Georgsmarienhütte  Evangelische Kirche: Warum Hannovers Landesbischof Ralf Meister nicht zurücktreten will

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 07.06.2024 15:51 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Landesbischof Ralf Meister am Rande der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Kloster Loccum. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Landesbischof Ralf Meister am Rande der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Kloster Loccum. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
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Unter anderem wegen des Missbrauchsfalls Oesede fordern Betroffene den Rücktritt von Landesbischof Ralf Meister. Bei der Synode der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers wurde darüber intensiv gesprochen.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat während der Synode der evangelischen Landeskirche in Kloster Loccum bekräftigt, im Amt bleiben zu wollen. Zuvor hatten Betroffene von Missbrauch in einem offenen Brief seinen Rücktritt gefordert. Ein solcher Schritt wäre aus seiner Sicht „zurzeit alles andere als nützlich“, sagte Meister bei einer Pressekonferenz. Anstatt „institutionelle Chaostage“ zu verursachen, sei es notwendig, weitere Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt in der Kirche „schnell, zügig und konsequent“ umzusetzen.

Der Brief einer kleinen Initiative rund um die Betroffene Katharina Kracht ändere nichts an seiner Grundsatzentscheidung. Meister hatte bereits im März, nachdem eine Aufarbeitungskommission der Kirche Vertuschung und Versäumnisse im Missbrauchsfall Oesede angelastet hatte, einen Rücktritt abgelehnt. Er erhalte auch anderslautende Rückmeldungen von Betroffenen, erklärte Meister: „Aber die wählen nicht das Medium des offenen Briefes, sondern sagen es mir persönlich.“

So äußerte Nancy Janz, die als Teenagerin in den 1990er Jahren durch einen evangelischen Pastor in Celle sexuell missbraucht worden war, sie sehe „momentan überhaupt nicht, dass Ralf Meister zurücktreten müsste. Ich möchte im Themenfeld vorankommen und mich nicht auf personelle Fragen fokussieren.“

Jörn Surborg, Vorsitzender des Landessynodalausschusses, bekräftigte, dass nicht Meister allein, sondern alle Organe der Kirchenleitung Fehler gemacht hätten. Einen Rücktritt hielt auch er für falsch: „Wir würden uns wieder nur ein Dreivierteljahr mit uns selbst beschäftigen.“

Die Landeskirche beriet am Freitag auf ihrer Synode schwerpunktmäßig über die Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch in den eigenen Reihen. Bis in die jüngste Vergangenheit gab es dabei schwerwiegende Versäumnisse. Gut dokumentiert sind etwa die sexuellen Übergriffe, die ein angehender Diakon in den 1970er Jahren in der König-Christus-Gemeinde Oesede in Georgsmarienhütte begangen hat.

Die Kritik von Betroffenen richtet sich dabei neben Meister vor allem an die im hannoverschen Landeskirchenamt angesiedelte Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt. Sie war jahrelang personell unterbesetzt und schlecht ausgestattet, was die Kirchenleitung offenbar nicht weiter interessierte. Einige Betroffene beklagen bis heute einen unangemessenen Umgang kirchlicher Mitarbeiter mit ihren Anliegen.

Aber auch Haupt- und Ehrenamtliche der Kirche selbst sind unzufrieden mit dem Stand der Aufarbeitung. Mehr als 200 von ihnen hatten vor der Synode ein Schreiben unterzeichnet, das deutliche Kritik an Meister und anderen Führungspersonen äußerte. Die evangelische Kirchengemeinde Georgsmarienhütte fühlte sich mit dem Fall Oesede alleingelassen. Der Landesbischof räumte „mangelhafte Kommunikation“ ein.

Alles in allem sieht sich die hannoversche Landeskirche als eine der größten innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einem schmerzhaften Prozess ausgesetzt. Das bestimmende Wort am Freitag in Kloster Loccum war Wandel: Strukturwandel, Kulturwandel, Kommunikationswandel. Dies betreffe jeden in der Kirche, mahnte die Betroffene Nancy Janz.

Janz sagte vor der Synode: „Missbrauch geschieht um uns herum, heute wie vor 20 Jahren. Wir sind verletzt und trauen niemandem mehr.“ Janz erhielt stehend Applaus. Meister befand später, die Anklage der Betroffenen habe „einzigartige Autorität“. Die EKD will im Herbst neue bundesweite Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt beschließen. Die Forum-Studie hatte im Frühjahr herausgearbeitet, wie anfällig die evangelische Kirche für sexualisierte Gewalt ist, und große Unruhe ausgelöst.

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