Rankwell Ohne Sport und Diät: Wie man dauerhaft abnimmt, ohne dass es wehtut
Abnehm-Coach Simon Mathis erklärt, warum Sport beim Abnehmen nicht viel bringt, wieso er Intervallfasten kritisch sieht und warum er nichts davon hält, auf Disziplin zu setzen.
Simon Mathis ist diplomierter Fitness- und Ernährungstrainer und arbeitet als Abnehm-Coach. Im Interview verrät er, welche Methoden beim Abnehmen helfen – und welche in seinen Augen ungeeignet sind.
Frage: Herr Mathis, was ist wichtiger, um Gewicht zu verlieren – Sport oder Ernährung?
Antwort: Definitiv die Ernährung. Es ist ein Trugschluss, den ganz viele im Kopf haben, dass man unbedingt Sport machen muss, um abzunehmen. Es schadet nicht, aber beim Abnehmen macht die Ernährung etwa 80 Prozent und Bewegung maximal 20 Prozent des Erfolgs aus. Da haben viele einen falschen Fokus. Sie denken, sie müssten fünf Mal die Woche ins Fitnessstudio oder joggen gehen.
Frage: Und das ist falsch?
Antwort: Natürlich ist Sport gesund, und wenn man viel Zeit dafür hat, hat man damit auch einen Hebel, um abzunehmen. Aber viele haben nicht so viel Spaß an Bewegung, arbeiten Vollzeit und haben noch eine Familie. Und wenn man nicht sehr viel Sport macht, ist der Wirkungsgrad einfach nicht so groß.
Frage: Jeden zweiten Tag eine halbe Stunde laufen zu gehen, bringt also nicht viel?
Antwort: Nein, das kann man sich ja ausrechnen: Wenn man drei Mal die Woche eine halbe Stunde läuft, verbrennt man 900 Kalorien in der Woche, also 130 am Tag. Aber folgende Entscheidungen betreffen mehr als 130 Kalorien, und die treffe ich jeden Tag: Esse ich Spaghetti oder Gnocchi? Mit Pesto oder Tomatensoße? Trinke ich Apfelsaft oder Wasser? Grille ich Steak oder Bratwurst? Nehme ich Ketchup oder Mayo? Das ist weder Aufwand noch muss es Disziplin bedeuten, man spart sich dadurch aber leicht eine Menge Kalorien, für die man lange ins Fitnessstudio gehen müsste.
Frage: Okay, man sollte also vor allem auf seine Ernährung achten. Worauf besonders?
Antwort: Das ist ein spannender Punkt, denn eigentlich ist das Thema einfach, aber das Überangebot an Tipps macht es ultrakomplex. Dann fangen Leute an mit so Sachen wie: Ich muss regelmäßig essen, ich darf abends nichts mehr essen, ich muss Kohlenhydrate weglassen, ich muss weniger essen. Aber wenn man sich alle Abnehm-Methoden ansieht, haben sie eine Gemeinsamkeit: Es kann nur dann funktionieren, wenn die Kalorienzahl, die man aufnimmt, niedriger ist als die, die der Körper verbrennt.
Frage: Low Carb bringt also nichts?
Antwort: Verzichtet man auf Kohlenhydrate, nimmt man schon ab – aber nicht, weil man auf Kohlenhydrate verzichtet. Sondern weil man durch den Verzicht eigentlich nichts Leckeres mehr essen darf: keinen Alkohol mehr trinken, keine Naschereien, keine Pizza, kein Gebäck. Und deshalb nimmt man viel weniger Kalorien zu sich.
Frage: Was ist dran an der Theorie, dass man abends nichts mehr essen sollte?
Antwort: Davon halte ich nichts. Es geht ja darum, was über die ganze Woche oder den ganzen Monat passiert. Klar nimmst du wahrscheinlich ab – weil du weniger isst. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass man das sein Leben lang macht? Dann gibt es mal einen Geburtstag oder ein Geschäftsessen, man isst doch wieder spät etwas und hat dann auch noch ein schlechtes Gewissen.
