Berlin  Schauspielerin Maren Eggert: „Ich werde immer so gefühlskalt beschrieben, das ist total albern“

Sophie Wehmeyer
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Von Sophie Wehmeyer
| 05.07.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
Schauspielerin Maren Eggert hat in dem neuen Kinofilm „Kein Wort“ die Hauptrolle übernommen. Foto: Imago/ZUMA Press
Schauspielerin Maren Eggert hat in dem neuen Kinofilm „Kein Wort“ die Hauptrolle übernommen. Foto: Imago/ZUMA Press
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In dem ergreifenden Mutter-Sohn-Drama „Kein Wort“, das seit dem 4. Juli in den deutschen Kinos läuft, spielt Maren Eggert die Dirigentin und Mutter Nina Palčeck. Im Interview räumt die Schauspielerin mit Falschmeldungen auf, spricht über die Hürden des Alters, den Spagat zwischen Familie und Karriere und erklärt, warum sie nicht ohne Handy leben kann.

Verlässlichen Tatort-Zuschauern ist Maren Eggert als langjährige Polizeipsychologin Frieda Jung an der Seite von Axel Milberg im Kiel-„Tatort“ bekannt. Nun ist die gebürtige Hamburgerin auf der großen Kinoleinwand zu sehen. Am 4. Juli feierte der neue Kinofilm „Kein Wort“, in dem Eggert die erfolgreiche Dirigentin Nina Palčeck spielt, Premiere. Vorher haben wir mit ihr über die Tücken des Alters, die Gefahr des Schweigens im Film „Kein Wort“, Falschmeldungen und Wunschrollen gesprochen, die die 50-Jährige nie mehr spielen wird.

Frage: Frau Eggert, was ist die albernste Falschmeldung über Sie?

Antwort: Dass ich verheiratet bin! Das ist einfach falsch. Wir sind nicht verheiratet. Das steht irgendwie trotzdem überall. Und ich werde immer so beherrscht und gefühlskalt beschrieben in meinen Rollen. Das ist aus meiner Sicht auch total albern. Ich glaube, ich bin der emotionalste und chaotischste Mensch, den ich kenne und überhaupt nicht ruhig.

Frage: So hätte ich Sie jetzt aber auch nicht eingeschätzt.

Antwort: Doch, ich bin auch total unordentlich. Das haben Sie vielleicht nicht erwartet. Mit den Kindern braucht man zwar eine gewisse Ordnung, aber eigentlich bin ich ziemlich chaotisch.

Frage: Schnelle Frage, schnelle Antwort: Bei den nächsten drei Fragen sollen Sie einfach ganz spontan antworten. Also: Film oder Buch? 

Antwort: Buch. Ich dachte kurz, worauf kann ich nicht verzichten und das wäre ein Buch.

Frage: Theaterbühne oder Kinoleinwand?

Antwort: Kinoleinwand. Oh Gott, ich komme in Teufels Küche.

Frage: Berlin oder Hamburg?

Antwort: Hamburg. Ich habe total Heimweh nach Hamburg. Ich lebe auch gerne in Berlin und wir sind ja auch schon lange hier, aber ich spiele immer wieder mit dem Gedanken, nach Hamburg zurückzuziehen.

Frage: In Ihrem neuen Film „Kein Wort“ spielen Sie die Dirigentin und Mutter „Nina“. Die Figur trägt immer sehr elegante Kleidung. Ihren Trenchcoat legt sie zum Beispiel fast gar nicht ab. Er spielt eine wichtige Rolle, bis er schließlich im Wasser landet. Wie halten Sie das privat? Trifft man Sie zu Hause auf der Couch auch im Jogginganzug?

Antwort: Absolut, ja. Ich liebe Kleidung, auch schöne Kleidung. Ich ziehe mich gerne elegant an, aber ich finde dafür nicht täglich die Zeit. Wenn ich beim Dreh beispielsweise etwas Elegantes trage, dann habe ich am Ende das Gefühl, dass ich meinen Körper bewegen muss, um wieder zu entspannen. Deswegen trage ich zwischendurch immer Gemütliches. Auch wegen meiner zwei kleinen Kinder bin ich eher der Typ, der bequeme Kleidung trägt. Bei Nina haben wir uns vorgestellt, dass sie ihre Sachen gar nicht selbst kauft, sondern jemanden damit beauftragt, für sie einzukaufen. Es war ganz lustig, sich das vorzustellen.  

