Osnabrück Trauring, Kinderwunsch, Zukunftspläne – was Ricarda Lang beim Osnabrück-Besuch verriet
Mit 30 Jahren gehört Ricarda Lang schon zu den mächtigsten Politikern des Landes: Was kommt da noch? Ein Gespräch mit der Grünen-Chefin über Familienplanung, Sicherheitsvorkehrungen gegen übergriffige Demonstranten und Umweltschützer, die aus Einwegbechern trinken.
Falls es wilde Tage für sie sind, dann merkt man es ihr zumindest nicht an. Grünen-Chefin Ricarda Lang muss derzeit zusätzlich zum Berliner Tagesgeschäft im Europawahlkampf mithelfen, und das auch noch unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen: Ständig gibt es Meldungen von Übergriffen auf Politiker, und wer besonders häufig angefeindet wird, das sind die Grünen.
Lang aber wirkt entspannt, als sie Ende Mai im vierten Stock des NOZ-Gebäudes in Osnabrück zum Interview erscheint. Dass sie aus Schwaben stammt, hört man noch an ihrer Sprachfärbung mit dem stimmlosen S. Sie schenkt sich eine Tasse Kaffee ein und gegen Ende des Gesprächs noch eine Cola, die sie dann aber herunterstürzen muss, der nächste Termin drängt.
Frage: Frau Lang, Sie wollen in diesem Jahr heiraten. Was machen die Hochzeitsvorbereitungen?
Antwort: Oh, es ist auf jeden Fall viel zu tun, aber es macht auch Spaß, zuletzt haben wir über die Musikauswahl gesprochen. Mehr Details möchte ich nicht verraten, wir planen eine private Feier.
Frage: Ring schon ausgesucht?
Antwort: Das wird der Verlobungsring bleiben, den ich heute schon trage. Es ist einer der beiden Eheringe der Urgroßeltern meines Verlobten. Die fanden wir so schön, auch wegen ihrer langen Tradition, dass wir entschieden haben, sie zu behalten.
Frage: Verlobung, Ehe, Tradition. Sind alle Grünen so altmodisch?
Antwort: Wenn man einander sagt: Ich will für dich da sein, du willst für mich da sein, dann kann man das altmodisch nennen. Ich würde einfach sagen, es ist wunderschön. Es gibt mir Halt. Gerade in einer Welt, die mit viel Unsicherheit einhergeht, einer Welt, wo sich ganz viel ganz schnell verändert.
Frage: Wollen Sie auch eine Familie gründen?
Antwort: Ich kann mir das gut vorstellen. Und der Gedanke ist tatsächlich auch eine Triebfeder für mich. Eines Tages vielleicht selbst Kinder zu haben, geht für mich mit der Verantwortung einher, zu sagen: Ich will zu einer Welt beitragen, in der meine Kinder gut aufwachsen können.
Frage: Als Sie neulich mit der Bahn unterwegs waren zu einem Wahlkampftermin, haben Sie von sich ein Foto aus dem Waggon gepostet, mit einem Einweg-Kaffeebecher vor sich. Merkwürdig für die oberste Vertreterin einer Umweltschutzpartei.
Antwort: Wenn ich ein Bild von mir poste, wie ich in der Bahn sitze, räume ich doch nicht vorher alles weg, was irgendwen stören könnte. Das wäre nicht authentisch. In der Bahn gibt es nun einmal Kaffee aus Pappbechern, und so einen Kaffee habe ich getrunken. Es war lange ein Fehler der Umweltschutz- und Klimaschutzpolitik, dass man den Menschen immer erklärt hat, wie sie sich moralisch besser verhalten sollen. So gewinnt man keine Mehrheiten. Erstens wird es immer Menschen geben, die das nicht einhalten können oder die schlicht genervt davon sind. Zweitens verliert man die großen Stellschrauben aus dem Blick: Was kann man gesetzgeberisch tun? Was kann man wirtschaftlich tun? Was kann man strukturell tun? Mein Ansatz war schon immer: Ich will nicht den besseren Menschen, sondern die bessere Politik.
Frage: Also jeder darf aus Einwegbechern trinken?
Antwort: Jeder darf trinken, was und woraus er möchte. Es sollte auch jeder die Möglichkeit haben, Mehrwegbecher zu nutzen. Man sollte die Wahl haben.
Frage: Sie erleben persönliche Anfeindungen wie kaum eine andere Politikerin. Was machen Sie im Umgang damit heute anders als noch vor ein paar Jahren?
