Küstenschutz  Die Zukunft der Inseln und die Frage – haben sie eine?

| | 02.05.2024 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Insel Spiekeroog aus der Vogelperspektive. Foto: Schuldt/dpa
Die Insel Spiekeroog aus der Vogelperspektive. Foto: Schuldt/dpa
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„Dynamik ist der Charakter der Inseln“, sagt Küsteningenieur Frank Thorenz. Aber wie viel Dynamik können die Ostfriesischen Inseln vertragen, wenn der Klimawandel den Meeresspiegel steigen lässt?

Küste/Norden - Wie schnell der Klimawandel den Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten steigen lässt, ist noch gar nicht raus. Trotzdem: An der Nordseeküste will man nichts riskieren und sorgt vor. Die Deiche in Niedersachsen werden praktisch auf ganzer Länge erhöht; ganz grob gesagt, kommt überall ein Meter obendrauf. Aus gutem Grund: Der Weltklimarat hält es für nicht ganz unwahrscheinlich, dass der Meeresspiegel je nach Entwicklung der CO2-Emissionen bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu einen halben oder im Extremfall sogar um einen Meter steigen könnte im Vergleich zum Zeitraum 1995 bis 2014.

Die Abbruchkante nach einem Sturm am Strand vor dem Pirolatal auf Langeoog. Foto: NLWKN
Die Abbruchkante nach einem Sturm am Strand vor dem Pirolatal auf Langeoog. Foto: NLWKN

Doch wenn die erhöhten Deiche das Festland schützen – was wird aus den Inseln? Sie sind der See bis auf ihre Schutzdünen ausgeliefert. Die Abbruchkanten nach einer heftigen Sturmflutsaison machen jetzt schon deutlich, wie große Teile des Strandes einfach verschwinden können. Und dann sind die Inseln ja auch bewohnt und werden touristisch genutzt. Wird das alles noch funktionieren, wenn das Wasser steigt? Der Küsteningenieur Frank Thorenz hat darauf ein paar interessante Antworten. Er leitet die Betriebsstelle Norden des niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), und ist damit auch für den Schutz der Inseln zuständig.

Wir wollen über die Zukunft der Inseln reden, Herr Thorenz, und das fängt ja schon damit an, dass wir es nicht gerade mit einem statischen Gebilde zu tun haben, oder?

Frank Thorenz: Nein, gar nicht. Inseln sind tatsächlich sehr dynamische Systeme aus Sand, die unter dem Einfluss von Wasser und Wind ständig in Bewegung sind. Aber eben auch in Teilen festgelegt sind, weil wir die Siedlungsbereiche der Inseln schützen wollen. Deswegen wurden auf den Inseln Küstenschutzanlagen errichtet, also dort, wo es einen permanenten Abtrag von Material gibt. Sonst würden die Inseln sich langsam von Westen nach Osten verlagern.

Frank Thorenz leitet die Betriebsstelle des NLWKN in Norden und ist damit auch für den Schutz der Inseln zuständig. Foto: Oltmanns
Frank Thorenz leitet die Betriebsstelle des NLWKN in Norden und ist damit auch für den Schutz der Inseln zuständig. Foto: Oltmanns

Wieso das?

Thorenz: Weil wir überwiegend westliche Windrichtungen haben. Dadurch gibt es starke Wellen, die meist aus westlichen Richtungen kommen. Dazu kommt noch die Tideströmung. Die Tide läuft von West nach Ost entlang der ostfriesischen Inseln.

Stichwort Klimawandel: Was würde passieren, wenn wir beim Küstenschutz nicht mehr tun als bisher?

Thorenz: Sand ist ein sehr mobiles Material. Deswegen müssen wir uns auf ständige Dynamik einstellen. Und die Dynamik wird nochmal forciert dadurch, dass wir mit einem steigenden Meeressspiegelanstieg rechnen müssen. Wenn wir nicht mehr tun als bisher, werden mehr Küstenstrecken erodieren, also abgetragen. Auch Inselstrände werden sich zurück verlagern. Das wäre die natürliche Konsequenz.

Besteht denn die Gefahr, dass die Inseln überflutet und geräumt werden müssen?

Thorenz: Nein. Die Gefahr sehe ich – Stand heute – nicht. Unser Konzept ist, die Inseln zu erhalten. Das ist auch gesetzliche Aufgabe. Sie sind wichtige Wirtschafts- und Tourismusstandorte, und spielen mit ihrer Wellenbrecher-Funktion auch für den Schutz des Festlands eine wichtige Rolle. Die Gefahr ist eher, dass in bestimmten Inselbereichen die Strände insgesamt zurückgehen, das heißt, dass sich die Nordseite der Inseln in Richtung Inselinneres verlagert. Das wird nicht dramatisch sein, aber die Tendenz wird dann bestehen. Und wenn dahinter Siedlungsgebiete oder andere Nutzungen sind, muss man sich schon fragen: Wie kann man die schützen?