Frage: Sie sind in diesem Jahr fünfzig Jahre alt geworden. Würden Sie sagen, Sie sind jetzt alt?

Antwort: Wirklich alt bin ich noch nicht, würde ich sagen. Fünfzig ist so ein Alter, mit dem ich mich total wohlfühle. Und die Leute fangen an, einen noch mehr zu respektieren. So habe ich das jedenfalls erlebt. Ich mag auch die Position, mich ein bisschen besser auszukennen und den jungen Leuten etwas beizubringen.

Frage: Woran merken Sie, dass Sie zumindest älter geworden sind?

Antwort: Mir ist aufgefallen, dass ich nicht mehr so fit bin. Im Theater arbeite ich sehr körperlich, da merke ich, dass ich weniger Energie habe oder nicht mehr alles hinkriege. Das macht mich traurig und stört mich sehr, aber eher in beruflicher Hinsicht.

Frage: Fällt Ihnen etwas ein, das Sie heute anders machen würden als damals? 

Antwort: Ja, ich denke schon. Ich habe ziemlich direkt nach der Schule mit der Schauspielschule angefangen. Ich bin einen ganz direkten Weg gegangen – Schauspielschule und dann gleich ins Festengagement. Manchmal denke ich heute, dass ich dieses Jahr oder diese zwei Jahre zwischen der Schule und der Ausbildung hätte nutzen können. Ich bin wenig gereist. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ich ruhig mal ein halbes Jahr nach Südamerika hätte reisen können. Ich komme aber auch beruflich ganz gut herum. Ich war zum Beispiel gerade im Senegal für einen Film, den ich mit Ulrich Köhler abgedreht habe. 

Frage: Bekommen Sie in Ihrer Karriere die Möglichkeiten, die Sie verdienen?

Antwort: Im Theater hatte ich immer Ideen, was für Rollen ich spielen möchte oder welche Autoren mich interessieren. Ich dachte mir, ich würde ganz viel Tschechow spielen – ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht einmal Tschechow gespielt. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es immer anders kommt, als man denkt und man nicht ewig auf etwas warten sollte. 

Frage: Gibt es etwas, dass Sie unbedingt noch spielen wollen?  

Antwort: Na ja, ich finde es total schade, dass ich noch nie einen Kostümfilm gedreht habe. Darüber bin ich wirklich traurig und hätte das gerne mal gemacht, aber man kann nichts erzwingen. Als Schauspielerin muss ich nehmen, was andere sich für mich ausdenken. Es gibt bestimmte Rollen, die kann man zum Beispiel nur spielen, wenn man jünger ist. Irgendwann ist klar, dass ich das nicht mehr machen werde. Ich würde aber gerne noch einen richtigen Actionfilm drehen (lacht) oder eine Komödie. Aber irgendwie denken immer alle, ich kann keine Komödien, obwohl ich das schon bewiesen habe.

Frage: Schauen Sie Ihre Filme selbst an?

Antwort: Ja, es ist aber schwierig für mich. Es ist ganz schön hart, wenn man sich selbst sieht und ich habe mich auch nie daran gewöhnt. Man guckt sehr kritisch auf sich selbst und kann auch nichts mehr daran ändern. Ich muss es aber tun, für meine nächsten Rollen. Ich muss ja wissen, was ich gedreht habe. Vor allem, wenn ich die Reaktionen aus dem Publikum mitkriege, fällt es mir schwer.

Antwort: Das klingt nicht, als könnten Sie Ihre eigenen Filme genießen?

Antwort:  Nicht wirklich. Auch andere deutsche Produktionen gucke ich sehr kritisch. Ich kenne ja viele Leute und kann mich nicht so gut auf die Illusion einlassen. Das ist schade. Natürlich bin ich auch gespannt. Ich erinnere mich an alles, was während der Drehzeit passiert ist und durchleben die Rolle noch mal. Es hat einfach viel „Impact”.

Frage: Woher wissen Sie als Schauspielerin, dass Sie gut spielen? 

Antwort: Ich brauche die Spiegelung durch andere Menschen, durch meine Partner, Regisseurinnen und Regisseure oder das Publikum. Das ist ein großer Aspekt. Es ist wie eine Abhängigkeit, dass ich jemanden brauche, der mir den Spiegel vorhält, der mir sagt, ob es gut oder schlecht war. Ich habe aber mit der Zeit auch eine Art Seismografen entwickelt - ein Gefühl dafür, ob etwas funktioniert hat oder nicht.

