Hamburg  Neue Elite mitten im Marschland: Wie Ostfriesland im Mittelalter reich wurde

Jonas Ernst Koch
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Von Jonas Ernst Koch
| 13.05.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Marschland. Foto: Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung/ Thorsten Becker
Das Marschland. Foto: Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung/ Thorsten Becker
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Mit sogenannten „Festen Häusern“ kolonialisierten die Ostfriesen im 14. Jahrhundert das Marschland an der Nordseeküste, das bis heute die Region prägt. Diese cleveren Steinbauten waren für den Aufstieg der Ostfriesen entscheidend – und mehr als nur Angeberei.

Wie die Ostfriesen vor Jahrhundert so gelebt haben, ist ziemlich gut erforscht. Bis ins 11. Jahrhundert hinein wissen Forscher des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung viel über die Gesellschaftsstruktur an der Nordseeküste. Damals lebten die Friesen in den von vielen Wasserläufen durchsetzten Marschlandschaften und der angrenzenden Geest zwischen Ems und Weser genossenschaftlich zusammen.

Die Friesen selbst hatten damals nur wenig zu melden: Die Bischöfe aus Münster und Bremen diktierten das Geistliche, verschiedene Grafen aus Oldenburg und Westfalen das Weltliche. Doch wie Forscher des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung herausfanden, erstarkte im Hochmittelalter an der Nordseeküste plötzlich ein neues Selbstbewusstsein – und eine neue Elite.

Dabei half den Friesen, dass die Gegend durch einen Moorgürtel abgegrenzt war, zu dem auch das heutige Emsland zählte. Das hielt die fremden Herren möglichst fern und schottete die Gegend ab. Verschiedene friesische Häuptlinge wagten es deshalb im 14. Jahrhundert, eigene Machtsprüche anzumelden. Dazu pflegten eine besondere Bestattungskultur, gründeten eigene Kirchen – und bauten sogenannte „Feste Häuser“, die für den Aufstieg Ostfrieslands entscheidend waren.

Rund 420 dieser Backsteintürme haben Forscher auf der ostfriesischen Halbinsel und östlich des Jadebusen gefunden – vor allem mitten in der Marsch. Diese Schnittstelle zwischen Land und Meer hatte sich durch die Gezeiten und Sturmfluten ständig verändert – bis zur Eindeichung im 12. Jahrhundert. Nun eigneten sich die Gebiete abseits der Küstenlinie hervorragend für die Landwirtschaft und den Bau der „Festen Häuser“.

Diese waren das Zentrum des ostfriesischen Lebens. Echte Städte gab es erst viel später: Jever bekam 1536 das Stadtrecht, Aurich drei Jahre später. Für den Bau ließen die Fürsten kleine Hügel in die Landschaft aus Mist und Schlick aufschütten, sogenannte Warften. Diese schufen mehr Platz und schützten die Bewohner auch vor dem steigenden Meeresspiegel. Auf den Warften wurden Höfe gebaut, Vieh gehalten und Äcker bestellt. Drumherum schichteten die Bauern Deiche, um die Siedlungen vor dem Meer zu schützen – zumindest im Sommer.

In der Karolingerzeit wurden die Ostfriesen dann christianisiert und die Marsch auf Initiative der Bischöfe aus Münster und Osnabrück von Kirchen durchsetzt. Die Gotteshäuser entstehen oftmals an wichtigen Verkehrsachsen wie in Leer, direkt an der Ems, die schon damals die Nordseeküste mit dem Rheinland verbindet.

Bereits im 12. Jahrhundert wurden die Siedlungen durch einen Außendeich geschützt – eines der größten europäischen Projekte während des Mittelalters. Das schuf Platz für mehr Landwirtschaft, die vor allem Käse und Butter produzierte und Mastvieh hielt. Die Ostfriesen produzierten mehr, als sie verbrauchten – und exportierten den Überschuss über das Meer und Ems, Rhein, Elbe und Weser, denn das Hinterland war durch das Moor und zahlreiche Wasserläufe ziemlich schwer zu durchdringen.

Begünstigt durch ein Klimaoptimum zwischen den Jahren 800 und 1250 kolonialisierten die Friesen das Hinterland immer weiter. Durch immer weiter steigende Agrarexporte versorgten die Friesen schließlich auch Menschen südlich der Marsch, beispielsweise in den westfälischen Städten, wie auch Osnabrück. Viel Geld floss so nach Ostfriesland und machte einige friesische Familien unglaublich reich.

Um ihr neu gewonnenes Prestige zu zeigen, bauten sie Kirchen und die „Festen Häuser“. Diese auch Stinzen genannten Häuser waren zu damaliger Zeit gleich in mehrerer Hinsicht spektakulär: Nicht nur das Material der Backsteinhäuser war anstelle des damals üblichen Holzbaus ein Ausdruck von Reichtum, sondern auch die üblichen drei Stockwerke. Jeweils eine Etage war für das Wohnen, das Wirtschaften und einen Speicher vorgesehen. Lichtschlitze sorgten für Tageslicht.

Durch meist nah gelegene Kirchen und Süßwasserquellen sowie den Speicher waren die „Festen Häuser“ Zentrum der lokalen Wirtschaft und der Gesellschaft. Und durch Schießscharten, dicke Mauern, einen Graben und ein nur über eine Treppe zu erreichender Eingang auch ein zentraler Schutzort im Bedrohungsfall. Drumherum bildeten sich sogenannte „Wurfensiedlungen“.

Einige Dörfer bildeten sich allerdings auch abseits der frühen Burgen, andere „Feste Häuser“ dienten eher der Kontrolle wichtiger Knotenpunkte. Dort werden später auch einige Großkirchen gebaut, die teils so groß sind wie der Osnabrücker Dom, beispielsweise in Marienhafe im Landkreis Aurich. Größere Siedlungen entstehen dort trotzdem nicht.

Im 15. Jahrhundert hat das Klein-Klein der reichen friesischen Familien dann ein Ende: Durch geschickte Heiratspolitik und Kämpfe mit Schleudern, Armbrüsten und frühen Feuerwaffen untereinander brachten einige Familien große Ländereien in ihren Besitz.

Die „Festen Häuser“ wurden repräsentativer: Sie erreichten Längen von bis zu 30 Metern und verfügten dann meist auch über einen Saal, offene Kamine und Wappen. Auch die Tischmanieren wurden feiner. Die Häuptlinge importierten feinste britische oder französische Keramik, Geschirr aus Hessen, dem Rheinland, Sachsen oder Südniedersachsen. Mit Werkzeugen fertigen die Friesen Spangen, Ringe und Anhänger aus Gold. Und während man südlich der Marsch zu Steinsärgen griff, ließen sich die reichen friesischen Familien in Sarkophagen beisetzen.

Mit der „kleinen Eiszeit“ verändern sich jedoch schon ab dem 14. Jahrhundert allmählich die Bedingungen. Schwere Sturmfluten brachen immer wieder Deiche und zerstörten ganze Landschaften. Mitte des 14. Jahrhunderts kommt die Pest nach Ostfriesland. Ein Bündnis mit den von der Ostsee vertriebenen Vitalienbrüdern bringt die damals mächtige Hanse gegen die friesischen Häuptlinge auf. Mitte des 15. Jahrhunderts hatte das Klein-Klein der friesischen Häuptlinge dann ein Ende: Die Familie Cirksena hatte sich durchgesetzt.

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