Osnabrück Schauspielerin Stefanie Stappenbeck: “In der Arbeit habe ich mich oft minderwertig gefühlt”
Seit 2016 ist Stefanie Stappenbeck nicht mehr aus der ZDF-Krimiserie “Ein starkes Team” wegzudenken. Ob es nicht langweilig wird, acht Jahre lang die gleiche Rolle zu spielen und warum die Schauspielerin lange dachte, sie sei nicht gut genug für den Job – das erzählt Stefanie Stappenbeck im Interview.
Stefanie Stappenbeck kommt gerade frisch vom Dreh. Aktuell steht sie wieder für die ZDF-Krimiserie „Ein starkes Team“ vor der Kamera. Die 50-Jährige hat es allerdings nicht weit zur Arbeit – denn gedreht wird in Berlin, wo Stappenbeck seit ihrer Kindheit lebt. An diesem Montag im Mai ist sie mit dem Dreh früher fertig als geplant. Vor dem Interview macht sie sich erst einmal einen Tee, Darjeeling. Jetzt ist sie bereit für die Fragen.
Frage: Mir ist aufgefallen, dass Sie immer den gleichen Ring tragen - was hat es damit auf sich?
Antwort: Der Oura-Ring trackt meine Schlafwerte: REM-Schlaf, Tiefschlaf, Atmung, Herzwerte und auch den Sauerstoffgehalt im Blut. Es hilft mir, meinen Körper besser zu lesen und ihn zu unterstützen. Als Beispiel: Nach der ersten Corona-Impfung bin ich am nächsten Tag aufgestanden und dachte „alles super, ich merke gar nichts“ – aber der Ring warnte mich. Ich hätte einen halben Grad erhöhte Körpertemperatur, meine Atmung und mein Herzschlag waren beschleunigt, ich soll keinen Sport machen und mich ausruhen.
Frage: Sie sind ja 50 Jahre alt geworden - würden Sie sagen, Sie sind jetzt alt?
Antwort: Nein, eigentlich nicht. Empfinden Sie das, wenn jemand 50 ist? Ich versuche manchmal, das vom Lebensende her zu betrachten. Wenn eine 80-Jährige auf eine 50-Jährige guckt, ist die ja wahnsinnig jung. Und mit der Künstlichen Intelligenz im Medizinbereich wissen wir sowieso nicht, wie alt wir alle noch werden können.
Frage: Langweilen Sie sich auch mal an einem langen Tag am Set?
Antwort: Erstmal langweile ich mich selten. Umbaupausen sind auch mittlerweile so kurz, dass es zum Umziehen reicht und vielleicht noch dafür, kurz in den Text zu gucken für die nächste Szene. Ansonsten versuche ich die Zeit sinnvoll zu nutzen: Telefonate erledigen, die nächsten Szenen vorbereiten. Zurzeit drehen wir am Berliner Wannsee – da gehe ich gerne in den Wald und genieße kurz die Natur.
Frage: Haben Sie auch schon mal etwas vom Set gestohlen?
Antwort: Ich habe es tatsächlich ein einziges Mal versucht! Ich erinnere mich an einen meiner ersten Filme, da wollte ich einen Ledergürtel mitnehmen, den ich geliebt habe. Aber die Kostümbildnerin kam mir sofort auf die Schliche und hat ihn dann wieder zurückgenommen. Ansonsten bin ich jemand, die einfach fragt, wenn sie gerne was hätte. Klauen ist irgendwie nicht meine Natur. Ich kann auch nur sehr schlecht lügen.
Frage: Ich würde gerne einmal einen Rückblick auf Ihre Kindheit in der DDR wagen. Wie war das, in der DDR ein Kinderstar zu sein?
