Berlin  Amok-Alarm: So oft werden Niedersachsens Schulen bedroht

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 31.05.2024 12:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wie oft lösen Drohungen an Schulen Amok-Ermittlungen aus? Wir haben die Zahlen für Niedersachsen und Schleswig-Holstein gesammelt. Foto: dpa/picture-alliance
Wie oft lösen Drohungen an Schulen Amok-Ermittlungen aus? Wir haben die Zahlen für Niedersachsen und Schleswig-Holstein gesammelt. Foto: dpa/picture-alliance
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In der Schule meiner Kinder steht eine Amokdrohung an der Wand – mit Datum. Trotzdem lässt die Polizei den Unterricht stattfinden. Passiert das öfter als man denkt? Und wie bewerten die Ermittler das Risiko? Die Geschichte und die Zahlen.

„Amokandrohung für den 22.01.2024 – bereits erfolgte Maßnahmen und weiteres Vorgehen“. Unter dieser Betreffzeile richtet sich die Schulleiterin unserer zwei Kinder im Frühjahr an Elternschaft und Kollegium. Zwei Tage zuvor, so war in der E-Mail zu erfahren, wurde im Treppenhaus dieser Schriftzug entdeckt: „Amok22.01.2024“. Meine Kinder gehen in Berlin zur Schule, es ist öfter mal was los. Eine Amokdrohung war für alle aber neu und schockierend.

Das Landeskriminalamt (LKA) habe den Fall übernommen, heißt es in dem Schreiben weiter. Schüler und Lehrer sind gehalten, Beobachtungen zu melden: Ist vor der Entdeckung der Schrift jemand später zum Unterricht erschienen? Haben Schüler sich in der letzten Zeit auffällig verhalten? Uns Eltern signalisiert der Aufruf zur Mithilfe zwischen den Zeilen auch dies: Einen geständigen Täter hat die Polizei wohl noch nicht ermittelt. Offenbar ist die Gefahr noch akut.

Trotzdem hält das LKA eine Schulschließung für unnötig. Am betreffenden Tag soll der Schulbetrieb mit Kontrollstreifen begleitet werden, vormittags und nachmittags. Zurzeit, heißt es, würden an mehreren Schulen ähnliche Vorfälle verzeichnet. Die Schulleitung bittet darum, Panik zu vermeiden und die Schule weiterhin als geschützten Ort zu betrachten.

Angesichts einer Amokdrohung fällt das schwer. Zumal die Beobachtung der Polizei stimmt: Auch an unserer Schule war zuletzt viel passiert. Erst vor Kurzem hatte ein Schüler einen Handtuchspender angezündet. Der Toilettenraum war komplett ausgebrannt. Für mein jüngeres Kind, einen Drittklässler, fand der Unterricht seitdem auf dem Flur statt. Der Rauch hatte die Klasse über Monate unbenutzbar gemacht.

Am zweiten Standort unserer Schule, wo die Größeren lernen, wird seit einiger Zeit immer wieder der Feueralarm ausgelöst. Vielleicht deutet das darauf hin, dass auch die Amokwarnung nur ein Störmanöver ist. Aber vielleicht auch nicht.

Reagiert das Landeskriminalamt womöglich ruhiger als Eltern und Lehrer, weil Amokdrohungen an Schulen Polizeiroutine sind? Wir fragen nach, wie oft so etwas vorkommt. Unsere Stadt Berlin fasst in der Statistik den „Verdacht auf bedrohliche Einsatzlagen“ wie mögliche Amokläufe und „Bombendrohungen“ in der Statistik zusammen. Für die Jahre von 2018 bis 2022 wird für die rund 900 Berliner Schulen immer nur eine einstellige Zahl genannt; Jahr 2023 ist mit 24 Vorfällen ein Ausreißer nach oben.

Und im Norden? Für Niedersachsen gilt: Zu einem vollendeten Schoolshooting kam es hier noch nie. Und auch die Androhung ist eher selten. 2022 kam es an den rund 2500 Schulen des Landes zu elf Drohungen aus dem Bereich schwerer zielgerichteter Gewalt. (Dazu zählt die polizeiliche Kriminalstatistik neben Amokankündigungen auch die Drohung mit Brandstiftung oder Bomben.) In keinem Fall haben die Ermittlungen Hinweise auf eine tatsächlich bevorstehende schwere Gewalttat ergeben.

Für das Jahr 2021 nennen Niedersachsens Ermittler nur ungefähr eine „niedrige“ Zahl von Schulamokdrohungen. Auffällig war in diesem Jahr vor allem ein Fall: Ausgehend von Hunderten Schüler-Accounts des Schulnetzwerk „IServ“ wurden Amok-, Bomben- und Morddrohungen verschickt, und das an über 30 Schulen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Baden-Württemberg. Als tatverdächtig wurden vier Personen im Alter von 16 bis 19 Jahren ermittelt. Außerdem wurde Ende des Jahres eine Reihe von Amokdrohungen via Farbschmierereien festgestellt, hinter der die Polizei einen TikTok-Trend vermutete.