Und?

Thorenz: Unsere Idee ist: Da, wo mehr Sand abgetragen wird, müssen wir zukünftig mehr Sand hineinbringen. Wir müssen also neues Material in das System bringen, neues Sediment. Denn: Wenn der Meeresspiegel ansteigt, wird es mehr Erosionen geben und diese Erosionen würden dazu führen, dass in Sturmfluten die Dünen auf den Inseln abbrechen. Das kann man verhindern, indem man die Strände auffüllt, also höher und breiter macht. Dann werden die Dünen in Sturmfluten weniger von den Wellen angegriffen.

Wo soll der ganze Sand herkommen?

Thorenz: Das, was nicht natürlicherweise in das System Inseln/Wattenmeer transportiert wird über die Flüsse oder aus den Niederlanden, wollen wir zukünftig aus dem Küstenvorfeld holen, also bei Bedarf. Denn wann und wie stark der Meeresspiegelanstieg eintritt, das wissen wir alle noch nicht. Der Weltklimarat hat dazu eine große Spannweite von Projektionen veröffentlicht. Also: Wenn man aus 15 bis 20 Meter Wassertiefe weit vor den Inseln das Material gewinnt, es dann auf oder vor die Strände bringt, kann man damit die Inseln stabilisieren. Auch wenn der Meeresspiegel steigt.

Das ist ja schon ein massiver Eingriff in natürliche dynamische Prozesse.

Thorenz: Dadurch, dass wir natürliches Material einbringen – also in diesem Fall Sand, der auch den Korndurchmesser des natürlichen Sandes hat – ergänzen wir eigentlich nur das Defizit. Man muss sich vorstellen, dass sich ein Strand gerade auf den ost- und nordfriesischen Inseln ganz stark umformt. In einem Winter wandern Sandbänke teils mehrere hundert Meter die Küste entlang. Dynamik ist der Charakter der Inseln – wenn man die sich wandelnde Gestalt der Inseln über Jahrhunderte betrachtet, wird das sehr deutlich. Wenn wir nun Sediment einbringen, wandert dieses Sediment auch von einer Insel zur nächsten. Das heißt: Wir halten dieses dynamische System nur auf einer bestimmten Position. Das heißt nicht, dass wir die Küste fixieren und betonieren.

Wann soll denn das alles losgehen?

Thorenz: Das ist schon losgegangen. Wir sind jetzt dabei, Sandgewinnungsstellen für den Küstenschutz über die Raumordnung zu sichern. Die Raumordnung in Niedersachsen definiert, welche Flächen des niedersächsischen Hoheitsgebietes für welche Zwecke genutzt werden sollen. Und im Küstenvorfeld sind wir im Moment dabei, entsprechende Flächen festzulegen.

Und ab wann wird gebaggert?

Thorenz: Kann man nicht sagen. Wir bereiten uns jetzt auf die Zukunft vor. Damit wir, wenn wir den Sand brauchen, die Zugriffsmöglichkeiten darauf überhaupt haben. Es ist ja so: Wir sehen im Meer vor der Küste extrem viele Nutzungen, zum Beispiel die Leitungsanbindungen für die Offshore-Parks, Telefonkabel, Gasleitungen. Das ganze Küstenvorfeld ist im Prinzip schon verplant. Das sieht man nicht, aber es ist so. Um überhaupt noch Zugriffsmöglichkeiten zu haben, wollen wir die jetzt schon vorsorglich sichern. Das heißt nicht, dass wir das Material zwingend überall brauchen. Aber wir wollen gewappnet sein für die Zukunft.

Heißt, es dauert noch mit dem Baggern.

Thorenz: Im Moment sehen wir den Bedarf noch nicht, das Material zu entnehmen. Aber wenn der Meeresspiegel tatsächlich stärker ansteigen sollte, dann haben wir die Voraussetzungen geschaffen, auch handeln zu können.

Ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht!“ steht vor der Abbruchkante am Nordstrand der Insel Norderney. Die Aufnahme entstand im März 2022. Foto: Dittrich/dpa
Ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht!“ steht vor der Abbruchkante am Nordstrand der Insel Norderney. Die Aufnahme entstand im März 2022. Foto: Dittrich/dpa

Projekt „Zukunft Nordsee“

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.

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