Berlin Sandra Hüller: Die AfD im Osten – das war eine Infiltrierung
Begegnung mit Sandra Hüller: Die Schauspielerin spricht über die Wendezeit, die AfD im Osten und über das absehbare Ende des Kapitalismus. Ein Interview zur neuen Wendekomödie „Zwei zu eins“.
Mit gleich zwei Oscar-Filmen ist Sandra Hüller gerade erst mitten in Hollywood angekommen. Sozialisiert wurde die Schauspielerin im Osten. Und in den letzten Tagen der DDR spielt auch ihr neuer Film. „Zwei zu eins“ erzählt von der Vernichtung der ostdeutschen Banknoten in der Wendezeit, bei der eine Handvoll schlauer DDR-Bürger ein Vermögen macht. In den Berliner Räumen des X-Film-Verleihs erzählt die 46-Jährige, wie sie selbst als Kind die letzten Tage der DDR erlebt hat – und warum sie jetzt auch das Ende des Kapitalismus erwartet.
Frage: Frau Hüller, bei Ihrem Auftritt im Bochumer „Würgeengel“ gab es kürzlich eine Panne. Das Publikum wartete gute 20 Minuten auf den Theatersitzen und musste dann noch mal komplett zurück ins Foyer.
Antwort: Ich erinnere mich.
Frage: Sie selbst liegen beim Einlass schon unbequem auf der Bühne. Wie halten Sie währenddessen die Spannung? Ihr Intendant berichtet ja, dass Sie als Hamlet die Bühne selbst in der Pause nicht verlassen, um in der Rolle zu bleiben.
Antwort: Da sind ganz viele Annahmen drin, die nicht stimmen. Ich bleibe nicht immer in der Rolle. Das stimmt nicht. Als Hamlet bleibe ich während der Pause auf der Bühne stehen. Weil die Figur selbst nie vorwärtskommt, hätte ich einen normalen Abgang komisch gefunden. Und beim „Würgeengel“ liege ich nicht unbequem. Wenn man da liegt, hat man kein Zeitgefühl. Ab einem bestimmten Moment hat mein Körper mir gesagt: Irgendwas ist anders. Das habe ich auch bei den anderen wahrgenommen; auf der Bühne ist man ja doch irgendwie verbunden. Dann fing die Tuschelei am Inspizientenpult an. Ab da wusste ich: Es gibt ein Problem. Wann sagen sie es uns denn wohl?
Frage: Wie kommt man in die Konzentration, wenn es dann wieder losgeht?
Antwort: Das ist ja das Tolle am Theater: Dass es live ist und solche Sachen passieren. Manchmal hat man vor Vorstellungen zu viel Energie. So ein Ereignis regelt das dann vielleicht. Den anderen wirft es aus der Kurve. Ich habe das nicht als Katastrophe empfunden.
Frage: Ich hatte zum Spaß ein altes Opernglas dabei. Und als ich es in der Hand hatte, habe ich es sofort wieder eingesteckt, weil es sich übergriffig anfühlte. Ist es das?
Antwort: Ja! Ja! Das finde ich total übergriffig. Das Theater ist auf diesen Abstand angelegt. Beim Film gibt es Nahaufnahmen, auf der Bühne spielt man über die Distanz. Also drückt man sich anders aus als mit dem Gesicht, das die Leute sich dann genau angucken wollen. Es ist auch immer gewöhnungsbedürftig, wenn auf der Bühne mit der Kamera und Projektionen gearbeitet wird. Und bei Operngläsern habe ich das Gefühl: Die Leute kommen mir nah, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe.
Frage: Wenn Sie eine Figur wie den Hamlet spielen – gucken Sie sich dann vorher an, wie Kollegen ihn gespielt haben? Haben Sie zum Beispiel Lars Eidingers Hamlet gesehen oder den Stummfilm mit Asta Nielsen?
