Mordprozess gegen Weeneraner fortgesetzt „Und dann ist die Wut über ihn gekommen“
Ein 61 Jahre alter Mann soll im November in Weener seine Mutter getötet haben. Er leugnet das nicht – so erklärte er dem Gericht und einem Gutachter seine Beweggründe.
Aurich - Im Schwurgerichtsprozess um den Mord an einer 87-jährigen Frau in Weener sagte am Donnerstag der Angeklagte vor dem Auricher Landgericht aus. Der 61-Jährige hatte seine Mutter am 25. November mit einem Kopfkissen erstickt und nach der Tat einen Notruf um 23.38 Uhr abgesetzt. „Ich habe meine Mutter umgebracht.“, sagte er in dem Telefonat mit der Rettungsleitstelle. Mutter und Sohn haben seit etlichen Jahren in der Neuen Straße zusammengewohnt.
Vor der Befragung des Angeklagten durch das Gericht sagte sein Verteidiger Michael Schmidt einleitend: „Ob sie schlief, weiß er nicht.“ Sein Mandant habe die Tat inzwischen mehrfach bereut, aber rückgängig machen könne er sie nicht.
Der sehbehinderte 61-Jährige sitzt wegen Hüftproblemen im Rollstuhl. Um seinen Hals baumelt eine Hörbrille. Sie wurde so eingestellt, dass er die Verhandlung gut verfolgen kann. Seltsam emotionslos spricht er an diesem Tag über seine Beweggründe. „Es hat immer schon Ärger mit dem Vermieter gegeben, so dass ich befürchten musste, auf der Straße zu landen“, sagt er. Er habe Angst, dass dann Jugendliche kämen und ihn anzünden. Die Nebenkosten für die Heizung seien stark gestiegen, der Vermieter sei häufig gekommen und habe mehr Geld verlangt.
Schon einmal ein Vorfall
„Dann können Sie sauer auf den Vermieter sein. Was hat Ihre Mutter damit zu tun?“, fragt der Vorsitzende Richter Björn Raap. Seitens des Angeklagten macht sich Ratlosigkeit breit. „Das ist schwierig. Das ist das einzige, was mir dazu eingefallen ist“, meint er und kratzt sich am Kopf. Nach beharrlichem Nachhaken des Richters fördert er zutage, seine seit einem Monat bettlägerige Mutter habe den anfallenden Papierkram nicht mehr bewältigen können. Er habe schon im Blindenheim, beim Landkreis Leer und bei seiner Tante vorgesprochen, um woanders unterzukommen – ohne Erfolg. Als er nach dem Tathergang gefragt wird, erklärt der 61-Jährige, er könne sich nicht daran erinnern. Vor sechs Jahren hat er schon einmal versucht, seine Mutter mit einem Kissen zu ersticken. Damals wohnte er gemeinsam mit ihr in Leer. „Dieselbe Geschichte: Der Vermieter wollte immer mehr Geld für die Heizung, über tausend Euro“, berichtet der Angeklagte.
Anhand der Angaben, die er gegenüber dem psychiatrischen Gutachter Professor Wolfgang Trabert gemacht hat, wird deutlich, dass sich der 61-Jährige darüber aufgeregt hat, dass seine Mutter nicht mehr gekocht habe. Der „letzte Tropfen“ sei ein Brief vom Gericht gewesen, den sie aus Kraftlosigkeit nicht vorgelesen habe.
Als er dann in der Küche saß, sei „die Wut über ihn gekommen“. Er sei ins Zimmer seiner Mutter gegangen und habe zu ihr gesagt: „Jetzt hat deine letzte Stunde geschlagen“. „Mach keinen Mist“, habe sie geantwortet. Dann habe er das Kissen auf ihr Gesicht gedrückt.
Mutter und Sohn lebten fast immer zusammen
Aus seinem Lebenslauf wird deutlich, dass der seit Babytagen Sehbehinderte die meiste Zeit seines Lebens mit der Mutter zusammen gewohnt hat. Nach seiner Ausbildung zum Industriewerker hat er von 1991 bis 1993 gearbeitet, dann hat er gekündigt. Einige Jahre bewohnten die beiden benachbarte Appartements in einer Einrichtung in Leer-Loga.
„Ich kenne sie nur freundlich miteinander. Er hatte wohl seinen eigenen Kopf“, sagt seine 67-jährige Schwägerin im Zeugenstand über den Charakter des Angeklagten. Als sie von der Tat gehört habe, habe sie das „nicht fassen können“.
Die Haushaltshilfe, die die Schwägerin den beiden vermittelt hatte, zeichnet ein etwas anderes Bild vom Wesen des 61-Jährigen. Beim ersten Termin habe der Angeklagte nicht mit ihr gesprochen. Beim zweiten habe er seine Mutter angeschrien, weil sie Unterlagen nicht gefunden hatte. Am letzten Termin habe er vehement auf die Besorgung von Doppelkeksen bestanden.
Getötete war eine fürsorgliche Mutter
Den Gesundheitszustand der getöteten 87-Jährigen schildert die 31-jährige Zeugin aus Rhede als altersentsprechend – „schwerhörig, Gehen mit Gehstock, feinmotorische Schwierigkeiten“. Gegenüber der Polizei hatte sie als Beschreibung „offen und nett, eine ganz liebe und süße Frau“ angegeben. Um ihren Sohn habe die Seniorin sich fürsorglich gekümmert.
Ein Polizist, der in der Tatnacht vor Ort war, ist die Gleichgültigkeit des Angeklagten aufgefallen: „Er sagte, ich habe sie umgebracht, das ist dann halt so.“ Der 61-Jährige habe mehrfach gelächelt oder geschmunzelt. Er habe getan, als handle es sich um eine Bagatelle. Als Motiv habe er angegeben, irgendein Brief oder eine nichtbezahlte Rechnung wären ihm zu viel geworden. „Er verhielt sich so, als hätte er nicht verstanden, worum es geht: um ein Kapitalverbrechen“, berichtet der 27-jährige Beamte. „Er wirkte recht zufrieden mit der Situation, – dass sie ihn jetzt nicht mehr nerven kann.“
Der Prozess wird am Landgericht Aurich am Donnerstag, 30. Mai 2024, ab 9 Uhr mit den Gutachten der Rechtsmedizin und eines Psychiaters fortgesetzt.