London  Wechselstimmung in Großbritannien: Auf Spurensuche im Land der enttäuschten Tory-Wähler

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 23.06.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Der britische Labour-Chef Keir Starmer ist Favorit bei den anstehenden Parlamentswahlen. Foto: dpa/Jon Super
Der britische Labour-Chef Keir Starmer ist Favorit bei den anstehenden Parlamentswahlen. Foto: dpa/Jon Super
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Bei den Parlamentswahlen in zwei Wochen droht den Konservativen das schlechteste Ergebnis aller Zeiten. Aber auch die Labour-Partei löst keine Begeisterungsstürme aus. Was bewegt die britischen Wähler?

Rhea Keehn wirkt lebhaft und energisch, als sie in ihrem roten Jackett vor der Bibliothek von Kirkby-in-Ashfield, einer Stadt in den englischen Midlands, steht. Ihr Händedruck ist fest. Die Politikerin spricht schnell, als hätte sie keine Zeit zu verlieren. Tatsächlich hat die Labour-Kandidatin an diesem Tag viel vor. „Wir klopfen an Türen, führen Einzelgespräche, treffen Unternehmen und lokale Gemeindegruppen“, sagt sie. „Wir möchten herausfinden, was die Menschen erwarten, denn viele fühlen sich im Stich gelassen, haben die Hoffnung in ihre Politiker verloren.” 

Auf den Flugblättern, die sie verteilt, steht vor allem ein Wort: Change, Veränderung. Das offizielle Motto der Labour-Partei. Damit will diese am 4. Juli die Parlamentswahlen in Großbritannien gewinnen, und allen aktuellen Umfragen zufolge wird es ihr auch gelingen. Immerhin liegt die Arbeiterpartei rund 20 Prozentpunkte vor den regierenden Konservativen, denen nach 14 Jahren an der Macht vernichtende Verluste drohen. Der Niedergang der Tories ist die Auferstehung der Labour-Partei. 

Die Sozialdemokraten hatten den Wahlkreis Ashfield nördlich von Nottingham 2019 verloren. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ging er mit einer großen Mehrheit an die Konservativen. Verantwortlich dafür war zum einen Boris Johnson, der mit seinem Charisma und dem Versprechen, den Brexit durchzuziehen, überzeugte, aber auch die abschreckende Wirkung des als radikal links geltenden Labour-Chefs Jeremy Corbyn. Die Red Wall, die „rote Mauer“, die sich von Küste zu Küste durch Mittelengland zog, fiel. Die Landkarte wurde blau, die Farbe der Tory-Partei. 

Doch seit 2019 hat sich viel verändert, wie der Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen Mary University of London bei einem Gespräch in einem Café unweit der Downing Street 10 erklärt. Dort werden heiße Getränke in blauen und roten Tassen serviert. Die Sitzkissen sind mit Union-Jack-Stoff bezogen. Auf einem Bild an der Wand werden in großen Lettern Dinge und Einstellungen aufgezählt, die als typisch britisch gelten. Neben Fish and Chips und einer guten „cuppa tea”, einer Tasse Tee, wird auch der Nationalstolz der Briten beschworen. 

Doch wie ist es um diesen bestellt? „Viele haben das Gefühl, dass die Konservativen versagt haben. Nichts funktioniert mehr. Alles scheint kaputt zu sein. Es gibt sehr lange Wartezeiten im Gesundheitswesen. Die Straßen sind voller Schlaglöcher”, sagt Bale. Die Liste könnte fortgesetzt werden: Da war der katastrophale Mini-Haushalt von Ex-Premierministerin Liz Truss, der die britische Wirtschaft im Herbst 2022 in eine Krise stürzte und die Zinsen für Hypotheken nach oben trieb, die Partys in der Downing Street während der pandemiebedingten Ausgangssperren, die wirtschaftlichen Folgen des Brexit. 

