Neue Auricher Fußgängerzone Stolperfalle oder genialer Wasserablauf?
Die Oberflächenentwässerung wurde mit der Sanierung von Burgstraße und Osterstraße umgekrempelt. Mit der Abflussrinne kann sich nicht jeder anfreunden. Sie ist aber durchdacht, sagt das Tiefbauamt.
Aurich - Über mehrere Jahre hat sich die Sanierung und Umgestaltung der Auricher Fußgängerzone hingezogen. Zunächst wurden Ver- und Entsorgungsleitungen erneuert. Anschließend erfolgte über eineinhalb Jahre die Neupflasterung von Burgstraße und Osterstraße. Dabei veränderte sich das Aussehen der Fußgängerzone deutlich. Nicht jeder ist glücklich mit dem neuen Erscheinungsbild, und einige stören sich auch an der Funktionalität. So erreichten mehrere Beschwerden unsere Redaktion, bei denen die neue Abflussrinne in der Mitte von Osterstraße und Burgstraße im Zentrum der Kritik stand.
Eine Beschwerdeführerin ist die Auricherin Christa Nentwig. Für sie ist die Rinne in der Fußgängerzone ein echtes Ärgernis. Wenn sie mit ihrem Rollator in der Innenstadt unterwegs sei, verkante sich dieser häufig, sagt sie im Gespräch. Die kleinen Räder blieben schnell hängen. Das führt sie auch gleich vor. Sie habe sich schon den Fuß angestoßen, weil sich ihre Gehhilfe an der Rinne verkantet hatte, berichtet die Auricherin.
Tiefbauamtsleiter erklärt Funktionen im Detail
Mehrfach sei es vorgekommen, dass Radfahrer in den Rillen des Gitters wie auf einer Schiene festgehalten worden seien. Das berichtete FDP-Ratsherr Arno Fecht kürzlich im Bauausschuss. Beim Befahren in Längsrichtung gerieten die Räder in die Rillen des Rostes. Das könne zu Stürzen führen. Andere wiederum erzählen, sie seien mit Absätzen in der Abdeckung der Rinne hängengeblieben und dadurch ins Stolpern geraten. Bei Nässe, so ein weiterer Kritikpunkt, sei das Gitter relativ rutschig.
Ist die Rinne in der Mitte der Fußgängerzone also eine Fehlkonstruktion? Muss nachgebessert werden?
Nein, sagt Bernd Ewerth, Leiter des Auricher Tiefbauamtes, auf Anfrage unserer Redaktion. Er hat sich einen Tag Zeit genommen, ist die Fußgängerzone abgegangen und hat Rücksprache mit der Bauleitung gehalten, um die Fragen ausführlich beantworten zu können. Detailliert geht er auf die Bauweise der Rinne für die Oberflächenentwässerung ein.
Abflussrinne mit zwei Eigenschaften
Es müsse, so Ewerth, bei aller Kritik immer im Auge behalten werden, für wen die Fußgängerzone in erster Linie gestaltet worden sei: Eben für Fußgänger. Dazu gehört auch der Wasserablauf in der Mitte der Straße. Die mittig verlaufende Rinne sei im Vergleich zur vorherigen Gestaltung der Fußgängerzone eine Neuerung. Bislang reihte sich in der Fußgängerzone quasi ein Trichter an den nächsten – im Mittelpunkt immer ein Gulli für das Regenwasser. Die neue Fußgängerzone gleicht keiner Berg- und Talbahn mehr, sie ist in Gänze links und rechts abgeschrägt, damit das Wasser zur Rinne in der Mitte ablaufen kann. Nach ersten Erfahrungen mit Starkregenereignissen hat sich die Rinne bislang bewährt.
Die Anlage habe aber einen zweiten Zweck, so Ewerth. Der gusseiserne Rinnendeckel fungiere auch als taktiles Leitelement und leite somit barrierefrei durch die Fußgängerzone. Die Oberflächengestaltung der Rinne mit den Rippen sei erforderlich, um der Funktion als taktiles Leitelement gerecht zu werden. Das bedeutet im Klartext: Die Form der langen Rippen ist für Fahrradfahrer nicht optimal – das soll und kann sie aber auch nicht sein. Denn primär sollen sich Fußgänger sicher durch Burgstraße und Osterstraße sowie den angrenzenden Lohnen bewegen können.
Kante neben der Rinne ist für die Zukunft gebaut
Auch zu rutschig sei der gusseiserne Rinnendeckel nicht, betont Ewerth. Das sei sogar von einer Prüfgesellschaft entkräftet worden. Die sogenannte Rutschhemmung sei gemäß der gültigen Normen völlig ausreichend.
Schließlich wurde von einigen Nutzern der Fußgängerzone die Kante kritisiert, die sich auf beiden Seiten der Rinne befindet. Die normale Pflasterung der Fußgängerzone liegt im Vergleich zur Oberkante der Rinne bis zu einen Zentimeter höher. Das aber sei Absicht und für eine dauerhafte sichere Entwässerung notwendig, erläutert Ewerth. Denn die Rinne selbst, die auch Schwerlastverkehr aushalten müsse, sei in einem Betonbett verlegt worden. Die Pflastersteine links und rechts davon lägen aber auf drei verschiedenen Schichten. Zunächst gibt es eine vier Zentimeter dicke Bettung, danach folge eine 20 Zentimeter dicke Schottertragschicht, die wiederum auf einer 44 Zentimeter dicken Frostschutzschicht liege. „Dieser Unterbau hat wie alle Pflasterflächen ein anderes Setzungsverhalten als die Entwässerungsrinne“, sagt Ewerth.
Im Laufe der Zeit würden sich die Pflastersteine stärker setzen als die Rinne. Die Kante, korrekt Pflastervorstand genannt, wird also mit der Zeit verschwinden. Hätte man diese Kante nicht eingebaut, würde die Rinne irgendwann oberhalb der Pflasterung liegen. Der Wasserabfluss wäre nicht mehr gewährleistet.
Wie viele Unfälle es in der neuen Fußgängerzone wegen der mittigen Abflussrinne gegeben hat, kann Ewerth nicht sagen. Er weist aber darauf hin, dass es immer wieder Unfälle auf Verkehrsflächen gebe. Diese könnten nicht pauschal immer dem Straßenzustand und somit dem jeweiligen Straßenbaulastträger zugeordnet werden. „Nicht selten führen Unaufmerksamkeit zum Beispiel durch Smartphones, Stress oder Hektik zu Unfällen.“ Daher könne er jedem nur raten, achtsam durchs Leben und natürlich durch die Fußgängerzone zu laufen.