Grevesmühlen  Rassismus in Grevesmühlen: Immer wieder die Ostdeutschen?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 19.06.2024 17:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Rassismus in Grevesmühlen: In der Siedlung am Ploggenseering soll eine ghanaische Familie von Jugendlichen drangsaliert worden sein. Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Rassismus in Grevesmühlen: In der Siedlung am Ploggenseering soll eine ghanaische Familie von Jugendlichen drangsaliert worden sein. Foto: Bernd Wüstneck/dpa
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Nach dem rassistischen Angriff von Grevesmühlen wenden sich die Blicke gen Ostdeutschland. Tatsächlich hat der Vorfall auch mit den Westdeutschen zu tun.

Was genau den Mädchen aus Grevesmühlen passiert ist, wird noch ermittelt. Eine erste Meldung, wonach ein Kind am Kopf verletzt wurde, hat die Polizei korrigiert. Unstrittig ist allerdings – und das belegen auch im Netz kursierende Videoaufnahmen: Hier waren zwei Kinder dem Rassismus einer ganzen Gruppe von Jugendlichen ausgesetzt.

Dass zwei acht und zehn Jahre alte Mädchen so etwas aushalten müssen, ist unerträglich – auch ohne Körperverletzung. So unerträglich, dass man es weit von sich wegschieben möchte. Zum Beispiel, indem man hier wiedermal „die ostdeutschen Nazis“ sieht, die wieder einmal „Ausländern“ etwas antun. Das ist verführerisch, aber auch falsch.

Rechtsextremismus ist keine ostdeutsche Spezialität. Die Stadt Hanau, in der vor vier Jahren neun Menschen von einem Rassisten ermordet wurden, liegt beispielsweise in Hessen – einem westdeutschen Bundesland, in dem die AfD nur drei Jahre später zweitstärkste Kraft wurde. Und deren Star Björn Höcke führt zwar einen ostdeutschen Landesverband; er selbst stammt aber aus NRW. Völkische Ideen sind kein Ossi-Problem und nicht mal bloß ein gesamtdeutsches, sondern eines der ganzen Welt.

Auch die drangsalierten Opfer sind keine „anderen“. Die Mädchen sind Kinder aus Grevesmühlen. Sie gehören dazu, im Hort, in der Nachbarschaft. Das sind unsere Kinder. Wenn von Sylt bis zur Mecklenburgischen Seenplatte „Ausländer raus“ gesungen wird, dann fühlen Schwarze, Flüchtlinge und Migranten aus der dritten Generation sich schon immer mitgemeint. Und jeder neue Fall verletzt. Herkunftsdeutsche müssen dieses Gefühl noch entwickeln: Hakenkreuze an der Wand sind ein Angriff auf die ganze Gesellschaft, auf jeden einzelnen, der kein Faschist sein will.

Rassistische Ausschreitungen sind nichts, was die anderen tun oder was anderen passiert. Die hasserfüllten Jugendlichen von Grevesmühlen sind, so traurig es ist, Kinder unserer Gesellschaft. Und die beiden attackierten Mädchen sind es erst recht.

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