Hamburg/Wildeshausen  Krimineller Clan in der Kleinstadt: Ermittler klagen erste Familienmitglieder an

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 11.07.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mehrere Banden-Mitglieder müssen sich ab Ende Juli vor Gericht verantworten. Die „Clan-Staatsanwaltschaft“ Osnabrück wirft den Männern Drogenhandel vor. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Mehrere Banden-Mitglieder müssen sich ab Ende Juli vor Gericht verantworten. Die „Clan-Staatsanwaltschaft“ Osnabrück wirft den Männern Drogenhandel vor. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Mehrere Männer aus der niedersächsischen Kleinstadt Wildeshausen sind angeklagt, weil sie über Jahre mit Drogen gehandelt haben sollen. Die Staatsanwaltschaft sieht zudem Verbindungen zur Clan-Kriminalität. Der Fall scheint beispielhaft für den Kampf gegen Clan-Kriminalität.

Sie handelten in großen Stil mit Drogen und sollen kriminelle Mitglieder eines Clans sein. Eine mutmaßliche Drogenbande aus Wildeshausen (Landkreis Oldenburg) muss sich noch in diesem Monat vor Gericht verantworten, wie das zuständige Landgericht Oldenburg auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte.

Demnach hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück drei Männer im Alter von 27, 32 und 36 Jahren wegen des bandenmäßigen Handelns mit Marihuana, Haschisch und Kokain „in nicht geringer Menge“ angeklagt. Rund 30 Mal sollen die drei Männer in den vergangenen zwei Jahren unter anderem in Wilhelmshaven und Bremen mit den Drogen gehandelt haben.

Ein 37 Jahre alter Mann, den die Staatsanwaltschaft zuvor als mutmaßlichen „Lieferanten“ identifizierte, ist zudem wegen des unerlaubten Handelns mit Betäubungsmitteln angeklagt, wie ein Sprecher des Landgerichtes weiter mitteilte. Er und der 32-jährige Hauptverdächtige sitzen bereits seit Februar in Untersuchungshaft. Er soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mitglied eines Clans sein, weswegen die Osnabrücker Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Clan-Kriminalität die Ermittlungen übernahm.

Den Behörden dürfte dieser Fall aus Wildeshausen das aktuelle Vorgehen gegen Clan-Kriminalität bestätigen. Längst ist klar, dass Kriminelle auch aus Kleinstädten heraus agieren, wo sie womöglich weniger Kontrolldruck ausgesetzt sind. Beim 32-Jährigen hatte man zudem eine scharfe Schusswaffe gefunden.

Gleichzeitig ist Wildeshausen auch Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die sich gegen pauschalisierende Vorverurteilung und Sippenhaft einer ganzen Familie aussprechen: Nach Recherchen unserer Redaktion sollen rund 70 Mitglieder der kurdischen Großfamilie in und um Wildeshausen leben, die meisten sind bislang unbescholten. Unklar, wie viel selbst etwas mit den illegalen Aktivitäten konkret zu tun haben. Gegen einige Angehörige hatte die Polizei vergangenen September nach eigenen Angaben mit verdeckten Operationen begonnen.

Der 32-Jährige mutmaßliche Organisator des Drogengeschäfts hatte Kurierfahrer und Abnehmer zusammengebracht, im Februar erwischte die Polizei einen Kurierfahrer und den 37 Jahre alten Lieferanten in flagranti beim Marihuana- und Kokaindeal. Die Beamten durchsuchten in Wildeshausen Bremen und im Landkreis Rotenburg anschließend zehn Wohnungen, wohl viele davon von Familienmitgliedern. Die Ausbeute: Waffen, 80.000 Euro in bar, zwei Fahrzeuge und Datenträger.

Insgesamt gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass Mitglieder der Großfamilie mit Marihuana im zweistelligen und Kokain im einstelligen Kilobereich gehandelt haben. Wie viele der nun Angeklagten zu der Großfamilie zählen, sagte das Gericht nicht.

Wie die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage mitteilte, werde in diesem Zusammenhang aber noch gegen drei weitere Familienmitglieder in einem abgetrennten Verfahren ermittelt. Dazu zählt auch ein 34 Jahre alter Wildeshausener aus derselben Familie, bei dem die Polizei Anfang Juli erneut vorstellig wurde.

Dabei wurden Waren aus seinem Shisha-Laden, Fahrzeuge und Bargeld beschlagnahmt sowie Konten gepfändet. Der Gesamtwert soll sich laut Staatsanwaltschat auf 108.000 Euro belaufen. Der gesamte Vermögensarrest belaufe sich gar auf 232.000 Euro. Der Verdacht: Das Vermögen wurde im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität erlangt.

Die Beschlagnahmung von vermutetem Clan-Vermögen ist eine zentrale Strategie der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen gegen den 34-Jährigen und zwei weitere Familienmitglieder laufen noch. Der erste Prozesstag für die „Drogenbande“ ist für den 31. Juli angesetzt, bis Mitte November könnte das Verfahren dauern.

Hinweis: In einer ersten Version des Textes sorgte eine missverständliche Formulierung für den Eindruck, dass Wertgegenstände in Höhe von 232.000 Euro gepfändet wurden. Der Wert belief sich jedoch nur auf 108.000 Euro. Wir haben die Passage konkretisiert.

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