Antwort: Sowas gab es in der DDR gar nicht, Kinderstars. Als ich zehn Jahre alt war, kamen Talentscouts in meine Schule. Ich wurde ausgewählt, zu Probeaufnahmen eingeladen und kam in eine Kinderdatei. Ein Jahr später bekam ich die Zusage für einen Film. „Der Elterntauschladen“ wurde dann aber immer nach der Schule geprobt und gedreht, so dass die Schule nicht beeinträchtigt wurde. Beim nächsten Film war ich dann 13 Jahre alt. Das war „die Weihnachtsgans Auguste“, der heute immer noch im Fernsehen kommt. Dieser Film wurde auch in den Ferien gedreht. Insofern habe ich mich in keinster Weise wie ein Kinderstar oder berühmt gefühlt.
Frage: Wissen Sie noch, wie viele Ostmark Sie für die Rolle in der Weihnachtsgans Auguste bekommen haben und was Sie davon gekauft haben?
Antwort: Ich glaube, da gab es sowas wie 100 Mark am Tag – was wirklich viel war. Wenn ich das mit meiner Mutter vergleiche: Sie hat so circa 600 Mark im Monat verdient. Für meinen ersten Westfilm habe ich 2000 West-Mark bekommen und davon habe ich mir eine Schallplattenanlage gekauft.
Frage: Wie war es, als es das DDR-Fernsehen, in dem Sie gerade durchgestartet waren, auf einmal nicht mehr gab?
Antwort: Das war sogar sehr positiv. Als die Mauer fiel, war ich 14 Jahre alt – da hatte ich erst zwei Filme gedreht, davon war einer meine erste Kinofilm-Hauptrolle. Und zu DDR-Zeiten hätte ich dann einen Platz auf der Schauspielschule kriegen müssen, um Schauspielerin werden zu können. Dazu muss man sagen: Es gab im ganzen Land drei Schulen mit jeweils etwa zehn Plätzen pro Jahr. Als Quereinsteigerin hätte ich da wohl kaum eine Chance gehabt. Ich glaube, ohne Schauspielschule in diesen Beruf hereinzurutschen, wäre in der DDR unmöglich gewesen.
Frage: Hat Ihnen die fehlende Ausbildung an einer Schauspielschule später geschadet, wenn es darum ging, Rollen zu bekommen?
Antwort: Was Rollen angeht: nein. Aber in der Arbeit habe ich mich oft minderwertig gefühlt, weil ich dachte, ich könnte es ohne Ausbildung ja nicht so gut. Das Verrückte ist ja, dass ich, ohne irgendwelche Beziehungen zu haben, schon mit 19 Jahren durch Empfehlung einer Filmproduktion und der Babelsberger Schauspielschule, an der ich mich beworben hatte, am Traumtheater der DDR, am Deutschen Theater, gelandet war und dort insgesamt in 10 Stücken spielte. Dort, wo Karrieren ihren krönenden Abschluss finden, dort wo alle hinwollen – da habe ich angefangen. Rückblickend ist das ein Wunder für mich. Was aber lange Zeit nicht einfach war: dass ich keine Menschen um mich herum hatte, die mit mir den gleichen Weg gingen. Anders als in Schule oder Studium war ich alleine unter erfahrenen Schauspielern. Und dann sah ich auch noch so jung aus. Ich habe selbst so bis Mitte zwanzig gebraucht, bis ich mich selbstbewusst Schauspielerin nennen konnte.
Frage: Welche Rolle hat Sie bislang am meisten gefordert?
Antwort: Aus gesangstechnischen Gründen auf jeden Fall Polly in der Dreigroschenoper. Diese Rolle habe ich 2004 in Hamburg und später am Berliner Ensemble gespielt. In „Herr Paul“ spielte ich eine Behinderte, ganz am Anfang meiner Theaterlaufbahn. Während der Proben wusste ich: Ich werde scheitern, ich hatte wirklich keine Idee, wie ich das hinkriegen sollte. Aber beim Premierenapplaus kam mir eine Wand von Bravo-Rufen entgegen; ich war völlig geschockt und wusste überhaupt nicht mehr, wo oben und unten ist. Das war das erstaunlichste Erlebnis meiner Laufbahn, glaube ich. Auch, weil niemand diese Rolle mit mir erarbeitet hat. Es war erst mein drittes Theaterstück und ich bekam nur zwei Regieanweisungen während der Proben. Die eine lautete: „Mach mal insgesamt ein bisschen weniger“. Die zweite: „Bei dem Tanz mach ein bisschen mehr“.
Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie gerne in einem richtigen Klassiker mitspielen würden? Welcher Klassiker wäre da bei Ihnen auf der Liste ganz oben? Und welche Rolle würden Sie am liebsten übernehmen?
Antwort: Das Erste, was mir dazu einfällt, ist der letzte „Blade Runner“ von Denis Villeneuve zum Beispiel – der mit Ryan Gosling. Der Film hat mich umgehauen, ein moderner Tarkowski. Der alte Blade Runner ist ja auch ein Klassiker. Da wäre mir auch egal, in welcher Rolle.
Frage: Schauen Sie eigentlich die Filme, bei denen Sie selbst mitspielen, auch, wenn Sie dann im Fernsehen zum Beispiel laufen?
Antwort: Nein, ich schaue Filme mit mir selbst nur, wenn ich muss. Mir fällt es immer noch schwer, mich anzugucken, weil ich überkritisch bin. Da arbeite ich schon seit 30 Jahren dran, auch mit einem Coach. Neulich scheint es mal was gefruchtet zu haben: Da habe ich mich dann direkt am nächsten Tag getraut, ein Video-Casting auf Englisch zu machen. Mein erstes englisches E-Casting. Es ist nichts draus geworden, aber vielleicht beim nächsten Mal.
Frage: Hat Ihre Tochter eigentlich Ihr Schauspieltalent geerbt?
Antwort: Ich glaube, sie ist sogar besser als ich. Sie performt sehr gerne, spielt mehrere Instrumente, tanzt und schreibt Texte. Sie sagt, dass sie auch Schauspielerin werden will. Aber ich traue ihr alles zu, auch dass sie CEO von einem interessanten Unternehmen wird.
Frage: Seit 2016 – also seit mittlerweile acht Jahren – spielen Sie schon bei “Ein starkes Team”. Wird es nicht irgendwann mal langweilig, immer die gleiche Rolle zu spielen?
Antwort: Ich finde, dass meine Rolle Linett so anders ist als ich, dass sie immer noch interessant zu spielen ist. Manchmal wünsche ich mir für Linett mal wieder eine Undercover-Geschichte oder etwas aus ihrer Vergangenheit, das wieder auftaucht. Ich lege auch sehr großen Wert darauf, dass ich nicht nur „Ein starkes Team“ drehe, sondern mindestens noch zwei andere Projekte in jedem Jahr. Damit ich mich da auch kreativ weiter austoben kann.
Frage: Kommen wir zur neuen Folge. In “Tod einer Pflegerin” beschäftigen Sie sich mit dem Todesfall in einem Altersheim. Was war für Sie das Spannende an der Geschichte?
Antwort: Aktuell haben wir einfach viele und immer mehr ältere Menschen, die hilfs- und pflegebedürftig sind. Den Umgang damit zu thematisieren, finde ich wichtig. Und wenn es dann in eine spannende Krimihandlung verpackt ist, hat es die Chance, viele Menschen zu erreichen.
Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit der Pflege in der eigenen Familie gemacht?
Antwort: Ich habe eine behinderte Schwester. die seit vielen Jahren selbstständig in einer christlichen Einrichtung lebt. Vor ein paar Jahren hatte sie allerdings eine sehr schwere Operation am Herzen und hat fast ein halbes Jahr im Krankenhaus verbracht, das war eine schwere Zeit.
Frage: Eine Abschlussfrage: Was waren die besten Krimis, die Sie in Ihrer Kindheit oder Jugend geschaut haben?
Antwort: Ich habe gar keine Krimis geguckt in meiner Kindheit oder Jugend. Ich habe unglaublich viel gelesen, auch Krimis. Die britischen Autorinnen mochte ich am meisten. Star Trek, besonders die Folgen mit Captain Picard, war meine Lieblings-TV-Serie.
„EIN STARKES TEAM – TOD EINER PFLEGERIN: Am 08. Juni 2024 um 20.15 Uhr im ZDF und ab 01.06., 10:00 Uhr in der ZDFmediathek
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