Osnabrück Das fatale Wort „ideologisch“: Wie man sein Gegenüber ins Unrecht setzt
Das Debattenklima wird nicht einfach nur rauer. Es ist auch geprägt von Modefloskeln, die das Gegenüber ins Unrecht setzen sollen, ohne auf seine Argumente einzugehen. Wie macht man das? Mit Diskursvernichtern. Heute: „ideologisch“.
Die Forderung nach einer Mietpreisbremse? „Ideologisch“, kontern Konservative. Der ganze Klimaschutz? Ideologische Verbotspolitik, sagt zum Beispiel Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Das Wörtchen ideologisch hat den Klang eines letzten Urteils gewonnen. Es diskreditiert ganze Politikansätze mit einem Schlag. Was „ideologisch“ ist, kann nur falsch, weil verblendet und gegen jedes Faktum gerichtet sein.
Täuscht der Eindruck – oder setzen vor allem Konservative dieses Wort gegen die Politik der Grünen ein? „Ideologisch“ kann da vieles sein: der Klimaschutz, das Gendern, überhaupt alles, was als woke und irgendwie links angesehen wird. „Ideologisch“: Das ist kein Wörtchen, das ist eine rhetorische Allzweckwaffe.
Der Trick: Wer seinem Gegenüber unterstellt, „ideologisch“ zu sein, der etabliert ein steiles Machtgefälle. Der politische Gegner ist danach voreingenommen, in Denkmustern befangen, die er gegen offensichtlichen Anschein durchhält. Wer anderen das Wörtchen „ideologisch“ zuschreibt, nimmt für sich selbst in Anspruch, unvoreingenommen zu sein.
Ein wirklich teuflisch guter Trick. Er wirkt doppelt: Der politische Gegner wird ins Abseits gestellt, die eigene Position vor Kritik geschützt. Sie kann ja nur noch eines sein: die wirkliche vernünftige.
Von Ideologie als falschem Bewusstsein sprachen früher Marxisten. Mit der Rede von der Ideologie entlarvten sie das angeblich falsche Bewusstsein der in ihren Interessenlagen befangenen Bürgerlichen. Die Aufgabe: Ideologie entlarven, um Klasseninteressen zu demaskieren.
Ich habe von solcher Aufklärung nie etwas gehalten. Wer von Ideologie redet, nimmt für sich die einzig wahre Einsicht in die Verhältnisse in Anspruch. Was für eine Anmaßung. Marxisten waren wahre Meister darin.
Heute haben Konservative diesen Diskursvernichter für sich entdeckt. Wer „ideologisch“ sein soll, hat das Recht auf Gegenrede offenbar verwirkt. Das fatale Wort setzt unmittelbar ins Unrecht – und beendet die Debatte.
Mit dieser Finte operieren allerdings nicht allein Konservative. Auch bei den Grünen ist das Wörtchen „ideologisch“ in Gebrauch. Und bei anderen Debattenrednern. „Ideologisch“: So wird jeder neue politische Ansatz bezeichnet, wenn er eigenen Interessen widerspricht und möglichst rasch ausgebremst werden soll.
Mein Rat: Vorsicht bei vermeintlicher Ideologie. Dieses Wort schadet dem freien Denken. Wenn es einer benutzt, dann beharrlich nachfragen. Wo etwas angeblich „ideologisch“ sein soll, wird es erst richtig interessant. Warum sonst sollte wohl jemand ein Interesse daran haben, den Austausch von Argumenten so früh als möglich zu beenden?