Frage: Und Intervallfasten?
Antwort: Kommt aufs Gleiche raus. Das Spannende ist, dass es beide Theorien gibt: Wir haben viele Kunden, die nicht frühstücken, weil sie sagen: „Morgens trinke ich nur einen Kaffee, da mag ich nichts essen.“ Die reden sich aber ein, dass das der Grund ist, warum sie dick sind: Weil sie abends die größte Mahlzeit essen. Und die andere Fraktion sagt: „Ich frühstücke nicht, weil ich Intervallfasten mache – dann nehme ich ab.“ Die erste Fraktion macht also unbewusst auch Intervallfasten, sieht es aber im Gegensatz zur zweiten Fraktion als Problem. Letztlich ist das Intervallfasten nur eine andere Methode, um weniger zu futtern.
Frage: Wie gut funktionieren Diäten?
Antwort: Kurzfristig gut, aber irgendwann kann oder will man nicht mehr dranbleiben. Im Nachhinein redet man sich dann so Zeug ein wie „Ich war nicht diszipliniert genug“. Aber wenn man ganz ehrlich ist, weiß man schon von vornherein, dass diese Art zu essen nichts ist, was man sein Leben lang machen kann oder will. Diäten funktionieren nur, wenn man zu einem Stichtag X abgenommen haben will und es egal ist, was danach passiert.
Frage: Was raten Sie also Menschen, die abnehmen wollen?
Antwort: Ich nenne es die LKW-Methode, nach der sie sich fragen sollten: Ist diese Ernährung etwas, das ich mein Leben lang machen kann und will? Wenn die Antwort Nein ist, macht es nicht viel Sinn, damit anzufangen. Denn es ist ein Trugschluss zu sagen: Ich mache jetzt zehn Wochen Low Carb und danach halte ich mein Gewicht.
Frage: Also sollte man sich etwas aussuchen, womit man für immer zurechtkommt?
Antwort: Genau. Man sollte Abnehmen nicht wie ein klassisches Projekt sehen, sondern folgende Punkte prüfen, ich nenne es die 4-S-Regel: Erstens muss dir dein Essen schmecken. Zweitens muss es satt machen, denn wenn du immer hungrig ins Bett gehst, brauchst du Disziplin und hältst es nicht durch. Drittens wäre gut, wenn es simpel ist, du also nicht für dich anders kochst als für die Kinder oder irgendwelche komplizierten Rezepte versuchst. Und viertens muss es sozialverträglich sein. Denn wir sind alle soziale Wesen, für die es dazugehört, mal ein Glas Wein zu trinken oder mit den Kindern eine Pommes zu essen, ohne sich dafür verrückt zu machen.
Frage: Und dann?
Antwort: Dann fokussiert man sich auf die Kalorien und schaut gezielt: Was sind Lebensmittel, die mir super schmecken, aber viel weniger Kalorien haben als andere? Ein Beispiel: Im Vergleich mit Reis oder Nudeln haben Kartoffeln deutlich weniger Kalorien. Wenn mir die Kartoffeln gleich gut schmecken, esse ich doch mehr davon! Oder man knabbert selbstgemachtes Popcorn statt Chips, trinkt Kaffee statt Latte Macchiatto, nimmt Frischkäse statt Butter, Schinken statt Salami und Essig-Öl- statt Cocktail-Dressing für seinen Salat – langfristig wirkt sich das aus.
Frage: Und wenn man doch noch Sport machen will – zu welcher Sportart raten Sie, um abzunehmen?
Antwort: Theoretisch ist Krafttraining das Effektivste. Praktisch gesehen würde ich das machen, was einem viel Spaß bereitet. Ob Tennis spielen, Radfahren, oder mit den Kindern rausgehen.