Kiel  Erster Kandidat aus Schleswig-Holstein? Robert Habeck will Kanzler werden

Kay Müller
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Von Kay Müller
| 11.07.2024 15:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der ersten Reihe: Robert Habeck. Foto: Michael Staudt
In der ersten Reihe: Robert Habeck. Foto: Michael Staudt
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Annalena Baerbock wird nur zur Kandidatur aufgestellt. Vermutlich werden die Grünen wohl mit Robert Habeck an der Spitze in die Bundestagswahl gehen - als erstem Kanzlerkandidaten aus SH. Ein Blick in die Geschichte.

Es gibt nicht mehr viele Momente, in denen jeder Beobachter sehen kann, wie nervös Robert Habeck ist. Einer ist, als er diese Sätze sagt: „Wir haben immer wieder darüber geredet, wer Kanzlerkandidatin der Grünen werden soll. Wir beide hatten uns darauf vorbereitet, wir beide wollten es, aber am Ende kann es nur eine machen. Und so ist es der Moment zu sagen, dass die erste grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sein wird.“

Es ist der April 2021 als Habeck einen der schwersten Schritte seiner politischen Laufbahn geht. Mehr als drei Jahre später hat nun Annalena Baerbock den Schritt zurück gemacht und Habeck als erstem Kanzlerkandidaten aus Schleswig-Holstein die Bühne überlassen.

„Moment“, werden jetzt viele Beobachter sagen. Willy Brandt war doch sogar ein Kanzler aus Schleswig-Holstein, schließlich wurde der Sozialdemokrat in Lübeck geboren – wie Habeck. Allerdings galt Brandt auch schon bei seiner ersten Kanzlerkandidatur 1961 mehr als Berliner denn als Schleswig-Holsteiner. Denn seine Heimat hatte er schon 28 Jahre zuvor auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verlassen. Nach der Rückkehr aus dem norwegischen Exil fasst Brandt in Berlin Fuß, steigt dort als Regierender Bürgermeister zu einer Art deutschem John F. Kennedy auf.

Und auch wer jetzt auf Brandts Nachfolger als Kanzler, Helmut Schmidt, als Schleswig-Holsteinischen Ehrenbürger verweist, schaut zu kurz. Zwar verbrachte der Sozialdemokrat gern Zeit in seinem Feriendomizil am Brahmsee (Kreis Rendsburg-Eckernförde), doch gibt es wohl wenige Hamburger, die noch hanseatischer sind als Schmidt.

Und auch Björn Engholm ist nicht Kanzlerkandidat, als er zehn Jahre nach Schmidts Ausscheiden aus dem Kanzleramt als SPD-Vorsitzender zurücktritt. Denn zu dem Zeitpunkt hat er zwar versucht, als Parteichef die SPD auf neue Füße zu stellen und sich selbst als Herausforderer von Helmut Kohl bei der Bundestagswahl 1994 zur Verfügung gestellt. Aber offiziell nominiert hat ihn seine Partei nie, wie übrigens die Grünen ja auch Habeck noch nicht offiziell gekürt haben.

Immerhin ist Engholm einer der wenigen Bundesminister, die aus Schleswig-Holstein kommen – wenn er auch nur kurz am Ende der Ära Schmidt das Bildungsressort leitet. Für die CDU sind die berühmtesten Bundespolitiker aus Schleswig-Holstein wohl Gerhard Stoltenberg und Kai Uwe von Hassel, die beide unter anderem das Verteidigungsressort leiten. Weitgehend vergessen sind heute der Sozialdemokrat Lauritz Lauritzen, der von 1966 bis 1974 das Verkehrsressort führt und Werner Schwarz, von 1961 bis 1965 Bundeslandwirtschaftsminister, dessen Enkel heute das Agrarressort in Schleswig-Holstein leitet.

Auch Edzard Schmidt-Jortzig, der gegen Ende der Ära Kohl für die FDP zwei Jahre lang das Justizressort führt, ist heute nur noch historischen Feinschmeckern bekannt. Und Egon Bahr, Volker Rühe oder Peer Steinbrück als Schleswig-Holsteiner zu führen, nur weil die Bundesminister auch einige Jahre im Norden aktiv waren, würde zu weit führen.

Bekannter ist ein anderer Genosse, der wie Lauritzen in Kiel aufwuchs und wie Schmidt-Jortzig dort studierte: Karl Schiller ist wie Robert Habeck Wirtschaftsminister – und derjenige, der Willy Brandt 1969 nach Überzeugung vieler Politikwissenschaftler und Historiker den Wahlsieg beschert.

Eben jener Brandt will im Übrigen als gescheiterter Kanzlerkandidat von 1961 und 1965 nach Bildung der Großen Koalition 1966 und nach Protesten aus der Partei eigentlich nur das Entwicklungshilferessort leiten. Erst SPD-Fraktionschef Herbert Wehner muss den gebürtigen Lübecker überzeugen, das Außenministerium und damit auch die Kanzlerkandidatur 1969 zu übernehmen.

Brandt ist bislang der einzige Bundesminister, der durch eine Wahl ins Kanzleramt gekommen ist. Und seine Kandidatur war folgerichtiger und vor allem aussichtsreicher als die von Habeck 55 Jahre später. Denn die SPD liegt damals in den Umfragen bei 42 und nicht wie die Grünen heute bei 13 Prozent.

Nur ist in den 60er Jahren die Wahllandschaft auch nicht annähernd so volatil wie heute, die letzte Bundestagswahl hat es mehr als deutlich gezeigt, wie ein Politiker, dem kaum jemand eine Chance eingeräumt hat, am Ende im Kanzleramt landen kann. Dorthin könnte es auch Habeck am Ende schaffen, wenn er seine Bühne gut bespielt. Eine Bühne, die er zuerst noch jemand anderem überlassen hat, die sie nicht wirklich nutzen konnte.

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