Antwort: Für Asta Nielsen habe ich eine Ausnahme gemacht, einfach um zu sehen, ob es eine Rolle spielt, dass man einen weiblichen Körper hat. Und das tut es eben nicht. Die lange Liste der weiblichen Schauspielerinnen, die Hamlet gespielt haben, hat mich auch beruhigt – genauso wie eine Aussage von Angela Winker. Die hat gesagt, dass sie als Hamlet keine Frau und auch keinen Mann gespielt hat, sondern ein Kind von Eltern. Das war der Schlüssel.
Frage: In Ihrer Hamlet-Inszenierung spielt der Geschlechterwechsel doch sowieso keine so große Rolle, oder?
Antwort: Na ja, es war automatisch Thema. Jedes Interview drehte sich damals um diese Frage. Aber es stimmt, was Angela sagt: Bei Hamlet geht es um einen Verlust. Und der ist universell.
Frage: Vor zehn Jahren haben Sie gesagt, dass Ihr eigentlicher Arbeitsplatz das Theater ist – und Filme immer nur etwas obendrauf. Gilt das immer noch? Im Moment kommt ein Film nach dem anderen raus und in Bochum sind Sie kein Ensemblemitglied, sondern Gast.
Antwort: Das Theater ist immer noch der Ort, an dem ich mich auskenne. Im Film gibt es andere Regeln. Es ist ein ständiger, spannender Lernprozess – gerade jetzt, wenn ich vielleicht doch unter Umständen mehr im Ausland arbeiten kann. Da wird dann wieder alles ganz anders.
Frage: Viel unterwegs waren Sie ja schon. Zur Tour vor der Oscar-Nacht gehörte für Sie ein Auftritt in Jimmy Kimmels Late Show. Dem amerikanischen Publikum haben Sie sich mit der glamourösen Anekdote vorgestellt, dass die Oscar-Nominierung Sie kalt an der Mülltonne erwischt hat, wo Sie gerade den Abfall rausgetragen haben.
Antwort: (Hüller verbirgt ihr Gesicht in den Händen und sagt lachend:) Das war so dumm.
Hier können Sie Sandra Hüllers Auftritt in der Jimmy-Kimmel-Show ansehen:
Frage: Wie hat Ihnen die Talk-Situation gefallen, in der man Pointen abliefern muss? Und was, glauben Sie, hat Jimmy Kimmel von Ihnen gedacht?
Antwort: O Gott. Darüber kann und will ich gar nicht spekulieren. Da werde ich ja verrückt, wenn ich überlege, was ein Talk-Moderator über mich denkt. Der hat halt seine Arbeit gemacht und ich meine auch. Ich habe ihn als warmherzigen, zugewandten und konzentrierten Menschen erlebt, sehr fair. Es war eine durchweg angenehme Erfahrung. Ich war sehr überrascht. Ich dachte, das fühlt sich schlimmer an.
Frage: Ist Ihnen das Drumherum der Öffentlichkeitsarbeit trotzdem eher unangenehm?
Antwort: Es ist nicht mein liebster Teil des Berufs. Und trotzdem habe ich mich entschieden, das im Fall der Oscar-Kampagne zu genießen. Weil es sonst wirklich gar keinen Sinn macht, wenn ich mich auch noch dagegen wehre.
Frage: Hat’s mit dem Genießen denn geklappt? Was war schön?
Antwort: Ich fand dieses ausgeklügelte Betreuungs- und Pflegesystem, das in diesem Umfeld herrscht, schon sehr toll. Es war überraschend und auch interessant, wie das funktioniert, wie jemand durch so einen Prozess getragen wird – und das immer mit einem bestimmten Ziel. Es geht ja nicht um mich als Person, sondern darum, was am Ende dabei rauskommt.
Frage: Man liest immer, dass den Nominierten der Oscar-Hauptkategorien sogenannte Goodie Bags überreicht werden – Koffer mit Werbegeschenken im Wert von über 100.000 Dollar.
Antwort: Da warte ich heute noch drauf.
Frage: Gibt es das in Wahrheit gar nicht?
