Milchpreise  Streit ums Deutsche Milchkontor geht in eine neue Runde

| | 26.06.2024 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Wir sind DMK“: Mitarbeiter des Deutschen Milchkontors demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Foto: Gesamtbetriebsrat DMK
„Wir sind DMK“: Mitarbeiter des Deutschen Milchkontors demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Foto: Gesamtbetriebsrat DMK
Artikel teilen:

Insgesamt 150 Arbeitsplätze will das Deutsche Milchkontor abbauen – auch in unserer Region. Der Betriebsrat kämpft. Die Bauern sind sauer. Kann die Politik in Berlin helfen?

Ostfriesland/Ammerland/Bremen - Betriebsrat und Gewerkschaft haben sich nicht durchsetzen können: Das Deutsche Milchkontor (DMK) mit Sitz in Bremen hält an seinen Plänen fest, 150 Mitarbeiter zu entlassen. Betroffen davon ist auch der DMK-Standort Edewecht. Protest kommt jetzt zusätzlich von ostfriesischen Bauern. Sie werfen dem DMK Mismanagement vor – und kritisieren zugleich die Ampel-Regierung in Berlin.

Was ist da los in Bremen?

Unterm Strich steht die größte deutsche Molkerei, die DMK Group, betriebswirtschaftlich nicht besonders gut da. Erst vor einer Woche hatte DMK-CEO Ingo Müller zwar gesagt: „Der Blick in die Bilanz zeigt, DMK ist grundsolide aufgestellt.“ Er musste allerdings einräumen: „Das Hauptziel konnte 2023 nicht erreicht werden. DMK hat im Jahresschnitt an seine Landwirte 41,1 Cent auszahlen können. Im Mehrjahresvergleich ein hohes Niveau – im Wettbewerbsvergleich 2023 aber unterdurchschnittlich. Das Ergebnis lag mit 13,2 Millionen Euro ebenfalls hinter dem Vorjahr.“

Warum zahlt das DMK den Bauern weniger Geld für die Milch als andere?

Offenbar, weil es sich das Unternehmen nicht leisten kann, wettbewerbsfähige Preise anzubieten.

Wie reagieren die Milchbauern auf die Preise?

Mit großer Verärgerung. Zum Ende des Jahres haben 500 Lieferanten ihren Vertrag mit dem DMK gekündigt. Das entspricht nach Unternehmensangaben 700 Millionen Kilo weniger Milch. „Die Milchbauern lassen sich diese schlechten Auszahlungspreise nicht länger bieten und leisten mit den Kündigungen Widerstand“, sagte Ottmar Ilchmann aus Rhauderfehn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Niedersachsen. „Diese Entwicklung zieht schwerwiegende Folgen für ländliche Regionen durch Arbeitsplatzverluste, für Umwelt durch längere Fahrtwege und für landwirtschaftliche Strukturen durch Betriebsaufgaben nach sich.“ Die Milchwirtschaft ist für Ostfriesland von großer Bedeutung. Nach Angaben des Landvolks gibt es in Ostfriesland etwa 1800 Milchviehbetriebe mit im Schnitt 90 Kühen pro Betrieb. Demnach werden pro Kuh 8000 bis 9000 Liter im Jahr produziert. Als Abnehmer spielen in Ostfriesland neben der DMK Group noch die Molkereien Ammerland und Rücker in Aurich eine wichtige Rolle.

Wie geht das Deutsche Milchkontor mit der Situation um?

Mit Stellenstreichungen. Betroffen sind 150 Arbeitsplätze. Der Standort in Dargun in Mecklenburg-Vorpommern soll bis Anfang 2025 komplett geschlossen werden. In Edewecht (Ammerland), Everswinkel (Nordrhein-Westfalen) und Hohenwestedt (Schleswig-Holstein) werden Kapazitäten reduziert. Im Ammerland beschäftigt das DMK immerhin 650 Mitarbeiter. 34 davon sollen gehen, wie es zuletzt hieß. Zur Info: Die DMK Group hat nach eigenen Angaben etwa 5000 Milchbauern unter Vertrag und beschäftigt an mehr als 20 Standorten rund 7000 Mitarbeiter.

