Osnabrück  Regisseurin Soleen Yusef über ihren Film „Sieger sein“: „Ich wäre gerne so stark gewesen wie Mona“

Sophie Wehmeyer
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Von Sophie Wehmeyer
| 24.04.2024 19:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Soleen Yusef: Regisseurin und Drehbuchautorin des neuen Kinofilms „Sieger sein“. Foto: IMAGO/Future Image
Soleen Yusef: Regisseurin und Drehbuchautorin des neuen Kinofilms „Sieger sein“. Foto: IMAGO/Future Image
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Der Film „Sieger sein“ erobert aktuell die Kinos und ist bis Ende April in Osnabrück zu sehen. Zur Premiere reiste die Regisseurin Soleen Yusef in die Friedensstadt. Im Interview spricht sie darüber, wie sie ihre eigene Geschichte verarbeitet, welche Parallelen es zur Hauptdarstellerin Mona gibt und ob die Kriegsszenen für Kinderaugen bestimmt sind.

Die deutsch-kurdische Regisseurin und Drehbuchautorin Soleen Yusef erzählt in ihrem neuen Kinofilm „Sieger sein“ von einem fußballbegeisterten Mädchen, namens Mona (Dileyla Agirman), das aus Syrien geflüchtet ist und schließlich an einer Berliner Brennpunktschule ankommt. Ungeschönt thematisiert der Film Flucht, Krieg und die Schwierigkeit sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Doch wie viel ihrer eigenen Vergangenheit hat die Regisseurin verarbeitet, wie viel Yusef steckt in der Hauptdarstellerin Mona und eignen sich die teils aufwühlenden Kriegsszenen für einen Kinderfilm?

Frage: Frau Yusef, welche Geschichte wird in dem Film erzählt?

Antwort: Der Film „Sieger sein” erzählt die Geschichte von Mona. Sie ist elf Jahre alt und mit ihrer kurdischen Familie aus Syrien geflüchtet. In Berlin-Wedding kommt sie auf eine ziemlich chaotische Schule. Sie selbst kennt Schule ganz anders, weshalb sie von Beginn an nicht wirklich willkommen ist. Eigentlich ist es eine Geschichte, die vom Ankommen erzählt. Es geht aber auch um die Lebenswelten der anderen Kinder, um die Chancen der „Underdogs”, die zum ersten Mal wirklich ein Team werden.

Frage: Bis die Hauptfigur Mona zum Team gehört, ist es aber ein langer Weg, oder?

Antwort: Ja, als der Lehrer Herr Che (Chepovsky) erkennt, dass Mona eine ziemliche Fußballliebhaberin ist und Talent hat, versucht er sie in die Schulmannschaft zu holen, aber sie wehrt sich. Sie will gar nicht ankommen und vermisst ihre Heimat, ihre Tante, ihre Freunde und hat überhaupt keine Lust, hier neue Freunde zu finden - erst recht nicht diese ganzen merkwürdigen Kinder, die alle eine Vollkatastrophe sind. 

Frage: Meine erste Frage zur Geschichte des Films hat auch noch auf etwas anderes abgezielt. Inwiefern haben Sie die eigene Kindheit zum Vorbild genommen?

Antwort: Ich bin als Kind auch mit meiner kurdischen Familie nach Deutschland geflüchtet – deshalb begleitet mich das emotional schon sehr lange. Ich habe die Geschichte aber auf Syrien und heute umgewandelt, weil ich die Sprache der Kids von heute verwenden wollte und weil es mir wichtig war, kein historisches Ding zu machen. Eigentlich komme ich aus dem Irak, der heutigen Autonomen Region Kurdistan. 

Antwort: Wir haben ganz viele Kinder aus Afghanistan, aus Syrien, aus der Ukraine, viele Flüchtlingskinder, die in Deutschland ankommen. Und bei mir war es nicht anders. Nur ich hatte das Glück diesen Lehrer zu treffen, der mein ganzes Leben oder zumindest die ersten zwei Jahre dort geprägt hat. Er hat mich irgendwie gesehen in all dem Chaos.