Antwort: Es gibt die Goodie Bag für Oscar-Nominierte. Sie wurde mir auch angekündigt. Aber ich habe nie eine gesehen. Womöglich kommt die nicht durch den Zoll. Vielleicht ist sie auch zu groß, weil auch noch ein Auto drin ist. Wer weiß.
Frage: Ich hatte mir ausgemalt, dass Sie von Domestiken in einen Raum geführt werden, voller Schmuck und Geschmeide und Gutscheine für Wellness-Hotels.
Antwort: Für die man dann wieder in die USA reisen müsste. Für mich gab es das alles nicht. Ich muss Sie enttäuschen.
Frage: Bei den Oscars geht es nicht nur um Preise und hochpreisige Giveaways – sondern auch darum, Kontakte zu knüpfen. Was hat sich jetzt oder damals in Ihrer ersten Oscar-Nacht mit „Toni Erdmann“ ergeben?
Antwort: Nach „Toni Erdmann“ hat sich nichts ergeben. Jetzt ist es anders. Mehr kann ich dazu aber nicht sagen.
Frage: In Deutschland haben Sie nach „Toni Erdmann“ den dritten Teil von „Fack ju Göhte“ gedreht. Das war für Sie eine ungewöhnliche Rollenentscheidung. Warum hatten Sie Lust darauf?
Antwort: Weil ich diese Welt nicht kannte. Man kann bestimmte Genres immer bewerten und sagen: Sowas mache ich nicht. Ein freierer Mensch bin ich, wenn ich es ausprobiere – statt ein Leben lang in der Annahme zu leben, dass ich das nicht kann. Das ist limitierend. Deswegen habe ich das gemacht. Und ich mochte es.
Frage: Ihr aktueller Film „Zwei zu eins“ taucht ein in die letzten Tage der DDR. Als die Mauer fiel, waren Sie elf und lebten in Thüringen. Wo haben Sie diesen Tag erlebt?
Antwort: Zu Hause war ich – als Kind. Vor dem Fernseher.
Frage: Und wie haben Sie den Tag erlebt?
Antwort: Wissen Sie, das ist schwierig. Ich war ein Kind und würde es jetzt aus der Erwachsenenperspektive kommentieren.
Hier sehen Sie den Trailer zu Sandra Hüllers Film „Zwei zu eins“:
Frage: Haben Sie Begrüßungsgeld bekommen? Und durften Sie es behalten?
Antwort: Daran erinnere ich mich nicht. Diese ganze Geldgeschichte war eine Erwachsenensache. Der Eintausch, all diese Sachen – davor haben meine Eltern mich beschützt. Ich erinnere mich aber an diese erste Begegnung mit dieser neuen Art von Konsum, an den ersten Supermarkt im Westen. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass man uns an der Ostkleidung erkennt, an meine Scham. Ich habe diesen Überfluss nicht verstanden und mich gefragt: Was macht man denn mit dem ganzen Zeug?
Frage: Auf alten Fotos kommt einem der Unterschied zwischen der West- und der Ostkleidung der 80er nicht mehr so groß vor. Damals konnte man es aber offenbar genau unterscheiden.
Antwort: Wir hatten damals zum Beispiel viel getragene Kleidung. Die Sachen wurden in der Familie weitergegeben, wenn sie noch gut waren. Unsere Annahme war, dass das im Westen nicht so ist, dass da immer alles neu ist.
Frage: Ihr Film schildert jetzt die Geschäftemacher aus dem Westen, die den Ostdeutschen als Hausierer Ramsch verkauft haben. Haben Sie so was als Kind erlebt?
Antwort: Nein, aber eine tief verankerte Erinnerung von mir ist, wie viele Leute damals Kredite aufgenommen haben. Das war vorher nicht üblich. Viele haben sich hoch verschuldet, sodass ich schon als Kind beschlossen habe: Das mache ich nie! Weil ich viele Menschen erlebt habe, die sich unglücklich gemacht haben – mit diesem Wollen und nicht Können und mit den Abwegen, auf die das geführt hat. Daran erinnere ich mich. Abzocke habe ich nicht erlebt.
