Berlin  Tauben-Fütterungsverbot: Kritik an „Tierquälerei mit Ansage“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 13.05.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Berliner Tierschutzverein fordert einen artgerechten Umgang mit den Stadttauben. Foto: dpa/Robert Michael
Der Berliner Tierschutzverein fordert einen artgerechten Umgang mit den Stadttauben. Foto: dpa/Robert Michael
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Die Hauptstadt streitet über ihre Tauben. Obwohl ein Konzept zum Taubenmanagement schon vorliegt, wird jetzt wieder über Fütterungsverbote diskutiert. Der Berliner Tierschutzverein sieht in dem Vorstoß eine „Tierquälerei mit Ansage“.

Brautpaare lassen bei der Hochzeit gern zahme Tauben in die Luft steigen. Wenn dieselben Vögel später am Bahnhof picken, werden sie für viele allerdings schnell zu „Ratten der Lüfte“. In Berlin leben nach jüngsten Zählungen gut 15.000 Tauben. Seit einem Jahr liegt ein Konzept für Einrichtung von Taubenschlägen vor. Für die Tiere würde dabei artgerechtes Futter rausspringen. Und auch der Mensch soll profitieren – weil die Vögel ihr Häufchen nun nicht mehr am falschen Ort machen würden. Und weil im Taubenschlag der Bestand kontrolliert werden kann, indem man Eier gegen Attrappen tauscht.

Umgesetzt ist davon allerdings noch nichts. Stattdessen entbrennt eine neue Debatte um Fütterungsverbote. Der Bezirk Mitte hat im Rat der Bürgermeister eine solche Regelung eingebracht. Und in der „Bild“ forderte auch der CDU-Abgeordnete Alexander Herrmann ein Verbot privater Fütterungen. „Tierquälerei mit Ansage“ nennt das Eva Rönspieß, die Vorstandsvorsitzende des Berliner Tierschutzvereins. Im Interview erklärt sie, warum sie die Diskussion für unverantwortlich hält.

Frage: Frau Rönspieß, was stört Sie an der Initiative zum Taubenfütterungsverbot?

Antwort: Anstatt das dringende Problem des Taubenmanagements anzugehen, wird in der Berliner CDU über Taubenfütterungsverbote diskutiert. Das ist der völlig falsche Weg. Was wir brauchen, sind Taubenschläge, in denen artgerecht gefüttert wird. Ein entsprechendes Konzept der Berliner Landestierschutzbeauftragten liegt seit über einem Jahr vor. Stattdessen soll in Mitte jetzt sogar das private Füttern verboten werden. Die CDU scheint sich darin sogar landesweit einig zu sein. Und das ist ein Skandal. Stadttauben leiden an Mangelernährung. Eine artgerechte Fütterung zu verhindern, ist klar tierschutzwidrig. Das ist Tierquälerei mit Ansage.

Frage: Wird ein Taubenfütterungsverbot in einem der Berliner Bezirke schon umgesetzt?

Antwort: Der Bezirk Mitte hat das Fütterungsverbot im Rat der Bürgermeister eingebracht. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es früher oder später umgesetzt wird. Das sehen wir mit Sorge. Wir haben in Berlin noch kein stadtweites Taubenmanagement. Es gibt bislang nur Ehrenamtliche und ein paar Taubenschutzvereine, die die Tiere auf eigene Kosten mit artgerechtem Futter versorgen. Es geht nicht darum, dass jeder die Vögel mit altem Brot oder Nudeln füttern soll. Das schadet den Tauben wirklich, sie fressen es nur, um nicht zu verhungern. Aber die Fütterung mit artgerechten Körnermischungen zu verbieten, wäre verantwortungslos.

Frage: Ein Gutachten der Berliner Tierschutzbeauftragten hält Fütterungsverbote für gerechtfertigt – sofern es ein Wildtiermanagement mit Taubenschlägen gibt. Gehen Sie mit diesem Modell mit?

Antwort: Dabei geht es um ein temporäres, partielles Fütterungsverbot. Das soll ermöglichen, dass die Vögel den Taubenschlag annehmen und nicht an andere Futterstellen gebunden werden. In diesem und nur in diesem Fall ist ein Verbot sinnvoll. 

Frage: Gibt es in Berlin überhaupt schon einen der Taubenschläge, die das Konzept der Tierschutzbeauftragten vorsieht – und die in anderen Städten längst Alltag sind?

