Osnabrück Die pessimistische Jugend – was können wir tun?
Laut aktueller Trendstudie ist die Jugend von heute deutlich pessimistischer als ihre vorangehenden Generationen. Was kann dagegen unternommen werden? Das fragt sich unsere Kolumnistin Louisa Riepe.
Ich bin ein Kind der 90er Jahre. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg vorbei. Der Terror von links schien besiegt, vom Islamismus war noch keine Rede. Sicher, die Arbeitslosigkeit war vergleichsweise hoch und das Wirtschaftswachstum stagnierte. Aber immerhin war die politische Situation stabil – das lässt sich nicht zuletzt an Helmut Kohls Kanzlerschaft ablesen. Oliver Bierhoff schoss die deutsche Nationalmannschaft zum Sieg bei der Europameisterschaft und die Pet Shop Boys sangen „Go West“.
Das alles soll nicht zu nostalgisch klingen. Und doch ist mir erst in dieser Woche wieder bewusst geworden, was für ein Privileg das Aufwachsen unter diesen Bedingungen war. Denn laut der repräsentativen Studie „Jugend in Deutschland 2024“, die am Dienstag veröffentlicht wurde, ist heute ein Großteil der 14- bis 29-Jährigen psychisch belastet, etwa durch Stress, Erschöpfung, Selbstzweifel, Antriebslosigkeit und Gereiztheit. Als Gründe dafür werden von den Befragten vor allem genannt:
Die Studie wird seit 2020 in regelmäßigen Abständen durchgeführt – ein Vergleich mit den 90er Jahren ist also nicht möglich. Und auch wenn die Kinder und Jugendlichen des vergangenen Jahrtausends sicher nicht frei von Sorgen waren – ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur eines der genannten Themen mich persönlich zu der Zeit beschäftigt hätte. Für mich und meine Freunde gab es noch die Gewissheit, dass wir mit Hirn und Fleiß den Lebensstandard unserer Eltern halten oder uns sogar würden verbessern können.
Die Jugend von heute ist da deutlich pessimistischer. Studienautor Simon Schnetzer spricht gegenüber der Tagesschau von einer tief sitzenden, mentalen Verunsicherung, einhergehend mit dem Verlust des Vertrauens in die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen. „Die Aussicht auf ein gutes Leben schwindet“, so Schnetzer.
Und ich frage mich: Was können wir dagegen tun? Sicherlich kann man Kinder und Jugendliche nicht vollständig vor den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in ihrem Umfeld und der Welt beschützen. Aber die Studie gibt Hinweise darauf, wie Eltern, Lehrer, Medien, Politik und Wirtschaft den Jungen den Umgang damit erleichtern könnten.
Die übermäßige Nutzung von Smartphones müsste begrenzt und Interaktion im wahren Leben gefördert werden. Politik sollten die Zielgruppen dort ansprechen, wo sie sich aufhalten – auf Social Media. Schule müsste digitaler werden und besser auf das Leben und die Arbeitswelt vorbereiten. Sinnstiftende Berufe könnten die Selbstwirksamkeit stärken und Arbeit muss sich lohnen. Diese Wünsche lassen sich aus den Ergebnissen der Befragung ablesen. Eine Umsetzung täte wohl der ganzen Gesellschaft gut.