Frage: Moment, Sie sprechen aber immer noch von den eigenen Erfahrungen und nicht von Monas, richtig? 

Antwort: Genau. Mein Klassenlehrer war wie im Film gleichzeitig mein Trainer. Es war seine erste Mädchenfußballmannschaft. Für ihn war Fußball sehr politisch und sozial wichtig – zum Empowern, für die Selbstermächtigung der Mädels.

Frage: Ich finde, Ihre persönlichen Erfahrungen sind sehr nah dran an der Handlung des Films.

Antwort: Ja, es ist wirklich sehr nah dran, absolut. Ich habe es natürlich trotzdem fiktionalisiert. Im Großen und Ganzen sind die Mädels aber inspiriert von meinen Klassen- und Teamkameradinnen. Es war der Versuch oder der Wunsch, all diese Lebenswelten auf der großen Kinoleinwand sichtbar zu machen. 

Antwort: Monas Freundin Terry hat mit anderem Namen auch in meinem Leben existiert. Sie hat es mir damals leichter gemacht, in die Mannschaft zu kommen, weil sie mich irgendwie mochte. Sie war total cool und war auch noch gut in der Mädchen-Fußballmannschaft. Sie hat gesehen, dass ich was drauf habe und hat die Türen für mich geöffnet.

Frage: Und welche Parallelen gibt es zwischen Ihnen und Mona?

Antwort: Es gibt tatsächlich einige Parallelen – Mona ist aber auch eine Art Wunschtyp. Ich wäre gerne so stark gewesen wie sie. Aber tatsächlich war ich das nicht. Mona ist sehr viel selbstbewusster, sie ist sehr viel, wie soll ich sagen, eigensinniger, sie lässt sich vieles nicht gefallen und hat eine Meinung und posaunt sie auch laut heraus. 

Antwort: Das ist die Kraft, die ich einer jungen Frau heute als Erzählerin geben kann. Die Realität war ein bisschen schmerzhafter für mich. 

Frage: Mona sagt im Film: „Fußball ist für alle da.” Sie hatte aber einen schweren Weg, bis sie von ihren Mitspielerinnen akzeptiert wird. Meine nächste Frage zielt deshalb darauf ab, welche integrative Funktion Fußball haben kann.

Antwort: Ich denke, beim Fußball geht es halt eben nicht nur um Fußball. Ja, die, die es vielleicht noch nie gespielt haben, werden sagen, was ist denn das? Elf Leute rennen die ganze Zeit auf dem Feld umher. In erster Linie ist Fußball aber ein Teamsport. Man muss einfach gut zusammen funktionieren, ganz egal, ob man einen schlechten Tag hatte oder jemanden nicht leiden kann. 

Antwort: Fußball löst auch ganz viele Konflikte und Anspannungen. Wenn man sich mit jemandem gestritten hat, aber dann zusammen auf dem Platz steht und miteinander spielt, dann ist schnell wieder alles vergessen. Jedes Spiel ist wie ein weißes Blatt Papier, alle haben die gleichen Chancen – Underdogs können gewinnen. Für mich steht Fußball irgendwie für das Leben, für die Gesellschaft und zeigt, wie Menschen miteinander umgehen.

Frage: Welche Rolle hat Fußball in Ihrem Leben gespielt? 

Antwort: Fußball ist etwas Nostalgisches für mich – ich hatte immer gute Erinnerungen an Fußball, weil wir das in der Heimat ständig gespielt haben. Ich war kein Kind, das mit Puppen gespielt hat. Ich war abenteuerlustig und deswegen haben die Jungs mich mitgenommen. Und dann haben wir Straßenfußball auf Asphalt gespielt: Zwei Jacken auf dem Boden als Tore.

Frage: Wir wissen jetzt, dass Sie in dem Film vieles aus hrer eigenen Kindheit verarbeitet haben. Wie war es für Sie, sich in die eigene Vergangenheit zurückzuversetzen - welche Emotionen sind wachgerufen worden?

