Lügen im Internet Wurde die Webseite des Wiesmoorer Golfclubs Opfer von Netz-Gaunern?
Die ehemalige Internetseite des insolventen Golfclubs Ostfrieslands ist wieder aktiv. Statt Vereinsinfos werden dort jetzt dubiose Lügen verbreitet – und Casino-Werbung. Ist das erlaubt?
Wiesmoor - Manchmal ist es schon fast unglaublich, was im Internet alles behauptet wird. Wenn es nach der ehemaligen Internetseite des Golfclubs Ostfrieslands geht, ist Ostfriesland ein echtes Eldorado für Golfer. Die zehn schönsten Plätze der Region sind dort jetzt aufgeführt. Laut der Seite gibt es sogar einen Golfclub in Leer-Loga, auch in Emden und Aurich dürfen Golfer ihren Schläger schwingen. Das ist natürlich Humbug. Da wird zum Beispiel der 866 Kilometer entfernte Golfclub Eichenheim in Kitzbühel mal eben nach Aurich verpflanzt. Und schon ist das Internet um eine Lüge reicher.
Der Inhalt liest sich, als wäre er von einer künstlichen Intelligenz erstellt worden. Zwischen Anfänger-Tipps für angehende Golfer und Ausflugstipps für Ostfriesland schummelt sich ganz diskret der Satz: „Kleiner Extratipp: Wenn man mit Kindern unterwegs ist, dann gibt es auch zahlreiche Erlebnis Golfplätze in der Gegend und bei Regenwetter kann man in den besten Online-Casinos in Deutschland sein Glück versuchen!“ Wie bitte? Online-Casinos? An dieser Stelle gibt es einen Link zur Seite „beste-online-casinos“ des Unternehmens IGaming. Danach ist ein altes Video der Luftkurort Wiesmoor Touristik GmbH eingebettet – Werbung für Erlebnisgolf in der Blumenstadt.
Was ist auf dieser Seite passiert?
Nach der Auflösung des Golfclubs wurde die Website-Domain wieder frei und im Anschluss „durch einen Dritten neu registriert“. So die Auskunft der Denic. Das ist die Stelle, bei der alle Domains mit der Länderkennung „.de“ registriert sind. Dort gibt es auch die Info, welches Unternehmen die Seite verwaltet und Beschwerden entgegennimmt: die INWX GmbH. Für das falsche Impressum der Seite ist man dort aber nicht zuständig. Auch der Hinweis, dass die angegebene Mailadresse nicht funktioniert, läuft ins Leere. Vertrauenswürdig wirkt die Seite golfclub-ostfriesland.de nicht – allerdings erst, wenn man genauer hinschaut. Dafür können aber weder die INWX noch die Denic verantwortlich gemacht werden.
Was steckt dahinter?
„Hinter Seiten wie dieser können verschiedene Absichten stecken“, sagt der Oldenburger Medienanwalt Dr. Henning Hillers und zählt auf: Seine Liste reicht vom Versuch, Casino-Webseiten zu bewerben, bis zu gezielten Desinformationen. Was in diesem Fall wahrscheinlich der Grund ist, wird offensichtlich bei der Suche nach einem Kontakt der Berliner Niederlassung des Unternehmens IGaming, auf dessen Webseite verlinkt wird. Die im Netz zu findenden Telefonnummern des Unternehmens sind nicht aktiv. Aber es taucht das LinkedIn-Profil eines Arne Harkensee auf, der für das Unternehmen Webseiten für Suchmaschinen optimiert. In einem Video ohne Datumsangabe erklärt er, wie genau sein Unternehmen dafür sorgt, dass unter anderem Casino-Webseiten besser von Suchmaschinen bewertet werden und bei der Internet-Suche weit vorne stehen. Linkbuilding nennt das die Fachwelt.
Wie funktioniert Linkbuilding?