Frage: Schweigen und Stille sind ja die wesentlichen Elemente des Films „Kein Wort”. Wie herausfordernd war es für Sie, die Stille sprechen zu lassen?

Antwort: Wir haben sehr viel mit Musik gearbeitet. Es gab keine wirkliche Stille. Ich hatte immer eine bestimmte Musik im Kopf. Das war der Regisseurin auch sehr wichtig. Wir haben teilweise am Set Musik gehört. Wir sind wirklich mit Gettoblaster über die Insel gezogen und haben die zu den Passagen gehörige Musik gehört. 

Frage: Wie haben Sie sich auf die „wortkarge“ Rolle vorbereitet?

Antwort: Ich finde es generell schön, wenn ein Film mit wenig Worten auskommt. Ich mag das gerne, wenn sich Bilder selbst erzählen. Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn sich eine Figur mit den eigenen Worten erklären muss. Dann ist im Drehbuch etwas schiefgelaufen. In „Kein Wort“ ist es natürlich extrem. Das war herausfordernd, aber auch schön. Mit meinem jungen Kollegen konnte ich mich gut ohne Worte verständigen. Ich habe das nicht als Mangel empfunden. Natürlich war ich bei dem Dreh sehr viel alleine, aber es hat irgendwie dazu gepasst. Ich fand es total nachvollziehbar für die Figur „Nina“, dass sie in ihrer eigenen Welt lebt und Probleme hat, etwas darüber hinaus wahrzunehmen.

Frage: Sie sind im Film Dirigentin, haben Sie das extra für die Rolle gelernt?

Antwort: Ja, ich hatte Unterricht bei zwei verschiedenen Lehrern. Ich war bei einem Dirigenten hier in Berlin. Er ist Professor an der Musikhochschule. Und dann hatte ich später noch eine slowenische Dirigentin als Lehrerin. Die konnte mir das Körperliche besser vermitteln. Obwohl ich Schauspielerin bin, fand ich es aber schwierig, Musik über den Körper zu transportieren. Ich hätte es gerne richtig gelernt, aber dafür war die Zeit zu knapp. Dirigentin zu sein –, ist eine sehr einsame Position. Man muss viel Überzeugungsarbeit leisten und sehr bestimmt auftreten, damit alle mitmachen. Männliche Dirigenten haben es da leichter als Frauen, weil ihnen ihre Autorität schneller anerkannt wird. Mein Lehrer in Berlin hat gesagt: „Vielleicht wäre es gut, wenn Du bei einer Frau Unterricht nimmst, denn das ist doch sehr anders“.

Frage: Wie ist ihr persönlicher Bezug zu klassischer Musik?

Antwort: Es war schon immer ein Traum von mir, mal einen Einblick in das Leben einer Dirigentin zu bekommen. Ich habe als Kind schon im Chor gesungen, Klavier gelernt und mich viel mit klassischer Musik beschäftigt. 

Frage: Das Auftreten als Dirigentin im Vergleich zum Auftreten als Mutter sind Extreme, die auch im Film eine Rolle spielen, oder?

Antwort: Nina hat im Film das Problem, dass sie versucht, die Kontrolle, die sie im Beruf hat, auch auf die Familie zu übertragen. Das wird ihr ja auch vorgeworfen von den Familienmitgliedern. Ich glaube, dass sie nicht begreift, dass es im Zwischenmenschlichen nicht so funktioniert. Auch Angst spielt eine Rolle.

Frage: Nina fehlen im Film oft die Worte. Ich habe das als Hilflosigkeit gedeutet. Würden Sie sagen, Sie kennen dieses Gefühl als Mutter auch?

Antwort: Ich kenne das Gefühl, dass man nicht immer alles wissen kann. Das Wichtigste ist, dass man kommuniziert und dass man dem anderen zuhört – zuhört und fragt. Es ist okay, nicht immer alles zu wissen. Ich glaube, Nina ist jemand, der denkt, sie muss immer alles selber wissen und steuern.

Frage: Was würden Sie Nina mitgeben, wenn Sie könnten?

Antwort: Ich fühle mich ihr nicht überlegen. Sie ist einfach eine andere Figur, ein anderer Mensch. Man wünscht ihr wahrscheinlich, dass sie nicht so einsam oder nicht so alleine sein muss mit ihren Entscheidungen.  

Frage: Haben Sie das Verhältnis zu Ihren eigenen Kindern nach den Dreharbeiten zum Film überdacht?