In Ashfield, wo die meisten Menschen einst für den Austritt aus der EU stimmten, sind diese nun von den Tories enttäuscht. Der versprochene Aufschwung für die Region blieb aus, sie fühlen sich im Stich gelassen. Es herrscht eine apathische Stimmung. Fotos aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigen eine Gemeinschaft von Minenarbeitern, Feste, das große Kino in voller Pracht. Heute sind die meisten Läden geschlossen. Der Wahlkreis ist in einigen Bereichen stark benachteiligt, im Bildungswesen zum Beispiel. Es herrscht Lehrermangel. Tagsüber wirkt die Stadt wie ausgestorben. Viele pendeln in umliegende Städte. „Die Stadt ist im Niedergang begriffen“, sagt Trevor, Mitglied einer evangelisch-methodistischen Kirche.

Die Älteren fühlen sich übergangen und gegenüber irregulär eingereisten Migranten benachteiligt. Nicht wenige sympathisieren deshalb mit der rechtspopulistischen Partei Reform UK unter Nigel Farage, der den Mut hätte zu sagen, was alle denken, so der Tenor einiger Senioren in der 25.000-Einwohner-Stadt. Ihr Abgeordneter war bis zuletzt Lee Anderson. Er wurde Anfang des Jahres von den Konservativen wegen islamfeindlichen Aussagen aus der Partei ausgeschlossen und wechsele daraufhin zu Reform UK. 

Die Jugend in Ashfield fühlt sich chancen- und perspektivlos, glaubt nicht an die guten Absichten der Regierung. „Die scheren sich nicht um uns“, so der 22-jährige Mckenzie Bull-Jones. „Die Leute haben einfach die Nase voll“, fasst Ali die Lage zusammen, der einen Barbiersalon betreibt. „Alles ist zu teuer, wir arbeiten nur noch, um die Rechnungen bezahlen zu können.“ Ausgehen? Essen gehen? Fehlanzeige. Dennoch glaubt er, dass Wandel möglich sind. „Wir hoffen, dass Labour gewinnt und sich etwas ändert.“ John Curtice, ein Meinungsforschungs-Guru, der seit Jahrzehnten die Wahlberichterstattung mitgestaltet, sieht die Labour-Partei nach wie vor mit großem Abstand in Führung. Auch in Ashfield ist ein Sieg der Sozialdemokraten wahrscheinlich.

Damit habe Keir Starmer in gewisser Weise ein Wunder vollbracht, sagt Bale. Denn die meisten Experten hätten 2019 wohl gelacht, wenn man ihnen gesagt hätte, dass Labour in fünf Jahren eine Parlamentswahl gewinnen könnte. Das liege natürlich an den Fehlern der Konservativen, räumt er ein. „Aber man muss auch in der Lage sein, diese auszunutzen.” Starmer machte deutlich, dass die Partei in die Mitte des politischen Spektrums gerückt sei, weg vom radikalen Sozialismus der Jahre von Jeremy Corbyn. 

„Das ist bedeutungsvoll für jene, die sich von den Konservativen abwenden”, sagt Bale. Und das tun Briten offenbar in Scharen. Zuletzt lagen die Tories in den Umfragen bei etwa 20 Prozent, dem niedrigsten Wert aller Zeiten. Verteidigungsminister Grant Shapps antwortete auf die Frage, ob ein Sieg der Tories unwahrscheinlich sei: „Ich denke, das ist die realistische Position, nicht wahr?“ Er lebe in der realen Welt.

Wer den Zusammenbruch der Konservativen Partei besser verstehen will, muss von Westminster aus nicht weit reisen. Eine Fahrt mit der S-Bahn genügt, um in die Vororte und Städte südlich von London zu gelangen, die immer noch als konservatives Kernland gelten, in denen nun aber Unsicherheit, Unbehagen und Wut um sich greifen, Parteibindungen drastisch erschüttert werden.