Es gibt verschiedene Wege, wie Webseiten von Suchmaschinen besser gefunden werden. Arne Harkensee zählt in seinem Video die wichtigsten Punkte auf: Je mehr Links zu einer Webseite führen und je seriöser der Ruf einer Webseite ist, von der aus auf eine Seite verlinkt wird, desto besser wird diese Seite von den Suchmaschinen bewertet. Wenn auf der Webseite mit dem Link dann auch noch Links wie zum Video der Luftkurort Wiesmoor Touristik GmbH eingebettet sind, hebt es das Ansehen noch einmal beträchtlich an und die Webseite steigt im Suchergebnis-Ranking noch weiter nach oben. Vor allem, wenn die ehemaligen Besitzer der Seite die Google-Informationen nicht haben löschen lassen, als sie die Seite aufgegeben haben. So hilft der gute Ruf der Seite bei den Suchmaschinen, das Schmuddel-Image der Online-Casinos zu polieren.
Warum der ganze Aufwand und die Fake-Seite?
Warum der Aufwand für Linkbuilding speziell für die Casino-Webseiten betrieben wird, erklärt Harkensee auch in dem Video: „Es kommt viel Geld rein und viele wollen ein Stück vom Kuchen“, sagt er auf Englisch. Je sichtbarer die Casinos im Netz sind, desto höher die Einnahmen. Bis zu 100 Links pro Monat werden so von seinem Unternehmen gesetzt, erwähnt er. Ob das Unternehmen dafür ebenfalls gezielt falsche Webseiten wie golfclub-ostfriesland.de einrichtet, bleibt offen. Eine Mail mit einer Kontaktaufforderung bleibt unbeantwortet und telefonisch ist das Unternehmen nicht erreichbar. Unüblich ist eine solche Aufwertung durch Links für Online-Spiele nicht – das passiert auch direkt auf renommierten Webseiten. Auf der vom Deutschen Leichtathletik-Verband unterstützten Seite Laufen.de gibt es zum Beispiel einen Beitrag darüber, warum Online-Glücksspiele für Läufer eine perfekte Kombination sind – natürlich mit einem Link zu einer Spiele-Seite. Einen Unterschied zu anderen Beiträgen der Seite gibt es nicht. Ähnlich sieht es auf der Seite der Augsburger Allgemeinen aus – allerdings steht unten drunter kleingedruckt der Link zum Urheber.
Darf man das?
Bei der Suche nach Antworten, ob die Inhalte der Seite golfclub-ostfriesland.de rechtens sind und wie man mit solchen Falschinformationen umgehen kann, verweist die Presseabteilung der Polizei Aurich an einen Fachanwalt für Medienrecht. Schließlich wird niemand bedroht oder persönlich angegriffen. Falsche Informationen im Internet zu verbreiten ist natürlich nicht in Ordnung, sagt Medienanwalt Dr. Henning Hillers. Trotzdem könne man nicht viel dagegen tun. „Wehren können sich Personen und Unternehmen, die von den falschen Behauptungen betroffen sind oder deren Inhalte oder Daten dort verwendet werden“, erklärt er. Das wäre also der Tourismus, der Golfsport in Ostfriesland oder die Luftkurort Wiesmoor Touristik GmbH (LWTG), deren Video auf der Fake-Seite verwendet wurde.
Wie kann man sich dagegen wehren?
„Solche Seiten schaden dem Ruf der Region“, findet Joel Siemer, Prokurist der LWTG, nachdem er von der Webseite erfahren hat. Die LWTG habe keine Werbung auf golfclub-ostfriesland.de geschaltet und das Video dort auch nicht zur Nutzung freigegeben. Er verweist allerdings an eine für ganz Ostfriesland zuständige Stelle, um das Problem anzugehen.
Ein anderer Weg: Auch Privatmenschen können solche Seiten melden – zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale im Netz unter https://www.verbraucherzentrale.de/beschwerde. Wenn sich der Verdacht bestätigt, wird die Seite unter Vorsicht Falle (https://www.verbraucherzentrale-niedersachsen.de/vorsicht-falle) geführt. Mehr passiert nicht. Wichtig sei, dass der ehemalige Webseiten-Inhaber die alten Google-Informationen löschen lässt, lautet ein weiterer Tipp aus der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
Bis etwas passiert, wird die Seite des ehemaligen Golfclubs weiterhin Werbung für Online-Spiele vertrauenswürdiger erscheinen lassen und Lügen verbreiten. „Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, Informationen im Internet kritisch zu prüfen“, sagt Medienanwalt Hillers.