Osnabrück  Ein Hauch von Freiheit: Wer stromert heute noch durch die Gegend?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 10.05.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Mit dem Hauch der Freiheit: Jungen stromern durch den Wald. Foto: imago/Schöning
Mit dem Hauch der Freiheit: Jungen stromern durch den Wald. Foto: imago/Schöning
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Früher stromerte man umher. Ohne Sinn und Ziel, aber mit jeder Menge Entdeckungslust. Wo ist das alte Wort geblieben - und wo jene Abenteuerlust, die beim stromern immer mit gemeint war?

Wer ein wenig durch die Gegend stromert, muss deshalb noch lange kein Vagabund sein. Es genügt schon, ein wenig ziellos umherzulaufen, sich einfach treiben zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Terrain urban oder ländlich ist. Stromern kann man überall. Besser gesagt: Man konnte es. Ich kenne das Stromern aus einer Zeit, in der es in Städten noch viele unbebaute Flächen und halb verwilderte Gärten gab, passende Terrains also für das Stromern.

Vagabundieren, herumstrolchen, streunen, ja, auch um die Häuser ziehen: Alle diese Wörter treffen das Stromern und dann auch wieder nicht so ganz. Wer durch die Gegend stromert, der geht nicht nur ziellos umher, sondern auch ein wenig auf Entdeckungsreise. Diese Tätigkeit setzt eine Umgebung voraus, in der noch nicht jedes Fleckchen besetzt und damit eindeutig definiert ist.

Ich habe das Verb stromern immer als doppeldeutig erfahren, ganz nach sozialer Perspektive. Für Jugendliche war das Stromern einst eine schöne, weil verheißungsvolle Sache. Man probierte seine Freiheit aus. Aus der Sicht der Erwachsenen ging die Sache nicht ganz so gut aus. Der Stromer, das war für sie immer ein Tunichtgut und Tagedieb, jemand, der sich nicht einfügte in Disziplin und Leistung.

Dazu passt, dass die Herkunft dieses heute kaum noch benutzten Verbs ein wenig im Verborgenen liegt. Das Wort soll aus der Studentensprache kommen. Spuren führen auch in das Rotwelsche, also die Sprache der Gauner und des früher so genannten fahrenden Volkes. Auch sie stromerten herum, bewegten sich ziellos – jedenfalls gemessen am Wegesystem des Alltags der sich für brav haltenden Leute.

Wer stromert, der lässt sich treiben und schwimmt gerade damit oft eben nicht mit dem Strom. In meiner Erinnerung klang das Wort stromern immer ein wenig nach Entdeckung und kleinem Abenteuer, nach dem Abstecher aus dem Alltag.

Schade eigentlich, dass das heute kaum noch jemand macht: stromern. Oder gibt es aktuelle Trendwörter, die genau das meinen? Ich habe vor allem den Eindruck, das Stromern mit den Jahren fast ein wenig verlernt zu haben – ebenso wie das Wort, das mir mit der Zeit ein wenig entglitten ist. Ist es nicht schön, mit einem alten Wort auch ein kleines Stück glücklichen Lebens wieder zu entdecken?

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