Frage: Ihre Regisseurin sagt, dass man nur in Deutschland nicht über Geld spricht. Gilt das auch für Sie? Oder machen Sie Geld vielleicht sogar bewusst zum Thema – zum Beispiel, damit niemand auf die Idee kommt, Ihnen weniger zu bezahlen als männlichen Kollegen?
Antwort: Es ist mir zumindest bewusst, dass das Schweigen über Geld ein Machtinstrument ist. Natürlich würden wir mehr verändern, wenn wir uns austauschen würden, übrigens auch, was die unterschiedlichen Löhne zwischen Ost und West angeht. Meine eigenen Gagen handle ich nicht selbst aus; dafür gibt’s die Agentur. Ich kann nur sagen, was meine absolute Grenze ist und was ich brauche. Dazu kommen dann so imaginäre Dinge, die nichts mit der geleisteten Arbeit zu tun haben – sagen wir mal: der Status. Damit kenne ich mich nicht aus. Im Film heißt es bei manchen Produktionen: Es gibt Einheitsgagen. Und in solchen Fällen rufe ich schon mal Kollegen an und frage: Stimmt das? Kriegst du dasselbe wie ich? Nicht, dass es am Ende nur ein Trick ist, weil sie davon ausgehen, dass wir uns nicht unterhalten.
Frage: Würden Sie sagen, dass die DDR-Sozialisation Ihre Biografie über den Mauerfall hinaus geprägt hat?
Antwort: Na klar. Der Unterschied, auf den andere mich am häufigsten hinweisen, ist die arbeitende Mutter. Wenn ich mit westdeutschen Journalistinnen rede, geht es immer darum: Bei denen war die Mama zu Hause. Das gab es in meinem Umfeld nicht, höchstens bei Kindern vom Bauernhof. Diese gleiche Verteilung von Arbeit und Hausarbeit, das wird immer wieder betont – auch wenn der Staat das vielleicht eher aus wirtschaftlichen Gründen als aus feministischen so gelenkt hat. Etwas Anderes, das mich mit den Kindern der DDR verbindet, sind die Reiseziele dieser Zeit: Ostsee, Ungarn, Tschechien.
Frage: Die Schriftstellerin Anne Rabe entwickelt in ihrem Roman „Die Möglichkeit von Glück“ eine sehr negative Sicht darauf, wie das autoritäre System sich über die Wende hinaus in Biografien eingeschrieben hat, über die Jugendgewalt der 90er bis hin zu Höcke und der AfD.
Antwort: Ah, interessant – Höcke ist ja gar kein Ossi. Der überwiegende Teil der faschistischen Partei kommt leider aus dem Westen. Und das war auch von Anfang an so. Das war eine richtige Infiltrierung. Das ist nicht aus dem Osten gekommen, sondern da haben Leute ganz genau gewusst, wo sie ansetzen müssen. Ich kenne das Buch nicht. Wobei ich nicht weiß, ob es hilft, in der Zeit, in der wir leben, auf irgendwas eine negative Sicht zu haben. Man muss eher gucken: Wie kriegt man was gelöst?
Frage: Es gibt sicher keinen Grund, das politische System der DDR zu vermissen. Vermissen Sie trotzdem die Idee einer Alternative, eines Gegenmodells zum globalen Kapitalismus?
Antwort: Es gibt ja Alternativen. Man muss sie nur leben. Menschen müssen sich dafür entscheiden, anders zu leben – und das in großer Zahl. Ich glaube nicht, dass das System, in dem wir leben, alternativlos ist. Selbst wenn ich mit amerikanischen Kollegen und Kolleginnen spreche, geht es immer darum, dass wir an einem Modell beteiligt sind, das in seinen letzten Zügen ist. Wie auch immer das aussieht, was dann kommt. Aber das ist, glaube ich, jedem und jeder klar: Wir stecken im Spätkapitalismus. Und was kommt nach spät? Ich glaube, dann kommt: Schluss.