Hamburg  Warum schaffen es kriminelle Clans aus Niedersachsen nicht über die Elbe nach Hamburg?

Tim Prahle, Dirk Fisser
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Von Tim Prahle, Dirk Fisser
| 09.06.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Polizeieinsatz nach einer Streiterei im Clan-Milieu in Nordrhein-Westfalen. Doch nicht in allen Bundesländern gibt es entsprechende Clan-Strukturen laut Sicherheitsbehörden. Foto: Markus Gayk/dpa
Polizeieinsatz nach einer Streiterei im Clan-Milieu in Nordrhein-Westfalen. Doch nicht in allen Bundesländern gibt es entsprechende Clan-Strukturen laut Sicherheitsbehörden. Foto: Markus Gayk/dpa
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Deutschland ist geteilt, die Trennlinie ist grob gesagt die Elbe. Auf der einen Seite befinden sich Bundesländer wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen, in denen Clan-Kriminalität großes Thema ist. Und auf der anderen Seite Hamburg und Schleswig-Holstein, wo es laut offiziellen Zahlen das Phänomen so gut wie nicht gibt. Wie kann das sein?

Auf offener Straße in der Innenstadt von Stade gerieten die Männer aneinander. Am Ende war einer von ihnen so schwer durch einen Messerstich verletzt, dass er später im Krankenhaus starb. Schnell sprach sich herum: Die Kontrahenten gehörten zwei arabischstämmigen Großfamilien an, den El Zeins und den Miris.

Die Nachnamen sind in der sicherheitspolitischen Diskussion in Deutschland – oder besser gesagt: in Teilen von Deutschland – eng verknüpft mit dem Thema Clan-Kriminalität. Zwar tragen Tausende Menschen die Nachnamen, aber einige von ihnen geraten immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und prägen das öffentliche Bild. Damit gehen die Sicherheitsbehörden in den Bundesländern sehr unterschiedlich um.

Die Miris etwa sind immer wieder in Bremen Thema. In einer spektakulären Aktion schob der Stadtstaat vor einigen Jahren das vermeintliche Familienoberhaupt per Privatjet ab. Die Sicherheitsbehörden an der Weser rechnen nach Angaben des Senats Hunderte Familien entsprechenden kriminellen Verbünden zu.

Mitglieder der El oder Al Zeins und anderer Großfamilien wiederum beschäftigen die Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen seit Jahren. 6573 Straftaten mit Clan-Bezug vermeldete Innenminister Herbert Reul (CDU) 2022. Von kleinen Delikten bis hin zu schweren Verbrechen war alles dabei. Für 2023 wird noch ausgewertet.

Ähnlich Niedersachsen. In dem ländlich geprägten Bundesland dominieren keine einzelnen Nachnamen das Clan-Lagebild, das für 2022 fast 4000 Straftaten ausweist.

Stade, Tatort der tödlichen Messerstecherei, liegt in Niedersachsen. Die Stadt ist Standort einer sogenannten Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft gegen Clans, von denen es in dem Bundesland gleich mehrere gibt. Sonder-Ermittler kümmern sich ausschließlich um Clan-Kriminalität.

Schleswig-Holstein liegt nur eine Elbüberquerung entfernt. Hier haben die Behörden 2023 nur noch drei Straftaten registriert, die als Clan-Kriminalität definiert werden. Und in der Millionenstadt Hamburg, zu dessen Speckgürtel Stade zählt, sind es sogar noch weniger Taten: nämlich gar keine. Anders als in anderen Bundesländern sei „Clan-Kriminalität in Hamburg in dieser Form nicht vorhanden“, betont die Polizei Hamburg auf Anfrage.

Die Hamburger beziehen sich dabei vor allem auf organisierte Kriminalität, also den Zusammenschluss von Personen, um auf illegale Weise an Geld zu kommen, analog etwa zur Mafia. Nun muss eine „Clan“-Straftat in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nicht unbedingt auch in den Bereich der organisierten Kriminalität fallen, aber einige gibt es schon. Und in Hamburg gar keine? Kann das wirklich sein? Kommen die Clans nicht über die Elbe?

Die Einschätzungen darüber gehen auseinander. Thomas Jungfer etwa, Hamburger Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, ist mit den Behörden-Angaben ganz auf einer Linie. „Clan-Strukturen werden hier im Keim erstickt“, sagt er. Das LKA sei in Hamburg fachlich sehr gut aufgestellt und erkenne sofort, wenn sich ein Clan breit macht. „Polizei und Staatsanwaltschaft reagieren dann sehr schnell und führen Razzien durch. Da erkennt die Gegenseite, dass man sie auf dem Zettel hat“, meint Jungfer.

Beim Hamburger Ableger des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) ist man da skeptisch. Vorsitzender Jan Reinecke kommt zu einem gänzlich gegensätzlichen Urteil: „Es ist nicht verwunderlich, dass die Clan-Kriminalität in Stade zu enden scheint. Wer organisierte Kriminalität und damit auch Clan-Kriminalität sehen will, der muss schon hinschauen, der muss das Licht anmachen. Und genau das ist in Hamburg nicht der Fall.”

Interessenvertreter Reinecke sagt, der Polizei in Hamburg fehle es bereits jetzt an Kapazitäten und Mitteln, Alltagskriminalität ausreichend zu verfolgen. „Clan-Kriminalität ist oftmals komplex, die Straftaten finden aus einer Organisation heraus statt. Man muss an die Organisation heran.” Und dazu fehle es in Hamburg am sicherheitspolitischen Willen, befindet der BDK-Vorsitzende.

Auch beim Innenministerium in Niedersachsen will man die Einschätzung der Hamburger Polizei nicht so ganz teilen. Ein Sprecher teilt mit: „Immer wieder ist festzustellen, dass kriminelle Clan-Strukturen – gerade in Ballungsräumen – länderübergreifend agieren. Im Umfeld der Stadtstaaten wie Bremen oder Hamburg ist dies ebenfalls der Fall.“

Weil in städtischen Räumen die Polizei- und Kontrolldichte oftmals höher sei, „verlegen kriminelle Angehörige von Clan-Strukturen ihren Wohnsitz in das Umland und agieren von dort“, so das Ministerium weiter. Ein länderübergreifender Austausch der Sicherheitsbehörden sei aber gegeben, versichert der Ministeriumssprecher.

Eine Schwierigkeit dürfte auch sein, dass es zwar eine Definition des Bundeskriminalamtes gibt, was überhaupt ein Clan und damit Clan-Kriminalität ist. Für ihre Lagebilder ziehen Bundesländer aber jeweils eigene Kriterien heran. Niedersachsen etwa nimmt nach Ministeriumsangaben nicht nur die Familien selbst, sondern auch das Umfeld inklusive Strohleuten in den Blick.

Auf Ebene der Innenministerkonferenz, bei der sich Vertreter der Länder regelmäßig treffen, konnte bislang keine einheitliche Lösung gefunden werden. Manche Beobachter vermuten, einzelne Länder scheuen den Vorwurf der Diskriminierung, da sich der Clan-Fokus meist auf arabischstämmige Großfamilien richtet.

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