Beratungsangebote in Ostfriesland Wenn es um Schwangerschaft, Partnerschaft und Sexualität geht
Die Beratungsstelle von pro familia in Emden hat seit Kurzem eine neue Adresse. Sie bringt den Fachleuten, die dort tätig sind, und Ratsuchenden einige Vorteile.
Emden/Leer - Wenn es um Schwangerschaft, Sexualität, Familienplanung, Partnerschaft oder um Sozialleistungen für Eltern geht, ist sie eine der ersten Anlaufstationen in der Region: Die Beratungsstelle von pro familia in Emden bietet Rat und Hilfe zu diesen sowie weiteren Themen an. Sie hat vor Kurzem neue Räume in der Innenstadt bezogen, die sowohl für Ratsuchende als auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einige Vorteile bringt.
Die Beratungsstelle des unabhängigen Fachverbandes hatte sich in den vergangenen zehn Jahren im Haus Am Delft 14 im Stadtzentrum befunden. Im Februar dieses Jahres zog sie nur wenige Hundert Meter weiter in das Wikinghaus an der Neptunstraße, also der Nebenstraße, die die Straße Am Delft mit dem Frickensteinplatz verbindet. Offiziell eröffnet wurde das neue Domizil aber erst vor einigen Wochen.
Schutz der Klienten war nicht mehr gewahrt
„Für den Umzug gab es mehrere Gründe“, sagt Michael Goedecker. Der Sozialpädagoge und- arbeitet in der Beratungsstelle mit einem Team aus vier Fachfrauen und einer Verwaltungskraft zusammen. Die Räume am Delft seien zuletzt nicht mehr geeignet gewesen, weil die Eigentumsverhältnisse des Gebäudes schwierig seien. Hinzu kam, dass die Anonymität der Klienten zuletzt nicht mehr gewährleistet war, weil sich in dem Haus ansonsten nur noch Privatwohnungen befanden.
Weil sich an der neuen Adresse mehrere öffentlich zugängliche Institutionen und Fachstellen befinden, können Ratsuchende pro familia jetzt geschützter aufsuchen. In den etwa 180 Quadratmeter großen Räumen im Hochparterre des Gebäudes hat der Fachverband zudem mehr Platz.
Mehr Platz für die sexuelle Bildung
Zwei größere Räume ermöglichen es jetzt, auch größere Gruppen und Schulklassen für die sexualpädagogischen Angebote zu empfangen. Vorher habe man häufig in Schulen gehen müssen, sagt Anja Grönniger. Die Sozialpädagogin und -arbeiterin betreut die sexuelle Bildung von pro familia in Emden gemeinsam mit der Erziehungs- und Sexualwissenschaftlerin Fiona Lienke.
Im vergangenen Jahr hat die Beratungsstelle in diesem Bereich insgesamt 1110 Personen bei Gruppenveranstaltungen erreicht. Gegenüber dem Vorjahr sei das ein leichter Anstieg, heißt es im Jahresbericht. Demnach sind die Anfragen im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Teilhabeeinschränkungen besonders angestiegen.
Schwangerschaftskonflikte sind der Schwerpunkt
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt aber auf der Beratung von Schwangeren und von Frauen in Schwangerschaftskonflikten, die wegen der sogenannten Beratungsregelung zu pro familia kommen. Nach dieser Regelung bleibt ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn die Frau sich zuvor beraten lässt. Ohne Strafe bleibt ein Abbruch zudem, wenn medizinische Gründe vorliegen oder wenn er wegen einer Vergewaltigung vorgenommen wird. Die weitaus meisten Abtreibungen wurden 2023 laut dem Statistischen Bundesamt nach der sogenannten Beratungsregelung vorgenommen.
Laut dem Jahresbericht hat pro familia in der Emder Beratungsstelle und in der Außenstelle in Leer 2023 insgesamt 258 Beratungen nach der gesetzlich geregelten Schwangerschaftskonfliktberatung registriert. Allein in Emden waren es 223. Das entspricht knapp einem Viertel aller Beratungen.
Hilfe gibt es bei vielen Problemen
Sorge bereitet den Fachleuten von pro familia die Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen in der Region. Es gebe gegenwärtig einen Mangel an Möglichkeiten, um den Eingriff rechtzeitig durchführen zu lassen, sagen die Beraterinnen. In Emden etwa seien Abtreibungen auf operativem Weg derzeit kaum möglich, klagt Fiona Lienke. Laut Beratungsstellenleiter Michael Goedecker laufen derzeit aber Gespräche, um eine Lösung zu finden.
Einzel-, Partnerschafts- und Sexualberatungen gehören ebenfalls zum Tätigkeitsbereich von pro familia. Ratsuchende können sich unter anderem bei individuellen psychischen Problemen, bei Beziehungsproblemen, Konflikten und Krisen, bei Schwierigkeiten in der Partnerschaft, bei Trennungen oder sexuellen Problemen wie beispielsweise Lustlosigkeit, Erektionsstörungen und Vaginismus (Scheidenkrampf) an die Beratungsstelle wenden.
Hoher Bedarf bei Beziehungskrisen
Insbesondere bei der Unterstützung in Beziehungskrisen gebe es „einen hohen Bedarf“, sagt die Sozialpädagogin Heike Weimann. Oft suchten Paare dabei kurz vor der Trennung Hilfe. In den Gesprächen gehe es unter anderem darum, ein gemeinsames Ziel zu finden. Es kämen auch Paare, „die von der Familie wieder zum Paar werden“ - also Eltern, deren Kinder das Haus verlassen. Weimann betont, dass pro familia aber keine Erziehungsberatung und keine Therapien anbietet.
Der Verband pro familia gründete sich 1952 mit dem Ziel, einen gemeinnützigen, nicht-staatlichen und nicht-konfessionellen Fachverband für Fragen der Sexualität und der Familienplanung zu schaffen. Emden ist eine von gegenwärtig 26 Beratungsstellungen im Landesverband Niedersachsen. Hinzu kommen fünf Außenstellen und eine Onlineberatung. Finanziert wird der Fachverband vom Land Niedersachsen, den Gebietskörperschaften sowie durch Gebühreneinnahmen und Spenden.
Pro Familia ist seit 1980 in Emden
In der 1980 gegründeten Emder Beratungsstelle arbeiten fünf Fachleute, die größtenteils auch über eine Zusatzqualifikation als Systemische Familienberater beziehungsweise Systemische Paar- und Familienberaterin verfügen. Das Team betreut an zwei Tagen pro Woche auch die im September 2006 eingerichtete Außenstelle Leer, die sich im Bürgerzentrum Ledatreff am Osseweg befindet. Der Einzugsbereich von pro familia Emden erstreckt sich über die gesamte Region und über die Grenzen Ostfrieslands hinaus.
Telefonsprechzeiten für Terminvereinbarungen sind montags von 10 bis 12 Uhr, dienstags und mittwochs von 9 bis 11 Uhr sowie donnerstags von 9 bis 11 Uhr und von 16.30 bis 18.30 Uhr. Die Rufnummer lautet 04921/29922.