Altes Kästchen aus der Haushaltsauflösung  Auf Spurensuche – ein Fund, der eine Menge Fragen aufwirft

| | 01.07.2024 07:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dr. Julia Kaffarnik und Dr. Heike Ritter-Eden gehen davon aus, dass das Kästchen um 1930 entstanden sein könnte. Foto: Ullrich
Dr. Julia Kaffarnik und Dr. Heike Ritter-Eden gehen davon aus, dass das Kästchen um 1930 entstanden sein könnte. Foto: Ullrich
Artikel teilen:

Für den einen ist es Müll, für den anderen ein 100 Jahre altes Schmuckstück: Eine Schatulle vom Entrümpeln birgt Rätsel zu Alter, Herkunft und Wert. Das sagen Trödler, Historiker und Heraldiker.

Carolinensiel/Marx/Dornum - Ein goldener Löwe, eine heraldische Lilie, Kugeln, Streifen und sogar ein Drache im Wappen auf bordeauxrotem Untergrund. Ein etwa 17 mal 23 Zentimeter großes Kästchen mit verschiedenen stilisierten, schildförmigen Darstellungen zog die Reporterin sofort in ihren Bann. Ein wunderschönes Stück. „Das geht auf den Müll“, lautet aber das Urteil des Mannes, der hier das Sagen hat: Tim Koskowski ist eine Art moderner Schatzjäger. Er ist Entrümpler und Trödler. Das Familienunternehmen „Kossis‘s Haushaltsauflösungen & Entrümpelungen“ löst Haushalte auf. Vieles, was er dabei findet, bekommt in der Flohmarkthalle im Gewerbegebiet von Schwittersum (Gemeinde Dornum) eine zweite Chance.

Tim Koskowski ist moderner Schatzjäger: Was er beim Entrümpeln entdeckt und für erhaltenswert befindet, nimmt er mit in die Flohmarkthalle seiner Familie nach Schwittersum. Foto: Ortgies
Tim Koskowski ist moderner Schatzjäger: Was er beim Entrümpeln entdeckt und für erhaltenswert befindet, nimmt er mit in die Flohmarkthalle seiner Familie nach Schwittersum. Foto: Ortgies

Meist sind die Besitzer der Dinge, die er bei seinen gemeinsamen Einsätzen mit seiner Schwester Kim und seinem Schwager Tim Koskowski findet, längst tot. So auch in diesem Fall: Einst gehörte die Schatulle „Oma Marx“. Ob sie einst weit reiste und das Kästchen als Souvenir mitbrachte? Stammte sie aus adeligem Haus und eines der Wappen war das ihrer Familie? Wusste sie überhaupt von diesem Stück – oder hatte ein Ahne es bereits auf den Dachboden verbannt? Darüber sinnieren die Entrümpler nicht. Nur diese Frage zählt: Schatz oder Schund; Kunst oder Krempel? Die Entscheidung fällt in Sekundenschnelle. Im Fall des Kästchens ist das Urteil deutlich: Für Tim Koskowski gehört es in den Abfall. Die Reporterin sieht das anders. Sie ahnt, gewisse Wappen auf der Oberseite des Objekts schon einmal gesehen zu haben – und begibt sich mit dem Fund auf Spurensuche.

Was auf dem Preisschild stehen würde

Für den einen ist es Schrott, für den anderen ein Schmuckstück: Das trifft wohl auf einige der Funde der „Kossis“ zu. Mit in die Halle der Dornumer Trödelexperten wäre die Schatulle eigentlich nicht gekommen. Wenn aber doch, hätte „die Chefin“ Angela Koskowski den Preis gemacht. Mit sechs Euro, sagt sie, hätte sie es ausgezeichnet. „Damit du noch fünf kriegst.“

Angela Koskowski macht die Preise in der Flohmarkthalle der "Kossis" in Schwittersum. Sie hätte die Schatulle hier für fünf Euro verkauft. Foto: Ortgies
Angela Koskowski macht die Preise in der Flohmarkthalle der "Kossis" in Schwittersum. Sie hätte die Schatulle hier für fünf Euro verkauft. Foto: Ortgies

Warum aber durfte es nicht mit? „Es sieht sehr repräsentativ aus“, stellt ihr Sohn Tim Koskowski fest. „Es ist sehr, sehr edel gemacht.“ Schön gemacht, aber halt nur grob gestanztes Kunstleder: „Es ist ein Blender“, lautet auch das zweite Fazit zum Wert der Schatulle. Es sei ein frühes Massenprodukt, schätzt er. Die Schachtel könnte Teil eines Schreibtischsets aus den 1950er oder 1960er Jahren sein. „Typisch für die gehobene Mittelschicht“, und durchaus kein seltener Fund, fasst er zusammen. „Es ist schön – Aber das gibt es durchaus schöner.“

„Der Mode der Zeit entsprungen“

Bei Alter und Verwendung des kleinen Kastens sind sich auch die Historikerinnen Dr. Heike Ritter-Eden und Dr. Julia Kaffarnik nicht ganz sicher. Relativ klar aber scheint für die Leiterin des Deutschen Sielhafenmuseums in Carolinensiel und die wissenschaftliche Mitarbeiterin die Herstellung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sein. Kaffarnik vermutet um 1930: „Das ist der Mode der Zeit entsprungen.“ Die Fantasiewappen, wofür sie sie hält, seien dekorativ. Holz, Pappe und vermutlich Knochenleim gäben Aufschluss darüber, dass dies so heute nicht mehr produziert würde.

