Dolby Atmos soll wirken Weltbekannter Tontechniker „stimmt“ das Emder Festspielhaus
Sonst ist er in Los Angeles, Las Vegas und vielen anderen Großstädten weltweit, jetzt war Tom Ammermann in Emden. Damit das neue Festspielhaus am Wall bestmöglich klingt, packte der Audio-Designer an.
Emden - Spektakulär sieht es nicht aus, was Tom Ammermann am Donnerstag, 21. Juni 2024, im Festspielhaus am Wall macht. Der Hamburger sitzt in einer der Zuschauerreihen im bequemen roten Sessel und lässt die Maus seines Laptops über den Bildschirm huschen. Hier wird ein Regler anders verschoben, dort eine Einstellung verändert. „Das ist ja viel zu leise“, sagt er.
Ein kleines Tippen auf dem Laptop - ein großer Effekt. Spektakulär sieht seine Arbeit nicht aus, aber so klingt sie. Tom Ammermann ist - simpel gesagt - Tontechniker. Oder in den Worten der Expertenkreise: Immersive Audio Producer. Das heißt, er ist Experte im Gestalten von räumlichem und immersiven Audio, einem 3D-Klang sozusagen. Im neuen Festspielhaus mit moderner Audio-Technik und zahlreichen sichtbaren und fast unsichtbaren Lautsprechern für Dolby-Atmos-Effekte zeigt Ammermann, was das System kann.
Musik klingt atmosphärisch und vielschichtig
Der Ton kann durch den Saal „reisen“. Mal klingt hinten rechts über den Rängen eine Melodie, dann „kreist“ sie über unseren Köpfen, bis sie vorne links wieder ankommt. Tom Ammermann spielt ein Musikstück, bei dem das System des Festspielhaus das Hall-Geräusch im Hamburger Michel imitiert. Im Michel war zuvor mit sogenannten Impulshallgeräten aufgenommen worden, wie sich hier der Ton verteilt. Eigentlich müsste man die Augen schließen, um die Wirkung im Festspielhaus richtig zu genießen. Doch Tom Ammermann hat noch mehr vor: Er spielt eine von ihm neu gemischte und mit dem Musiker Tom Schilling abgestimmte Version des Songs „Major Tom“. Sie klingt atmosphärisch, intensiv einwirkend. Ein bisschen Gänsehaut inklusive.
„Es ist ein schönes Spielzeug“, sagt der Hamburger über sein Spatial-Audio-Designer-Programm, durch das er mit seinem Laptop, den er als Fernbedienung bezeichnet, einen leistungsstarken Prozessor ansteuert. Ammermann ist aber nicht nur zum „Spielen“ da, sondern stellt die Anlage und bestimmte Audio-Formate so ein, dass die hauseigenen Tontechniker bei einer Veranstaltung sozusagen nur noch einen Knopf drücken müssen, damit die Anlage das voreingestellte wiedergibt. Je nach Veranstaltung ist das Audio-Grundgerüst unterschiedlich: Bei einer Lesung braucht es eine andere Voreinstellung als bei einem Film, Theaterstück oder einem klassischen Konzert.
Flüstern auf der Bühne in der hintersten Reihe zu hören
Und: Weil im Festspielhaus so ein großes Audio-System vorhanden ist, könne die Sprachverständlichkeit extrem verbessert werden, so Ammermann. Heißt: Wurden früher die ersten Sitzreihen „angebrüllt“ von Schauspielern, Moderatoren oder anderen Sprechenden auf der Bühne, weil die Lautsprecher nur vorne hingen, soll heute noch das leiseste Flüstern in der hintersten Sitzreihe zu hören sein. „Wir haben jetzt die große Chance, den Ton besser zu verteilen“, so Ammermann. Insgesamt können unterschiedliche Tonfrequenzen - etwa von einer Stimme und einer Gitarre, die sich ähneln - stärker „auseinander geschoben“ werden. Verdeckungseffekte würden so vermieden.
Als Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens New Audio Technology reist er durch die Welt und optimiert Klangerlebnisse unter anderem für Planetarien, Theater, Liveshows, Installationen und Spiele. In den USA arbeitete er zuletzt an LED-Domen. Das sind Kuppeln, in denen LED-Projektionen und immersives Audio verwendet werden. Los Angeles, Las Vegas - und jetzt Emden. „Jede Installation ist besonders“, sagt er über seine vielseitige Arbeit. Jedes Projekt sei eine Herausforderung und spektakulär. Beim Programmieren dürfe man nicht einfach die Töne „durch die Gegen fliegen lassen“, es gehe darum, plausible und verständliche Hörversionen zu schaffen. Man dürfe eigentlich nicht mit heißen Ohren oder völlig überfordert aus einer Vorstellung herausgehen.
Filmfest soll bestmöglich klingen
Wegen des Internationalen Filmfests Emden-Norderney, für das das Festspielhaus ein wichtiger Ausspielort ist, war die Audio-Anlage ein wichtiger Punkt, sagt Kerstin Rogge-Mönchmeyer, Leiterin des städtischen Betriebs Kulturevents. Beim Filmfest werden Filme gezeigt, die teils mit moderner Tonspur im Festspielhaus besonders wirken können. Die Emder Firma Videlio-Funa, die sonst insbesondere Unterhaltungstechnik auf Kreuzfahrtschiffen und in Freizeitparks installiert, hatte für die Planung den Zuschlag bekommen und das günstigste Angebot eingereicht. Der Anreiz für Funa-Geschäftsführer Andreas Köhler: Reedereien ins Festspielhaus einzuladen, um ihnen hier die Möglichkeiten der Technik zu zeigen, sagt er.
Auch hatte man schon während der Sanierungsjahre Kontakt zu Tom Ammermann hergestellt, sagt Kerstin Rogge-Mönchmeyer. Dass es nach dem diesjährigen Eröffnungsfilm „Sweetland“ ein paar Kritiker gab, die meinten, der Film sei insbesondere in der Ertrinkensszene zu laut gewesen, sei also nicht der Auslöser gewesen, um Ammermann zu beauftragen. „Wir hatten uns den Film zuvor in einer Probe angesehen und der Regisseur hat dabei darauf bestanden, dass der Film nicht leiser gedreht wird“, erklärt sie. Das Ertrinken auf der Leinwand habe für die Zuschauer und -hörer bewusst unangenehm sein sollen.
Da das Festspielhaus so mit heißer Nadel gestrickt am 19. April 2024 mit Otto Waalkes eröffnet wurde, habe man jetzt einfach noch einen Katalog an Maßnahmen, die man nacharbeiten müsse, so die Kulturevents-Chefin. Auch der Musikraum für die Schulband müsse noch fertig gestellt werden. „Erfüllte Wünsche kriegen Junge wie die Säue“, sagt sie. Heißt: An viele Maßnahmen schlossen sich noch weitere Aufgaben an.