Berlin  Grüner Kanzlerkandidat? Wenn einer die Stimmung drehen kann, dann Habeck 

Rena Lehmann
|
Von Rena Lehmann
| 11.07.2024 15:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annalena Baerbock war 2021 die erste Kanzlerkandidatin der Grünen. Jetzt ist die Ausgangslage noch schlechter. Robert Habeck könnte es trotzdem versuchen. Foto: Michael Kappeler
Annalena Baerbock war 2021 die erste Kanzlerkandidatin der Grünen. Jetzt ist die Ausgangslage noch schlechter. Robert Habeck könnte es trotzdem versuchen. Foto: Michael Kappeler
Artikel teilen:

Vermutlich wartet gerade niemand im Land auf die Verkündung eines grünen Kanzlerkandidaten. Aber wenn einer mit der Partei noch gewinnen kann, dann ist es Robert Habeck.

Großartig, dass Annalena Baerbock der Ampel-Koalition und ihrer Partei ein monatelanges Gezerre um die Kanzlerkandidatur erspart. Nichts braucht das Land gerade weniger als einen Kampf um die Spitzenkandidatur einer Regierungspartei, die in Umfragen bei etwas mehr als 11 Prozent liegt. Dass Baerbock anders entschieden hätte, wenn die Aussichten besser wären, ist anzunehmen. Klar ist aber: Wenn noch einer die Anti-Grünen-Stimmung im Land drehen kann, dann Habeck und nicht sie.

Der Wirtschaftsminister hat im Streit um das Heizungsgesetz und die Abschaltung der Kernkraftwerke Federn gelassen, aber er ist – anders als Baerbock – noch immer einer der besten Rhetoriker, die die Spitzenpolitik derzeit aufzubieten hat. Habeck kann auch zuhören. Wenn seine Partei ihn machen ließe, könnte er mit einem pragmatischen Kurs sogar wieder Wähler der Mitte zurückholen. 

Dazu müssten die Grünen ihre Migrationspolitik der Realität anpassen und das Vertrauen zurückgewinnen, dass sie mit ihrer Klimapolitik nicht die Wirtschaft abwürgen, sondern nach den besten Lösungen suchen wollen. Die Ausgangslage wäre für Habeck weit schwieriger als für Baerbock 2021, als sie einen Wahlsieg der Grünen mit zahlreichen Patzern im Wahlkampf versemmelte.

Schon allein deshalb wäre es merkwürdig gewesen, hätte Baerbock sich jetzt noch einmal dafür an Habeck vorbeigeschoben und auf einer erneuten Kandidatur bestanden. Die Aufarbeitung der Wahlniederlage von 2021, bei der die Grünen von Umfragewerten weit über 20 Prozent auf ein Ergebnis von unter 15 abstürzten, hat niemals stattgefunden. Hätten die Grünen sie gewagt, wären sie womöglich nicht dort, wo sie heute stehen.  

Im ersten Regierungsjahr und nach Beginn des Ukraine-Krieges haben Baerbock wie Habeck ihre Sache noch gut gemacht. Doch dann haben Grünen-Führung und Bundestagsfraktion sich stur dem Koalitionsvertrag zugewendet und sich in einer Regierungsblase eingerichtet, die mit dem Alltag der Menschen im Land nur noch gelegentlich etwas zu tun hat. Die Grünen sind inzwischen auf ihre Stammklientel zurückgeschrumpft, die mit der Entfremdung von der gesellschaftlichen Realität kein Problem hat. Die Mitte, die sie aber bräuchten, hat sich abgewendet. 

Ausgeschlossen ist in diesen sprunghaften Zeiten trotzdem gar nichts. Auch die SPD musste sich Spott anhören, als sie Olaf Scholz damals zu ihrem Kanzlerkandidaten kürte. Er ist heute Bundeskanzler. Und würde vermutlich lieber noch einmal gegen Annalena Baerbock antreten als gegen seinen Vizekanzler. 

Ähnliche Artikel