Antwort: Nein, ich habe mich zwar schon erschreckt, wie es bei Nina und Lars so weit kommen konnte, dass so viele Missverständnisse entstehen, und dass sie ihm eine Täterschaft zutraut. Das war für mich ein etwas monströser Punkt in der Beziehung. Da habe ich gedacht: Oh, da muss einiges passieren, dass man von seinem eigenen Kind so denkt.

Antwort: Das Wichtigste ist, in Kontakt zu bleiben, zu reden und zuzuhören. Selbst, wenn mich die Computerspiele meiner Kinder nicht interessieren, höre ich mir trotzdem an, was sie daran toll finden, denn es ist ihre Welt und ich möchte wissen, womit sie sich beschäftigen.

Frage: Schließen Sie nach den Dreharbeiten mit Ihrer Rolle ab oder beschäftigt Sie das noch länger? 

Antwort: Ich kann mit dem Theaterarbeiten leichter abschließen als mit den Filmen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil es kompakter und intensiver ist. Es dauert eine Weile, bis ich wieder in meiner Welt angekommen bin. Ich entfremde mich immer ein bisschen, gerade, wenn ich für die Dreharbeiten verreisen muss.

Frage: Wie lange verreisen Sie maximal für einen Dreh? 

Antwort: Vor zwei Jahren habe ich einmal den ganzen Sommer über gedreht, das würde ich heute nicht mehr so machen. Die Sommer sind für die Familie total wichtig und nicht dabei zu sein, war für mich sehr traurig. Für die zwei letzten Filme war ich jeweils fünf Wochen weg. Das geht – mit dem richtigen Partner.

Frage: Ist es klar, dass Ihr Mann zu Hause bleibt?

Antwort: Na ja, das ist der Plan, aber es verschiebt sich immer alles. Jetzt gab es auch ein, zwei Wochen, in denen es holprig war. Dann kommt meine Schwester und hilft aus. Meine Schwester liebt es total, mit den Jungs zusammen zu sein und kann sich das beruflich zum Glück so einrichten. Der Idealfall ist aber: Einer arbeitet, einer ist zu Hause. 

Frage: An der Schule von Lars gibt es ein Gewaltverbrechen. Haben Sie selbst als Kind gewalttätige Kinder erlebt?

Antwort: Nein, über Schubsen ging es eigentlich nicht hinaus. 

Frage: Würden Sie sagen, dass wir heute mit gewalttätigen Kindern anders umgehen als in den 80ern?

Antwort: Irgendwie habe ich das Gefühl, es ist mehr geworden, aber vielleicht ist es nur die Berichterstattung darüber. Vielleicht ist es auch nur präsenter in unserer Wahrnehmung. Ich finde, es ist ein sehr erschreckendes Thema. Ich kann es kaum aushalten, darüber zu lesen. Es ist so schwer zu erahnen, was einem Kind passiert sein muss, dass es zu Gewalttaten fähig ist.

Frage: Schicken Sie Ihre Kinder heute mit einem guten Gefühl zur Schule?

Antwort: Wir haben total Glück mit unserer Schule. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich in die Schule gehe. Wir haben uns aber auch viele Gedanken gemacht, weil wir unseren Kindern nicht so ein regelmäßiges Leben bieten können. Es war für uns wichtig, dass die Schule ein Ort ist, wo unsere Kinder gerne hingehen. Das hat zum Glück so hingehauen.

Frage: Ninas Handy ist in dem Film dauerpräsent. Was glauben Sie: Welche Rolle werden Handys künftig im Beziehungsleben von Menschen spielen?   

Antwort: Ich glaube, wir haben durch diese Überpräsenz vergessen, dass beim Gegenüber schnell das Gefühl entsteht, ich bin nicht so wichtig wie dieses Gerät. Das unterschätzt man. Ich mache das auch selber: “Entschuldige, ich schreibe mal schnell noch die SMS zu Ende”. Die andere Person wartet, bis man fertig ist. Das ist eine kleine Unhöflichkeit, eine kleine Unaufmerksamkeit, die man nicht unterschätzen sollte. Aber es passiert ständig und bei uns zu Hause auch. Da gibt es auch mal Streit darüber, wo ein Handy fehl am Platz ist. Dadurch, dass ich viel unterwegs bin, habe ich aber auch einen engen Bezug zu meinem Handy. Mein Handy ist mein Verbündeter, die Möglichkeit, Kontakt zu halten.

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