Antwort: Ich habe die ganze Geschichte noch einmal durchlebt, aber meine Vergangenheit auch gleichzeitig verarbeitet, was schön ist. Ich wandle ja auch vieles ins Positive um, weil ich die Kinder nicht erschlagen möchte mit den ganzen Eindrücken. Wenn sie den Film schauen, möchte ich, dass sich ihr Horizont erweitert. Sie sollen mitbekommen, warum es manche Menschen schwer haben.

Antwort: Die Entstehung des Films war für mich aber total surreal. Ich war noch mal in meiner alten Schule und habe durch den Film wieder Kontakt zu meinem Lehrer hergestellt. Der hat mir ganz viele alte Bilder von damals gezeigt. Er hat alles gesammelt, Trainingseinheiten, Zeitungsausschnitte von unserem Sieg – das war wirklich eine Zeitreise. 

Frage: Der Film setzt ganz viele verschiedene Themenschwerpunkte: Von Flucht über Widerstand, Krieg, Trauer, Diktatur, Demokratie, Armut, Bildungsbenachteiligung und Mobbing. Warum haben Sie sich dafür entschieden, so viele Facetten mit einzubeziehen?

Antwort: Ich glaube das, was als Facettenreichtum wahrgenommen wird, ist die Realität an Schulen. Es ist abhängig davon, wie man aufwächst oder welche Chancen man im Leben hat. Wenn man auf so einer Schule wie Mona gelandet ist, mit überfüllten Klassen, überforderten Lehrern und fehlender Chancengleichheit, sind das eigentlich nicht viele Themen. Es sind aber genau die Themen, die die Lebenswelten der Kinder widerspiegeln. 27 Kinder in einer Klasse haben 27 verschiedene Geschichten. 

Antwort: Ich habe versucht, dem allen gerecht zu werden und keine Themen dazu erfunden, sondern ganz im Gegenteil, ich habe versucht, diesem komplexen Konflikt gerecht zu werden. Ich glaube, das ist das, was die Leute so beeindruckt: Dass ich mich an so etwas wage.

Frage: Würden Sie sagen, dass der Film die Realität realistisch abbildet?

Antwort: In den Rückblenden werden die Zuschauer immer wieder nach Syrien versetzt, sowohl in den Fluchtszenen als auch in den Szenen in Monats Heimat. Und dann gibt es die Zeit in Berlin an Monas Schule – das ist realistisch. „Sieger sein” ist aber natürlich auch ein unterhaltsamer Kinder- und Familienfilm, der viele Leute ansprechen soll und der kommerziell erzählt wird, mit Hip-Hop und einem Mix aus Musik-Elementen. Da habe ich mir die künstlerische Freiheit erlaubt, auch Dinge zu überreizen, sowohl den Humor als auch die Trauer betreffend. Die Realität kann man sowieso nicht 1:1 abbilden im Film. Man kann immer nur ein Gefühl erzeugen und ich glaube, in seinem Gefühl ist der Film echt. 

Frage: Der Film hat eine Altersfreigabe von sechs Jahren und ist mancherorts Teil des aktuellen Schulprogramms: Wozu soll der Film anregen und worauf zielen die teils aufwühlenden Szenen ab?

Antwort: Ich freue mich total darüber, dass es diese Schulkinowochen gibt und dass die Schulen sich mit diesen komplexen Themen auseinandersetzen.

Antwort: Ich versuche den Krieg sichtbar und fühlbar zu machen. Die Betroffenen haben Angehörige, Freunde, die Heimat hinter sich gelassen – sie sind entwurzelt. Mir ist wichtig, dass Kinder, Erwachse und Lehrkräfte das zu spüren bekommen. Wir konsumieren so viele Bilder, auch heute im Nahostkonflikt, die Kriege auf der ganzen Welt – so viele Bilder, aber für die Geschichten dahinter gibt es keinen Platz. Es gibt unendlich viele Wege, sich mit diesem Film auseinanderzusetzen und das ist das Schöne, glaube ich. 

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