London  Mr. Brexit ist zurück: Nigel Farage kandidiert für das britische Parlament

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 04.06.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wahlkampf für die Parlamentswahlen in Großbritannien: Überraschend dabei ist der 60-jährige Nigel Farage. Foto: dpa/Yui Mok
Wahlkampf für die Parlamentswahlen in Großbritannien: Überraschend dabei ist der 60-jährige Nigel Farage. Foto: dpa/Yui Mok
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Nigel Farage ist das Gesicht des Brexits. Nun will der Rechtspopulist doch mit „Reform UK“ bei den britischen Unterhauswahlen am 4. Juli antreten. Was für Folgen hat sein Comeback für aktuelle Regierung um Rishi Sunak?

Es war ein Auftritt ganz nach dem Geschmack von Nigel Farage, bei dem alle Auge auf ihn gerichtet waren. In einem modernen, von drei opulenten Kronleuchtern erhellten Ballsaal im Herzen Londons verkündete der 60-Jährige am Montagnachmittag, dass er in die Politik zurückkehrt. Er wolle zum achten Mal versuchen, als Abgeordneter ins Parlament einzuziehen. Außerdem wird er Parteichef der rechtspopulistischen Partei Reform UK.

Noch vor zwei Wochen hatte der Farage angekündigt, bei den Wahlen in Großbritannien am 4. Juli nicht mehr antreten zu wollen. Nun wirft der rechtspopulistische Politiker, einst Mr. Brexit genannt, doch noch einmal seinen Hut in den Ring, um seine Anhänger nicht zu enttäuschen, wie er sagte - ein Schock für die regierende Partei. Denn den Konservativen unter Rishi Sunak droht bei den landesweiten Wahlen in einem Monat eine Jahrhundertniederlage. Nach dem Regierungschaos der letzten Jahre gilt ein Sieg von Labour quasi als sicher.

Die Rückkehr von „Mr. Brexit“ Nigel Farage könnte die Lage für die Tories noch verschlimmern. Die Zeitung „Daily Mail“ sprach von der „dunkelsten Stunde“ für Sunak, die Onlinezeitung Politico von einem „Albtraum“ für den Premierminister. Schließlich deuten Umfragen darauf hin, dass Briten bei einer Rückkehr Farages an die Spitze der rechtspopulistischen Partei eher geneigt sind, ihr Kreuz bei Reform UK statt bei den Konservativen zu machen. Wegen der Schwäche der Tories könnte Farage damit womöglich tatsächlich zum ersten Mal als Abgeordneter für den Wahlkreis Clacton im Nordosten Englands ins Parlament einziehen, so Tim Bale, Politikwissenschaftler an der Queen Mary University of London. 

Farage gehört er zu den einflussreichsten Politikern Großbritanniens. Der ehemalige Ukip-Chef und Chef der Brexit-Partei trieb die britische Regierung in der Brexit-Frage im Jahr 2016 vor sich her, zwang sie zu einer harten Haltung. Bei den Wahlen 2019 überließ die Brexit-Partei jedoch den Tories das Feld und verhalf Ex-Premierminister Boris Johnson so zu einem Erdrutschsieg. Farage gab im vergangenen Jahr zwar unumwunden zu, dass der Brexit den Briten geschadet habe. Das liege aber nicht am EU-Austritt an sich, sondern daran, dass die Konservative Partei die Chancen nicht genutzt habe.

2021 zog sich der 60-Jährige aus der Politik zurück, überließ die Parteiführung Richard Tice, einem eher farblosen Unternehmer. Farage arbeitete stattdessen für den rechtspopulistischen britischen Sender GB-News und kündigte an, den früheren US-Präsidenten Donald Trump in seinem Wahlkampf zu unterstützen. Doch warum kommt Farage bei den Menschen so gut an?

„Er wirkt sehr natürlich, geht ins Pub, trinkt Pints“, sagt Sophie Stowers von der Denkfabrik UK in a Changing Europe gegenüber dieser Zeitung. Manche Briten haben das Gefühl, dass er ausspricht, was viele denken, sei es im Wahlkampf oder bei seiner Teilnahme an der britischen Version von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus”. Farage hat deutlich gemacht, dass er die Einwanderung in den Mittelpunkt seiner Kampagne stellt, „nicht unbedingt notwendigen Migration“ einfrieren wolle. Zudem profitiere der Politiker davon, dass er bisher nicht ins Parlament gewählt wurde und sich daher nie mit der politischen Realität auseinandersetzen musste, so Stowers. Sie hält seinen Sieg in der Tory-Hochburg Clacton jedoch nicht für ausgemacht. Sollte es ihm gelingen, zeige es, „wie schlecht die Konservativen in den Augen der Menschen dastehen”.

Farages Rückkehr in die Politik ist die nächste Hiobsbotschaft für Sunak, dessen Wahlkampf von Pleiten, Pech und Pannen geprägt war: Von einem verpatzten Auftakt im Regen vor Downing Street Nummer zehn über konservative Abgeordnete, die zur Labour-Partei überliefen, bis hin zu einer Wahlkampfveranstaltung des Premiers, bei der Mitglieder der Liberaldemokratischen Partei fröhlich winkend auf einem Boot hinter ihm her fuhren.

Für Aufsehen auf der Insel sorgte am Montag auch eine Umfrage. Dem Meinungsforschungsinstitut YouGov zufolge droht den regierenden Konservativen eine noch größere Niederlage als bisher angenommen. Demnach käme die Partei derzeit auf 140 Sitze im Parlament, 2019 wären es 365. Die oppositionelle Labour-Partei könnte dagegen von zuletzt gut 200 auf 422 Sitze zulegen, wenn jetzt gewählt würde. Die Karte Großbritanniens mit ihren Wahlkreisen könnte also bald wie ein bunter Flickenteppich aussehen, vielleicht mit einigen hellblauen Farbtupfern, der Farbe von Reform UK, etwa im Wahlkreis Clacton.

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