Der Blick ins Innere der Schachtel: Dr. Heike Ritter-Eden geht davon aus, dass das Material mit Knochenleim verklebt wurde. Sie und Dr. Julia Kaffarnik datieren die Schatulle auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Ullrich
Der Blick ins Innere der Schachtel: Dr. Heike Ritter-Eden geht davon aus, dass das Material mit Knochenleim verklebt wurde. Sie und Dr. Julia Kaffarnik datieren die Schatulle auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Ullrich

Die Einschätzung von Tim Koskowski, das Leder sei nicht echt, teilen sie. „Es riecht nicht nach Leder“, urteilt Kaffarnik. Aber, ergänzt Ritter-Eden: „Es wird Leder imitiert.“ Die Historikerinnen meinen, dies sei mit Pappe und einem Lacküberzug optisch jedoch recht gut gelungen. Was den Ursprung der Schatulle angeht, fehlt Ritter-Eden ein Zeichen eines Kunsthandwerkers oder einer Manufaktur, um genaue Rückschlüsse auf den Hersteller zu ziehen. Die Oberseite der Schachtel erinnere sie an einen Buchdeckel. „ Es könnte sein, dass es ein Nebenprodukt eines Buchbinders ist.“ Monika Elwert betreibt mit „Sina Edition“ eine kunsthandwerkliche Buchbinderei in Jever. Sie ist unentschlossen: „Es gibt Spuren, die darauf hinweisen, dass es die Arbeit eines Buchbinders sein könnte.“ Vor allem an der Unterseite des Kastens sieht sie diese. Aber es könnte auch nachträglich repariert worden sein, relativiert sie. Mit etwas Leim klebt sie sogleich eine Ecke, an der sich die oberste Schicht ablöst, wieder an. Auch für die Carolinensieler Museumschefin gehört das rätselhafte Stück in gute Hände: „Da kann man seine Lieblingsstücke oder alte Fotos drin aufbewahren.“

Wappen mit regionalen Parallelen?

Ob es sich wirklich um rein der Fantasie ihres Machers entsprungene Wappen handelt, soll Dr. Jörgen Welp einschätzen. Der stellvertretende Geschäftsführer der Oldenburgischen Landschaft ist ein Kenner der Landes- und Kulturgeschichte sowie Archäologie. Unter anderem vermittelt der auch in Seminaren die Grundlagen der Heraldik. Diese Hilfswissenschaft widmet sich den Wappenbildern und ihrer Gestaltung. Das Wappenwesen hat seine Wurzeln im Mittelalter. Sein erster Eindruck lautet, es könnten durchaus heraldisch korrekte Wappen sein.

„Eine Spur führt nach Florenz: Die Lilie könnte das Florentiner Wappen sein, die sechs Kugeln das der Medici, die drei Jagdhörner das Wappen der Familie Guicciardini, der Greif das Wappen der Familie Martelli.“

Dr. Jörgen Welp von der Oldenburgischen Landschaft kennt sich mit der Wappenkunde, der Heraldik, aus. Foto: Regine Schulze, Oldenburgische Landschaft
Dr. Jörgen Welp von der Oldenburgischen Landschaft kennt sich mit der Wappenkunde, der Heraldik, aus. Foto: Regine Schulze, Oldenburgische Landschaft

Es könnte sich also um die Familienbilder italienischer Adelsfamilien handeln. Es bringt ihn zu der Annahme, das Kästchen könne aus der Toskana beziehungsweise Florenz stammen. Die Spurensuche wird aber durch ein entscheidendes Detail erschwert: „Zu einem Wappen gehören immer auch die Farben, die ja auf dem Kästchen fehlen.“ Eine wirkliche Identifizierung ist damit unmöglich. Allerdings fallen auch regionale Ähnlichkeiten ins Auge: Eines der Wappen sieht dem Oldenburgs ähnlich – wenn auch seitenverkehrt. Ein Tier wirkt wie der Friesländer Löwe. Alles nichts Definitives. Auch er schließt keinesfalls aus, dass hier jemand Fantasiewappen kreiert haben könnte. Was den Wert des Kästchens angeht, stellt er klar: „Allein, dass es so viel Anlass bot, sich damit zu beschäftigen, macht es an sich wertvoll.“

Tipps für eine eigene Spurensuche

Wer sich mit einem unbekannten Fund auf Spurensuche begeben möchte, dem raten die Historiker zu einer Recherche im Internet. Kaffarnik sagt, bei Ebay oder in Auktionshäusern könne auch der Laie sich auf die Suche nach grundlegenden Informationen machen. Finde man ein vergleichbares Exponat, gebe das einen guten Anhaltspunkt für Alter und Wert. Auch über eine mögliche Seltenheit kann dies Aufschluss geben. Sie und Welp haben unabhängig voneinander nach vergleichbaren Schatullen gesucht – und nur wenige Vergleichsobjekte gefunden.

Zudem könne man bei älteren, handwerklichen Arbeiten wie dieser auch die Gewerke anfragen, meint Ritter-Eden. Elwert rät zudem in Fällen wie diesem, Restauratoren zu Rate zu ziehen und gegebenenfalls in einem Antiquariat nachzufragen. Sammlerplattformen online können eine gute Adresse sein und selbst spezielle Apps, die Antiquitäten schätzen, gibt es heute. Darüber hinaus kann der Gang zum Antiquitätenhändler oder Trödler spannende Erkenntnisse liefern.

Ähnliche Artikel