Für das Jahr 2020 hatte die Polizei 18 Fälle von Amokandrohungen im Schulkontext erfasst, zu denen 20 Tatverdächtige ermittelt wurden. 2019 wurden zwölf Schulamokläufe angedroht, mit elf ermittelten Tatverdächtigen. 2018 waren es 22 schulische Amokdrohungen und 23 Verdächtige.

Auch in Schleswig-Holstein wurde an den knapp 800 Schulen des Landes noch keine Amoktat verwirklicht. Angedroht wurden Amokläufe im letzten Jahr aber in 25 Fällen. Die Polizei ermittelte zehn Tatverdächtige. Die Zahl der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, zu denen dann auch verwandte Szenarien wie Bombendrohungen zählen, betrug im Jahr 2023 sogar 40.

In den fünf Jahren davor – in die auch die pandemiebedingten Schulschließungen fielen – waren die Zahlen niedriger. 2022 wurde noch von 16 Amokdrohungen berichtet; ermittelt wurden 8 Tatverdächtige. 2021 wurden vier Amokdrohungen ausgesprochen und auch vier Verdächtige ermittelt. 2020 und 2019 waren es jeweils fünf, zu denen auch je fünf Tatverdächtige ermittelt wurden.

An unserer Schule herrschte nach der Drohung Verunsicherung. Dass das LKA eine Schulschließung nicht für nötig hielt, bedeutete zwar eine gewisse Entlastung. Allerdings hätten sich viele Eltern gewünscht, die Gründe zu erfahren. Doch selbst im Nachhinein gibt die Polizei dazu keine Auskunft – aus Sorge, zukünftige Täter könnten ihr Verhalten darauf abstimmen.

Auch vom Kieler Landespolizeiamt heißt es, dass die „polizeispezifischen Formulierungen“ den Betroffenen wohl nicht die Ängste nehmen. Zugleich betont ein Sprecher: „Die Polizei geht hochprofessionell und ernsthaft in so eine Lagebewertung und ist auf verschiedenste Szenarien vorbereitet.“ Die Einschätzung erfolge grundsätzlich als Einzelfallbetrachtung, in die die Umstände der Drohung, der allgemeine Kontext und erste Ermittlungsergebnisse einfließen.

Zur Reaktion gehören dann nicht nur die offen kommunizierten Schritte. Zusätzlich könnten auch „unsichtbare Maßnahmen“ getroffen werden, über die auch Beamte mit einer entsprechenden Zusatzausbildung mitentscheiden: „Für Außenstehende, ggf. auch für Eltern, ist der sogenannte ‚Kräfteansatz‘ nicht immer erkennbar.“

Die Polizei rät deshalb, ihren Anweisungen zu folgen, schulische Sicherheitskonzepte zu berücksichtigen und sich nicht an Spekulationen und Gerüchten zu beteiligen. Gerade die seien für Großteil der Verunsicherung verantwortlich. 

Für das pädagogische Personal hat die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes eine Handreichung zur Gewalt an Schulen zusammengestellt. Zum Stichwort Amok betont dieses Papier die große Bedeutung vorausgehender Andeutungen: „In fast allen Fällen hatten die Täterinnen bzw. Täter ihr Vorhaben vorher angekündigt und Hinweise darauf z. B. in Zeichnungen, Schulaufsätzen, E-Mails an Mitschülerinnen und Mitschüler oder in Mitteilungen in Chatrooms und Foren im Internet gegeben“, heißt es hier. „Es gibt aber auch andere auffällige Verhaltensweisen, wie z. B. das Sammeln von Material über frühere Amoktaten oder Massenmorde.“

Amokläufe würden in der Regel „lange geplant und gut vorbereitet“; der Entschluss zur Tat falle – anders als das Wort Amok vermuten lasse – für gewöhnlich nicht spontan, sondern reife über einen längeren Zeitraum heran. Die Täter beschreibt die Polizei als zurückgezogen und in mediale Gewaltfantasien verstrickt.

Als häufige Motive nennt die Polizei sozialen Druck, persönliche Kränkungen und die Ablehnung durch Mitschüler. Die Tat begünstige außerdem zumeist der Zugriff auf Waffen, die Familienmitglieder als Jäger oder Sportschützen legal erworben hätten.

Wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ein verwirklichter Amoklauf nach der Androhung auch ist: Meine Kinder waren am Stichtag nicht in der Schule. Ihre Lehrer hatten – so wie die vieler anderer Klassen auch – spontane Ausflüge anberaumt. Sicher ist sicher. Falls die Polizei sich geirrt hätte, wären sie nicht in der Klasse gewesen. Passiert ist dann aber – gar nichts.

Die Polizei hat in unserem Fall recht behalten. Und den Täter der Drohung ermittelt hat das LKA inzwischen auch. Offenbar war es ein Teenager, der auf unsere Schule ging – auf die er jetzt nicht mehr zurückkehren darf.

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