufig viel Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihres Marktauftritts. Bei den sehr langen Arbeitszeiten sei die Lust darauf, auch noch an der Vermarktung zu arbeiten, eher gering. Der Job sei einfach hart. Schiel: „Viele gönnen sich deshalb in diesen Tagen mal ein paar Tage Urlaub.“

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