Antwort: Als Tierschutzverein haben wir vor einigen Jahren selbst einen Taubenschlag auf einem Hochhaus betreut. Hier haben wir zur Brutkontrolle Eier gegen Attrappen ausgetauscht. Das Projekt mussten wir aufgeben, weil der neue Hauseigentümer die Tauben als Imageschaden empfunden hat. Zurzeit unterstützen wir Taubenschutzvereine mit Futter im Wert von 1.600 Euro im Monat. Das Konzept der Tierschutzbeauftragten hat die CDU vorerst auf Eis gelegt, mit einem Vermerk, wonach die Umsetzbarkeit zu überprüfen sei. Tierschutz hat für die CDU nicht oberste Priorität. Was umgesetzt wird, hängt vom Haushalt ab. Die Regierungskoalition muss sparen. Wir rechnen mit gut sechs Prozent Kürzungen im Tierschutz. 

Frage: Was kostet das Taubenmanagement?

Antwort: Für das Taubenmanagement waren 200.000 Euro im Jahr veranschlagt. Schon das reicht nicht aus; und jetzt dürfte es noch einmal weniger werden. Zum Vergleich: Hamburg baut sechs Taubenschläge und hat für die ersten drei Jahre gerade eine Million Euro bewilligt. Tatsächlich kann man die Kosten an anderer Stelle wieder reinholen. Wenn der Vogelkot in Taubenschlägen landet, müssen beispielsweise die Verkehrsbetriebe kein Geld mehr für Reinigung und Vergrämung ausgeben. 

Frage: In Berlin wackelt das Taubenmanagement, Limburg will seinen Stadttauben den Hals umdrehen. Und eine Bundestagsabgeordnete schlägt vor, gesunde Listenhunde in Tierheimen einzuschläfern. Droht im Tierschutz eine politische Rolle rückwärts?

Antwort: Die Berliner CDU hat den Tierschutz in ihr Wahlprogramm aufgenommen; auch im Koalitionsvertrag mit der SPD stehen Dinge, die wir unterstützen. Aber das wird nicht mit Leben erfüllt. Fotos mit Welpen und Katzenkindern machen alle Politiker gern. Politisch wird aber nichts umgesetzt. Der Sachkundenachweis für Hundehalter – kommt nicht. Kontrolle des illegalen Welpenhandels – Fehlanzeige. Stattdessen wird schon Erreichtes wieder kassiert: Der Landestierschutzbeauftragten soll ein Maulkorb verpasst werden. Der Berliner Normenkontrollantrag zur Schweinehaltung soll zurückgenommen werden. Die CDU positioniert sich gegen das Verbandsklagegesetz für Tierschützer. Aus der Baunovelle verschwindet der Gebäudebrüterschutz. Berlin hätte zum Modell einer Großstadt werden können, in der Tier und Mensch gut zusammenleben. Das will die CDU nicht. 

Frage: Taugt der Tierschutz, wenn es um unpopuläre Arten geht, auch als Gegenstand einer populistischen Politisierung? Kann man mit Tauben genauso Stimmung machen wie mit dem Streit um Parkplätze und Radwege?

Antwort: Ich glaube nicht, dass der Tierschutz im Wahlkampf dieselbe Rolle einnehmen könnte wie die verkehrsberuhigte Friedrichstraße in Berlin. Der Tierschutz ist für die meisten Bürger nicht wahlentscheidend – leider. 

Frage: Sie wollen Berlin zum Vorbild für das gute Miteinander von Mensch und Tier machen. Mit wie vielen und mit was für Tieren leben die 3,8 Millionen Berliner eigentlich zusammen? Und woran scheitert das Miteinander zurzeit?

Antwort: In Berlin leben mindestens 130.000 Hunde, bei den Katzen gehen wir vom Dreifachen aus. Zusätzlich haben wir ein großes Problem mit verwilderten Hauskatzen. Wir haben Spatzen, die sich an den großen Bürotürmen das Genick brechen und keinen Brutplatz mehr finden. Wir haben Igel, die von Mährobotern überfahren werden, Regenwürmer, die der Laubbläser wegpustet. Das Thema ist riesig und viele Verbesserungen für Tiere ließen sich sehr leicht umsetzen. 

Frage: Die Stadt Limburg will ihre Taubenpopulation kontrollieren, indem sie den Tieren einfach den Hals umdreht. Hat die Politik schon mal dasselbe für verwilderte Katzen vorgeschlagen?

Antwort: Selbstverständlich nicht. Die Katze ist ein Kuscheltier. Wer Katzen so schlecht behandeln will wie die Tauben, wird ganz sicher nicht gewählt. Dabei sind freilaufende Katzen im Unterschied zu Tauben wirklich ein Problem. Die Berliner Katzenschutzverordnung sieht vor, dass Freiläufer kastriert sein müssen. Viele Berliner halten sich nicht daran, lassen unkastrierte Katzen raus oder setzen sogar trächtige Weibchen aus. 

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