Godalming ist eine lebhafte Kleinstadt, nur etwa eine Stunde von London entfernt. Eingebettet in die Landschaft von Surrey mit dem Fluss Wey liegt der Ort in einer Gegend, die bei wohlhabenden Menschen beliebt ist. Mit seinen charmanten Häusern, Gassen und seiner Mischung aus Geschäften und gepflegten Pubs ist Godalming so etwas wie die englische Stadt schlechthin. Sie wirkt beständig und konservativ. 

Aber die Dinge ändern sich. Godalming wurde fast 20 Jahre lang von Jeremy Hunt repräsentiert, einem „big beast“ der Tories, einem hohen politischen Tier. Hunt gewann einst mit einer Mehrheit von zehntausenden Stimmen; jetzt sagt selbst er, dass der Sitz „auf Messers Schneide“ stehe. Denn die dort dominierende Mittelschicht, die 2016 mehrheitlich gegen den Brexit stimmte, hat Vorstellungen von wirtschaftlichem Handeln, die in scharfem Kontrast zu der Politik der Regierungspartei der vergangenen Jahre stehen.

Robert Carder, ein Schuhhändler in Godalming, macht seinem Ärger Luft. „Es sei eine Schande, dass Leute mit Verstand offenbar nicht mehr in die Politik gehen wollen.“ Es mangele an vernünftigen Politikern mit Köpfchen, die Unternehmen führen und verstehen. Laut einer YouGov-Umfrage könnten die Liberaldemokraten in dem Wahlkreis gewinnen. Es wäre ein weiteres Novum, ein Dammbruch für die Tories: Noch nie hat ein Finanzminister seinen Sitz bei einer Parlamentswahl verloren. 

In London diskutieren derweil Experten der Denkfabrik „UK in a Changing Europe” die missliche Lage der konservativen Partei. „Sie sind in der schlechtesten Position aller Zeiten”, sagt Rob Ford von der University of Manchester. Derzeit sieht es so aus, als könnten von den bekannten Gesichtern insbesondere die rechten Hardliner ihre Posten behalten, darunter die umstrittene ehemalige Außenministerin Suella Braverman, sagt die Politologin Sophie Stowers. Die Folge könnte ein weiterer Rechtsruck sein. 

Dass die rechtspopulistische Partei Reform UK unter Farage, die sich vor allem für eine stärkere Kontrolle der Einwanderung ausspricht, genug Stimmen bekommt, um die Konservative Partei quasi abzulösen, glauben die Experten nicht. „Die Reformer haben eine sehr starke Anziehungskraft, aber es gibt viele Wähler, die definitiv nicht für sie stimmen werden”, so Ford. Er rechnet daher in den kommenden Jahren eher mit einer Erholung der Konservativen. Viele Beobachter sind sich einig, dass es auch in Zukunft einen Platz für die Tories im Parlament geben wird. 

Tatsächlich ist es eine andere Frage, die Experten derzeit intensiver beschäftigt. Labour will seinem Wahlprogramm zufolge die Einkommenssteuern, die Sozialabgaben und die Mehrwertsteuer nicht erhöhen. Damit grenzt sich Starmer von früheren Labour-Zeiten unter dem Sozialisten Corbyn ab. Auch die großen industriepolitischen Träume mit zig Milliarden Subventionen für „grünes Wachstum“ hat der Oppositionschef heruntergekocht. Doch woher soll das versprochene Wachstum dann kommen? 

Starmer wird mit Tony Blair verglichen, von dem es 1997 hieß, er habe den Wahlkampf geführt, als müsse er eine teure Ming-Vase über einen polierten Boden tragen. Der 61-Jährige macht vorsichtige Schritte, möchte kein Risiko eingehen, niemanden verprellen. Doch der Politologe Karl Pike von der Queen Mary University of London befürchtet, dass sich der Labour-Chef angesichts der vielen Probleme, die er angehen muss, etwa im Gesundheitswesen, nun ein finanziell zu enges Korsett angelegt hat. „Ich halte das für gefährlich“, sagt er dieser Zeitung. Labour werde wohl gewinnen. Doch die echte Herausforderung kommt nach der Wahl. 

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