Ostfriesische Landschaft plant Grabungen  Historische Fundamente auf neuem Kita-Grundstück in Norden gefunden

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 21.05.2024 17:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft, hat eine Karte des kommenden Baugrundstückes auf dem Rechner. Foto: Rebecca Kresse
Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft, hat eine Karte des kommenden Baugrundstückes auf dem Rechner. Foto: Rebecca Kresse
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Noch in diesem Jahr soll an der Donaustraße 10 in Norden der Bau des neuen Kindergartens Moortief beginnen. Doch Archäologen haben ein Bodendenkmal gefunden. Was das für den Bau bedeutet.

Norden - Für die meisten Menschen ist es nur ein überwuchertes Grundstück. Für die Behindertenhilfe Norden GmbH ist es der Ort, an dem der neue Kindergarten Moortief gebaut werden soll. Für Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft, ist das Gelände an der Donaustraße 10 ein historischer Fundort. Wie Voruntersuchungen ergeben haben, liegt dort ein geschichtsträchtiges Fundament, ein Bodendenkmal. Bevor der Kindergarten gebaut wird, wollen deshalb zunächst die Archäologen vor Ort graben und dokumentieren.

Trotz der Funde – das machte Sonja König im Gespräch mit unserer Zeitung klar –spricht aus Sicht der Archäologen nichts dagegen, den Kindergarten auf dem Grundstück zu bauen. „Wenn das so gewesen wäre, hätten wir das zu Beginn der Planungen gesagt“, betonte König.

Archäologen haben schon mal nachgesehen

Was genau dort in der Erde liegt, kann auch König nur vage beschreiben, mehr vermuten als wissen. „Wir waren schon mal da und haben geguckt“, sagte sie. Als das Thema des Neubaus auf dem Gelände aufkam sei die Landschaft um eine Stellungnahme gebeten worden. Grundsätzlich gibt es für Tidofeld Unterlagen und relativ viel Wissen. Direkt neben dem Grundstück liegt das Informationszentrum Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld. „Da haben sich vor allem Historiker, Geschichtsinteressierte und Museumsmenschen mit der Thematik beschäftigt. Die haben auch historische Fotos und Quellen“, sagte König. Deshalb hat auch die Landschaft eine ungefähre Vorstellung davon, was, wo gestanden hat. Auf historischen Fotos kann man zudem die Bebauung von damals sehen.

Auf dem Grundstück neben der Gedenkstätte Tidofeld soll die neue Kita Moortief gebaut werden. Foto: Rebecca Kresse
Auf dem Grundstück neben der Gedenkstätte Tidofeld soll die neue Kita Moortief gebaut werden. Foto: Rebecca Kresse

Auf dem gesamten Areal Tidofeld gab es hölzerne Notunterkünfte mit einem Fundament darunter. Genau auf dem Gelände, auf dem die Kita gebaut werden soll, habe aber gar nicht so sehr viel gestanden, sagte König. „Nach der Anfrage wegen des geplanten Neubaus haben wir einfach das Flurstück digital mit einem Plan überlagert“, erklärte die Expertin die Arbeitsschritte. Dabei hätten sie gesehen, dass ein Gebäude doch auf dem Gelände gewesen sein muss.

„Geschichtliche Zeugnisse kann man nicht reproduzieren“

„Dann haben wir Prospektionen gemacht. Das heißt, wir nehmen einen Bagger mit einer geraden Röhrenschaufel und einen Grabungstechniker von uns und klappen den Oberboden hoch und schauen mal, was zu sehen ist“, so König. In diesem Bereich etwa in einer Tiefe von 40 bis 60 Zentimetern. „Von dem einen Gebäude haben wir tatsächlich ein Betonfundament gefunden. Das ist ganzrandlich drin. Das ist eines der wenigen Objekte, das noch da ist von dieser Anlage. Das ist ein Originalzeugnis“, beschreibt Sonja König den Wert des Fundes. Darüber hinaus gebe es andere Strukturen wie Abfallgruben, Freibereiche und weitere Infrastruktur.

