Hannover Es geht ums Geld: Praxis-Lehrer an Berufsschulen in Niedersachsen schlagen Alarm
Sie sind Berufspraktiker und geben an berufsbildenden Schulen praktischen Unterricht: Fachpraxis-Lehrer. Unter ihnen herrscht Unmut. Es geht ums Geld. Werden sie vom niedersächsischen Kultusministerium über den Tisch gezogen?
Wird Judith Wolff von der Sahl auf das niedersächsische Kultusministerium angesprochen, gerät sie regelrecht in Rage, so sauer ist die Vize-Vorsitzende des BLVN, des Berufsschullehrerverbandes Niedersachsen.
Konkret geht es um die Bezahlung der sogenannten Fachpraxis-Lehrkräfte. Diese verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung, zusätzlich über eine Fachschulausbildung oder einen Meistertitel sowie eine mindestens zweijährige hauptberufliche Tätigkeit und erteilen an Berufsschulen in Niedersachsen praktischen Unterricht.
Die in Niedersachsen etwa 1600 Lehrer für Fachpraxis werden an berufsbildenden Schulen (BBS) in nahezu allen Schulformen eingesetzt, unterrichten jedoch überwiegend in der Berufseinstiegsschule (Berufsvorbereitungsjahr und Berufseinstiegsklassen) und in Berufsfachschulen.
„Fachpraxis-Lehrkräfte in Niedersachsen werden um ihre Beförderungsämter betrogen“, beklagt Verbandsvertreterin Judith Wolff von der Sahl und macht ihrem Unmut Luft: „Sie unterrichten drei Unterrichtsstunden pro Woche mehr, liegen in der Besoldung aber mindestens drei Stufen niedriger als ihre Theoriekolleginnen und -kollegen.“ Eine Besoldungsstufe entspreche etwa 400 Euro monatlich.
Der BLVN habe eine erfolgreiche Petition gestartet, um das Eingangsamt und die Beförderungsämter, die mit einer Funktionsstelle verbunden sind, um je eine Besoldungsstufe anzuheben. „Das Ergebnis ist niederschmetternd“, stellt Wolff von der Sahl fest.
„Bisher erhalten alle Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen eine allgemeine Stellenzulage. Ab dem 1. August dieses Jahres wird die Eingangsbesoldung der Fachpraxislehrinnen und -lehrer von A9 auf A10 angehoben, allerdings ohne Stellenzulage“, erläutert die BLVN-Vertreterin und macht deutlich: „Die etwa 900 Fachpraxislehrkräfte, die ihre Funktionsstelle A10 durch Bewerbung, Prüfung und ein Auswahlverfahren erworben haben, beziehen ab August im Vergleich zum Eingangsamt nur zusätzlich die allgemeine Stellenzulage von gut 100 Euro monatlich. Vor der Anhebung des Eingangsamtes betrug die Differenz durchschnittlich 400 Euro.“ Ungerecht sei das.
Dabei habe das Kultusministerium im November 2022 auf einer BLVN-Delegiertenversammlung zugesagt, alle Besoldungsgruppen der Fachpraxislehrkräfte um eine Stufe anzuheben, damit der Abstand gewahrt bleibe.
Diese Darstellung weist das Ministerium auf Nachfrage unserer Redaktion zurück. Es habe keine Zusage über die Anhebung aller Besoldungsgruppen der Fachpraxislehrkräfte „in dieser absoluten Form“ gegeben, teilt Ministeriumssprecher Ulrich Schubert mit.
Wichtig zu wissen sei überdies, dass sich die Besoldungsstruktur in den Berufsschulen in den zurückliegenden Jahren „durch eher ungewöhnlich viele Beförderungen in einer Form entwickelt hat, die nicht den über alle Ministerien und vom für Besoldung zuständigen Finanzministerium vorgegebenen gültigen Normen entspricht“.
Es sei zunächst nötig gewesen, das System anzugleichen und „auf solide Beine zu stellen“. Ziel sei es mittelfristig, zu einem ungefähr gleichen Verhältnis zwischen Eingangsbesoldung und Beförderungsamt zu gelangen wie bei den Theorielehrkräften. Zugleich werde es für besondere Aufgaben wie üblich entsprechende Zulagen geben.
Konkret bedeutet dies laut Ministerium: Die Erhöhung des Einstiegsamtes für Fachpraxislehrkräfte von A9 auf A10, die nun zum 1. August umgesetzt wird, solle dazu dienen, die Attraktivität des Lehramtes für Fachpraxis an den berufsbildenden Schulen zu steigern. „Eine weitergehende Anhebung der Besoldung von Lehrkräften für Fachpraxis der Besoldungsgruppe A10 in die Besoldungsgruppe A11 ist derzeit nicht geplant“, stellt das Ministerium klar.
Im Übrigen sei die Arbeitsplatzbewertung der Fachpraxislehrer „nicht der einer Fachtheorielehrkraft, die weit höhere Ansprüche und andere Ausbildungswege beinhaltet“, gleichzusetzen.