Antwort: Ich lese viel weniger Kommentare in den Sozialen Netzwerken. Kritik ist okay, und die kann auch mal harsch ausfallen. Da darf man als Politikerin nicht zu empfindlich sein. Aber dort, wo es ehrabschneidend und verletzend wird, versuche ich, dem nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bin in die Politik gegangen, um mich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Nicht, um mich mit Hasskommentaren zu beschäftigen.
Frage: Es geht ja mittlerweile um mehr als um den Hass im Netz. Politiker auf allen Ebenen, ob Kommunal- oder Bundespolitik, müssen heute fürchten, auf offener Straße bedroht oder angegriffen zu werden. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Antwort: Es gibt heute deutlich mehr Absprachen mit den Sicherheitsdiensten, mehr Sicherheitsvorkehrungen. Die Behörden machen da einen tollen Job, und dafür bin ich dankbar. Das ist aber eine neue Normalität, an die ich mich eigentlich gar nicht gewöhnen möchte. Dass Leute erstmal ihre Rucksäcke nach gefährlichen Gegenständen durchsuchen lassen müssen, wenn sie eine Wahlkampfveranstaltung besuchen wollen, sollte in einer Demokratie nicht normal sein. Zumal das auch die Gefahr eines Abriegelns birgt und man sich irgendwie zu verhärten und zurückzuziehen droht. Ich glaube vielmehr, es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben, auch mit Leuten, die andere Meinungen haben, auch an Orte zu gehen, wo es Gegenwind gibt. Denn die, die Amtsträger oder Wahlkampfhelfer angreifen, attackieren ja letztlich die Art und Weise, wie wir in einer Demokratie Konflikte aushandeln: nicht mit Gewalt, sondern im Dialog. Das Beste, was wir dem entgegensetzen können, ist, genau diesen Dialog noch viel mehr zu leben: die Hand ausgestreckt zu lassen.
Frage: Die Innenministerkonferenz hat härtere Strafen für Übergriffe auf Mandatsträger gefordert.
Antwort: Härtere Strafen können ein Instrument sein. Wichtiger finde ich die Frage: Wird das Recht auch durchgesetzt? Einen Wahlkampfhelfer zu attackieren, ist ja heute auch schon strafbar. Das ist Körperverletzung. Polizei und Justiz brauchen aber auch Personal und Ausstattung, damit sie solche Taten auch schnell verfolgen können. Die Innenminister müssen hier insgesamt mehr vorlegen.
Frage: Was denn?
Antwort: Konzepte, um die Wahlkämpfenden zu schützen. Eine Maßnahme wäre beispielsweise mehr Polizeipräsenz in der Fläche während des Wahlkampfes. Und natürlich brauchen unsere Sicherheitsbehörden eine gute Ausstattung. Die Anforderungen an sie sind in den letzten Jahren massiv gewachsen, von Rechtsextremen, die immer offener gewalttätig auftreten, über die islamistische Szene, die aktiver geworden ist, bis zu Spionage aus dem Ausland. Wir schlagen deswegen auch vor, dass es eine europäische Nachrichtendienstagentur gibt, quasi ein Gegenstück zu Europol, der europäischen Polizeibehörde. Wir wissen ja, dass rechtsextreme und antidemokratische Kräfte zwar national denken, aber international handeln, sich vernetzen, sich auch aus dem Ausland finanzieren lassen. Bestes Beispiel dafür: die Spitzenpolitiker der AfD, die Geld aus Russland und China bekommen haben sollen.
Frage: Wenn Annalena Baerbock und Robert Habeck beide absagen würden, könnten Sie sich den nächsten Bundestagswahlkampf auch als Kanzlerkandidatin vorstellen?
Antwort: Nein, ich bin sehr glücklich als Parteivorsitzende. Auf diesem Posten will ich jetzt meinen Beitrag dazu leisten, dass wir bestmögliche Ergebnisse haben und wir weiterhin das Land gestalten können.
Frage: Sie sind 30 Jahre alt. Manche Politiker, die ähnlich früh in Verantwortung gekommen sind, haben auch schon früh angekündigt, nicht ein Leben lang Politik machen zu wollen, Christian Lindner zum Beispiel oder der frühere FDP-Chef Philipp Rösler. Wie ist das bei Ihnen?
Antwort: Ich glaube nicht, dass ich für immer Politik machen will. Dafür kann ich mir zu viele andere Dinge vorstellen, auch wenn da jetzt noch nichts spruchreif ist. So glücklich ich mit dem bin, was ich gerade mache: Es ist ein Job auf Zeit, und das ist gut so.