Für den Laien sind es nur irgendwelche Steine im Boden. Für die Profis der Ostfrieischen Landschaft ist hier schon ein Fundament zu erkennen. Foto: Rebecca Kresse
Für den Laien sind es nur irgendwelche Steine im Boden. Für die Profis der Ostfrieischen Landschaft ist hier schon ein Fundament zu erkennen. Foto: Rebecca Kresse

Das Problem für König: „Geschichtliche Zeugnisse kann ich nicht reproduzieren. Wenn sie weg sind, sind sie weg, die wachsen nicht nach.“ Da die Archäologen von heute nur so gut seien, wie die Technik ihrer Zeit, würden sie Funde grundsätzlich am liebsten im Boden für die Nachwelt erhalten, die dann vielleicht schon ganz andere Analyseverfahren kennt. „Während meines Studiums war zum Beispiel eine DNA-Analyse Science Fiction. Das gab es nur im Kino und ein wenig in den USA. Wenn man überlegt, dass das heute Standard ist. Heute macht man bei Skeletten automatisch eine DNA-Analyse und Spurenelementanalysen“, so König.

Ausgrabungsarbeiten für den Sommer geplant

Deshalb stelle sich jetzt die Frage, was mit den Funden passieren soll. „Wir würden es, wenn es nicht weg soll, einfach dokumentieren und da lassen“, sagte die Archäologin. Wenn es aber im Zuge der Bauarbeiten doch weg müsste, würden die Experten es „nach allen Regeln der Kunst dokumentieren, beproben, entnehmen und mit ins Magazin nehmen“. Denn danach sei das Bodendenkmal nicht mehr da.

Wann genau die Archäologen auf dem Grundstück mit ihren Arbeiten loslegen können, hängt vom Bauträger ab. Die Behindertenhilfe Norden GmbH plant den Neubau des Kindergartens Moortief an der Donaustraße. Die Baugenehmigung auf dem vom Landkreis Aurich erworbenen Grundstück liegt seit dem 17. November 2023, nach mehr als dreieinhalb Jahren Wartezeit vor. Die Ausgrabungsarbeiten sind grob für den Sommer 2024 geplant und bis dahin dürfen auf dem Gelände keinerlei Erdarbeiten stattfinden. Im Herbst 2024 soll dann der Bau des Kindergartens beginnen.

Das Vertriebenenlager Tidofeld

Das Vertriebenenlager Tidofeld war zwischen 1946 und 1960 eines der größten Vertriebenenlager Niedersachsens. Heute ist Tidofeld der kleinste Stadtteil der Stadt Norden.

Auf dem Gelände befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus ein Lager der Wehrmacht und der Marine. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte es die britische Besatzungsmacht als Entlassungslager für deutsche Kriegsgefangene. Nach dessen Aufgabe wurde es zur Unterbringung von Heimatvertriebenen genutzt.

Auf dem Gelände entstand eine sogenannte Barackensiedlung, die den Vertriebenen wieder ein Dach über dem Kopf bot. 1946 lebten den Aufzeichnungen nach rund 1200 Menschen dort, 1951 immerhin noch 1100 Vertriebene, aber auch einige wenige Einheimische in Tidofeld. Ein Problem war die Wohnraumknappheit, sodass in vielen Baracken bis zu 30 Personen lebten. Viele Familien lebten in Durchgangszimmern.

Zu Beginn der 1960er Jahre wurden das Lager aufgegeben, die Baracken abgerissen und durch normale Steinhäuser ersetzt. Vorangegangen war ein Streit zwischen der Stadt und den Vertriebenen. Die Heimatvertriebenen, unter denen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl herrschte, wollten diesen für sie wichtigen Ort jedoch nicht aufgeben. Sie konnten sich gegen die Stadt durchsetzen, sodass der neue Stadtteil in Tidofeld entstand.

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