Was unternehmen Betriebsrat und Gewerkschaft gegen den Arbeitsplatzabbau?

Im Vergleich zu anderen nicht viel. Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) hatte zuletzt gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat mehrfach zu Informationsveranstaltungen aufgerufen – auch in Edewecht. Große Hoffnungen ruhten bis vor Kurzem auf der Hamburger Unternehmensberatung WMP Consult. Das sollte in einem Gutachten Alternativen zu den Stellenstreichungen ausloten. Das Gutachten stieß bei der DMK-Führung allerdings auf wenig Gegenliebe. „Dem Beschluss vorangegangen war eine erneute, ausgiebige Prüfung der geplanten Maßnahmen über ein von der Arbeitnehmervertreterseite beauftragtes Gutachten, das aber keine anderen Schlüsse zu einer nachhaltigen und wirtschaftlichen Fortführung der in Frage stehenden Bereiche zuließ“, hieß es am 7. Juni nach der jüngsten Aufsichtsratssitzung in Bremen.

Ist der Arbeitsplatzabbau nun in Stein gemeißelt?

Aus Sicht des Betriebsrates nicht. „Im Gutachten war angedacht, nicht so schnell in die Umsetzung zu gehen“, skizzierte Gesamtbetriebsratsvorsitzender Thomas Krause die Kompromisslinie im Gespräch mit unserer Zeitung. Daran will er weiter arbeiten.

Das Unternehmen selbst gibt sich da etwas kompromissloser. „Bei den insgesamt 650 Mitarbeitenden am Standort wird sich bei den von den Plänen zur Kapazitätsanpassung betroffenen bis zu rund 35 Stellen schon automatisch die lebende Organisation zeigen, die auch DMK ist“, so DMK-Sprecher Oliver Bartelt. „Im angepeilten Zeitfenster bis Anfang 2025 werden sich vermutlich schon einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intern auf andere vakante Stellen verändert haben. Wir werden also abwarten müssen, ob und wie viele Mitarbeitende am Ende tatsächlich betroffen sind.“ Das vor dem Hintergrund, dass die DMK Group natürlich ein Interesse daran habe, engagierte Mitarbeitende, die das Unternehmen vor Ort haben, auch zu halten. Bartelt: „Das werden wir in einem permanenten Austausch mit den Sozialpartnern bewerkstelligen.“ Solche Gespräche hat es laut Betriebsrat Krause allerdings noch nicht gegeben.

Was bedeutet das alles für die Existenz der Milchbauern?

Wenn Preise niedrig gehalten werden (müssen), ist das für die Bauern natürlich misslich. Die AbL beispielsweise verlangt eine Gesetzesänderung. Das ganze Dilemma sei auch eine „Folge des politischen Nichthandelns bezüglich marktpolitischer Rahmenbedingungen“, so Ilchmann. „Statt dass die Bauern das letzte Mittel der Kündigung wählen, wäre die Umsetzung des Art. 148 der Gemeinsamen Marktorganisation eine wichtige Flankierung für Verhandlungen auf Augenhöhe mit ihren Molkereien.“ Die Bauern würden in die Lage versetzt, verpflichtend Verträge vor Lieferung mit Preis, Menge und Laufzeiten schließen zu können. Sie müssten dann nicht mehr einfach nur hinnehmen, dass sie mögliches Missmanagement der Molkereiführung mit sehr niedrigen Milchpreisen ausbaden müssten.

Wie geht es nun weiter?

Bei der derzeitigen Regierung weiß man das nie. Tatsächlich war Ilchmann nach eigenem Bekunden erst am Dienstag auf einer Veranstaltung mit Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), auf der dieser versichert haben soll, weiter am Artikel 148 GMO dran zu sein. Allerdings – wer hätte es gedacht?! – soll angeblich die FDP nicht mitspielen. Auf Arbeitnehmerseite kündigte Betriebsrat Krause derweil weitere Infoveranstaltungen der NGG an.

Ähnliche Artikel