Prozess am Landgericht Aurich Kreditbetrüger zerstört Traum vom Eigenheim
Wegen Betrugs steht ein 65-Jähriger aus Westoverledingen in Aurich vor Gericht. Er soll Hauskäufer um ihre Ersparnisse gebracht haben, um ein Restaurant zu eröffnen.
Aurich/Westoverledingen - Sie wollten sich den Traum vom Eigenheim mit einem Privatkredit erfüllen, ließen sich blenden und verloren ihre Ersparnisse: Ein 65-Jähriger aus Westoverledingen soll im Juli und im November 2022 eine Studentin und ein Ehepaar, beide aus Mecklenburg-Vorpommern, um jeweils fünfstellige Summen betrogen haben. Seit Montag, 24. Juni 2024, wird dem mutmaßlichen Betrüger vor dem Landgericht Aurich der Prozess gemacht. Die Geschichte hat einige Zutaten, die zu einem seichten Roman passen würden: Betrug, Verrat und eine hintergangene Ehefrau, die am Sterbebett der Schwiegermutter schwört, zu ihrem Mann zu stehen.
Der mehrfach vorbestrafte 65-Jährige, der schon viele Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, sitzt seit Februar 2024 in Untersuchungshaft. Er wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Schon vorab hatte er ein schriftliches Geständnis abgelegt und gestand die ihm vorgeworfenen Taten zu Beginn der Verhandlung erneut. Seiner Geliebten gegenüber hatte er sich als wohlhabender Mann ausgegeben. Mit dem ergaunerten Geld wollte der gelernte Koch ein Restaurant eröffnen. Er bekam jedoch keine Gewerbekonzession, da er von den zuständigen Behörden als unzuverlässig eingestuft wurde.
„Das wirkte alles so professionell“
Sein Verteidiger Ludger Vischedyk wunderte sich darüber, wie leicht die Opfer es seinem Mandanten gemacht hätten – „ohne den Geschädigten zu nahe treten zu wollen“. Eine 23 Jahre alte Studentin wollte für sich und ihren Freund ein Haus kaufen. Auf der Suche nach einem Kreditgeber schaltete sie eine Kleinanzeige bei E-Bay und kam so in Kontakt mit dem Angeklagten. Dieser stellte gegen eine Anzahlung von 50.000 Euro ein Darlehen von 700.000 Euro in Aussicht.
Bei einem persönlichen Treffen in Ostfriesland habe der Mann einen seriösen Eindruck auf sie gemacht, so die Zeugin vor Gericht. „Das wirkte alles sehr professionell.“ Er habe ihr und ihrem Freund sein Restaurant gezeigt und ein Hotel, das gerade umgebaut wurde – beides nicht seins, wie sich später herausstellte.
Er fand immer neue Ausreden
Nach dem Treffen überwies die Studentin dem angeblichen Kreditgeber 50.000 Euro. Von der Darlehenssumme sah sie keinen Cent. Zunächst fand der Westoverledinger immer neue Ausreden. Er war angeblich im Krankenhaus, musste sich wegen einer Covid-19-Infektion isolieren. Dann gab es Probleme mit der Bank, dann sollte sich ein Freund kümmern. Nach dem Notartermin sei der Kreditgeber nicht mehr zu erreichen gewesen, erklärte der Freund der 23-Jährigen im Zeugenstand. Da habe sie die Polizei eingeschaltet.
Ihm sei die Sache von vornherein komisch vorgekommen, so der 26-Jährige. Das habe er seiner Freundin auch gesagt. Ansonsten habe er sich jedoch herausgehalten und bei dem Gespräch mit dem Angeklagten nicht großartig zugehört. „Ich wollte so wenig wie möglich damit zu tun haben.“ Er habe vorgehabt, mit in das Haus zu ziehen und seiner Freundin Miete zu zahlen.
„Ich hätt′s merken müssen“
Aus dem Hauskauf wurde mangels Darlehen nichts. Die Studentin verlor nicht nur die 50.000 Euro Anzahlung, sie blieb auch auf den Notarkosten sitzen. Ihr Studium habe sich dadurch um mindestens anderthalb Jahre verzögert, sagte die 23-Jährige.
Dem geschädigten Ehepaar erging es ähnlich. Auch in diesem Fall kam der Kontakt über E-Bay zustande. Gegen eine Anzahlung von 25.000 Euro wollte der Angeklagte dem Paar ein zinsloses Darlehen von 300.000 Euro gewähren. Zu schön, um wahr zu sein, das war den beiden klar. „Ich bin eigentlich nicht blöd“, sagte die 56-jährige Frau im Zeugenstand. „Ich hätt′s merken müssen.“ Doch sie hätten das Haus unbedingt gewollt.
Verbraucherzentrale mahnt zur Vorsicht
Sie hätten den Angeklagten in Westoverledingen besucht und sich gewundert, dass ein angeblicher Millionär so bescheiden wohnt. Nach der Überweisung der 25.000 Euro seien sie immer wieder vertröstet worden. Mal seien es technische Probleme gewesen, mal ein Todesfall in der Familie. „Es kam nix.“ Der Angeklagte habe versucht, sie mit gefälschten Kontoauszügen zu täuschen. Sie hätten schließlich Anzeige erstattet. „Das war von vornherein ein abgekartetes Spiel“, sagte die Zeugin unter Tränen. „Der Mann hat uns um alles gebracht. Der hat uns so skrupellos belogen.“
Die Verbraucherzentrale rät generell von privaten Darlehensverträgen mit Fremden ab. „Da ist große Vorsicht geboten“, sagte Karin Itzen von der Beratungsstelle Aurich auf Anfrage der Redaktion. „Das kann nach hinten losgehen.“ Wenn die Hausbank keinen Kredit gewähre, „sollte man die Finger davon lassen“.
Ehefrau hat ihm nicht verziehen
Zurück zum Fall: Auch die Ehefrau des Angeklagten sagte als Zeugin aus – obwohl sie das laut Gesetz nicht muss. Sie hat ein Zeugnisverweigerungsrecht. Die 65-Jährige hält trotz allem zu ihrem Mann und will ihm helfen, den Geschädigten das Geld zurückzuzahlen. Von den Machenschaften ihres Mannes habe sie nichts mitbekommen. Er habe vor Jahren am Grab der gemeinsamen Tochter versprochen, „dass er es nicht wieder macht, und ich hab ihm vertraut“.
Nein, verziehen habe sie ihm nicht, sagte die 65-Jährige. „Das Vertrauen ist gebrochen.“ Es werde viel Zeit und Arbeit brauchen, es wieder herzustellen. „Er hat sich sehr viele Fehltritte geleistet in den mehr als 30 Jahren, die wir zusammen sind.“ Seine Affäre habe er geleugnet. Erst durch die Ermittlungen zum Betrugsfall sei sie ans Licht gekommen. „Ja, ich war sauer“, sagte die Frau. „Aber ich bin jemand, der sein Wort hält.“ Sie habe ihrer Schwiegermutter am Sterbebett versprochen, dass sie bei ihrem Mann bleibe. „Natürlich werde ich ihn unterstützen, wenn er das wieder gutmachen will. Aber das ist dann wirklich die allerletzte Chance. Das muss er sich hinter die Ohren schreiben.“
Die Verhandlung wird am Mittwoch, 3. Juli 2024, um 9 Uhr in Saal 108 des Landgerichts fortgesetzt. An diesem Tag fällt voraussichtlich das Urteil.