Paris  Der „französische Rupert Murdoch“ und sein Einfluss auf Frankreichs Wahlen

Birgit Holzer
|
Von Birgit Holzer
| 03.07.2024 17:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vincent Bollore Foto: dpa/Kamil Zihnioglu
Vincent Bollore Foto: dpa/Kamil Zihnioglu
Artikel teilen:

Der Großindustrielle und Medienmagnat Vincent Bolloré scheut sich nicht, in seinen Medien seine rechtsextreme Agenda durchzudrücken. Wie er die öffentliche Debatte beeinflussen will – und welche Mittel ihm dafür recht sind.

Sie heißen Pascal Praud oder Cyril Hanouna und gehören zu den bekanntesten französischen Fernsehgesichtern. Manche nennen sie auch nur „Polemisten“. So werden jene Kommentatoren bezeichnet, die sich statt auf Basis von Informationen auf jener ihrer persönlichen Meinungen äußern. Sie werden gerne laut oder beschimpfen mitunter jene Gäste des linken politischen Lagers, die sich ab und zu noch in ihre Sendungen wagen. Sie alle eint, dass sie denselben Chef haben: Geschäftsmann Vincent Bolloré.

So warf Cyril Hanouna in seiner beliebten Show TPMP auf dem Privatkanal C8 den Linkspolitiker Luc Boyard unter Buhrufen des Publikums aus dem Studio, weil dieser den Chef des Senders, den Geschäftsmann Vincent Bolloré, kritisiert hatte. Die tumulthafte Szene brachte C8 eine Strafe von 3,5 Millionen Euro durch die Rundfunkregulierungsbehörde ein.

Doch was sind schon 3,5 Millionen Euro gegen die Spitzen-Einschaltquoten, die Hanouna täglich erzielt? Eine solche Summe scheint ein Klacks zu sein für den Milliardär Bolloré, der unter anderem im Bau-, Logistik- und Werbegeschäft aufstieg und seit Jahren zu Frankreichs großen Medienmogulen zählt. Dem 72-jährigen gehören neben C8 der Info-Fernsehsender CNews, die Radiostation Europe 1, das Sonntagsblatt „Journal du dimanche“ und die Illustrierte „Paris Match“.

Medien enthüllten, dass einer der wenigen Berater, mit denen Präsident Emmanuel Macron die Auflösung der Nationalversammlung am Abend der EU-Wahl ausgeheckt hatte, den Bolloré-treuen TV-Moderator Pascal Praud gegen 18 Uhr anrief und einweihte – noch bevor Macron seinen eigenen Premierminister Gabriel Attal über die Pläne informiert hatte. Am nächsten Tag trafen sich wiederum Bolloré und der Noch-Präsident der konservativen Republikaner, Éric Ciotti. Dieser kündigte kurz darauf zum Entsetzen der meisten Parteifreunde ein Bündnis mit dem RN an. Wenige folgten Ciotti, doch dessen Abgeordnete könnten dem rechtsextremen Rassemblement National (RN) bei der zweiten Runde der Parlamentswahlen am Sonntag entscheidende Sitze einbringen, damit es zur absoluten Mehrheit reicht.

Diese Entwicklungen entsprechen Bollorés Vorstellungen einer umfassenden „Union der Rechten“ unter Dominanz der rechtsextremen Kräfte. 2007 stand der streng katholische Geschäftsmann noch hinter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Kurz nach seiner Wahl machte dieser Urlaub auf Bollorés Privatyacht – das führte zu Sarkozys erstem Skandal im Amt. Der Industrielle hat seitdem seine Haltung verschärft. Vor der Präsidentschaftswahl 2022 baute er den Muslim-Hasser Éric Zemmour, früher einer der „Polemisten“ in seinen Sendungen, als Kandidaten auf. Das scheiterte zwar, Zemmour erhielt nur sieben Prozent.

Doch Bolloré beeinflusst weiterhin die politische Agenda. Medienhistoriker David Colon zufolge ist sein Vorbild der ultrakonservative Medienmogul Rupert Murdoch, unter anderem Chef des US-Senders „Fox News“, der dem reaktionären Teil der US-Republikaner nahesteht. „Bei der Medienkonzentration besteht der Schlüsselfaktor nicht in der Anzahl der Zeitungen oder ihrer Auflage, sondern in der Vielfältigkeit der Medienangebote, die es ermöglicht, schnell die öffentliche Debatte zu beeinflussen.“ Das tut Bolloré mit seinen Print-, Radio- und Fernsehmedien. Insgesamt haben sie eine Millionen-Reichweite.

„Paris Match“ veröffentlichte im Vorfeld der EU-Wahlen eine Reportage über einen romantisch angehauchten Hausbesuch bei der für Zemmours Partei antretenden Kandidatin Marion Maréchal, Nichte von Marine Le Pen, und ihrem Mann, dem EU-Abgeordneten der italienischen Lega, Vincezo Sofo. Die einst angesehe Zeitschrift „Journal du dimanche“, die seit der Übernahme durch Bolloré 2021 eine heftige Streikwelle erlebt und schließlich etliche langjährige Mitarbeiter verloren hat, widmete dem 28-jährigen RN-Chef Jordan Bardella ein schmeichelhaftes Porträt. Sollte es für die absolute Mehrheit für seine Partei reichen, ist er als Premierminister gesetzt. Im Sender CNews lästerte Moderator Praud, die Republikaner, die Ciotti nicht folgten, seien „die dümmsten Rechten der Welt, ohne Mut, ohne Zukunft“. Gäste der Talkshows werden strikt nach ihrer politischen Linie ausgesucht. Bolloré und seine Leute verteidigten sich gegenüber einer parlamentarischen Untersuchungskommission zu dem Thema: Experten und Politiker anderer Richtungen schlugen Einladungen schließlich meist aus. Bei der Wahl am Sonntag treten zudem zwei bisherige „Polemisten“ aus Bollorés Reich mit an, die sich mit Kreml-nahen Positionen hervorgetan haben.

Von der RN-Frontfrau Marine Le Pen hielt sich Bolloré lange fern, die ihm in wirtschaftspolitischer Hinsicht zu weit links stand. Doch ihren politischen Ziehsohn Bardella stützt er – und nicht zuletzt auch das große medienpolitische Versprechen der Partei, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu zerschlagen. Zugute käme das vor allem Milliardären wie ihm, um noch ungestörter die Meinung der Menschen in Richtung rechts zu formen.

Ähnliche Artikel