Osnabrück  Rassismus? Abstiegsangst? Diese Daten zeigen, warum wirklich so viele AfD wählen

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 21.07.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
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Strategien gegen die AfD beruhen auf der Annahme, den Wählern der Partei gehe es vor allem um Themen wie Migration. Forscher der Uni Mannheim warnen nun: Das wahre Problem könnte tiefer liegen. Und mit einem Gefühl in der Bevölkerung zu tun haben, das sie „Würde-Lücke“ nennen.

Der Countdown läuft. Gute sechs Wochen sind es jetzt noch bis zum allseits befürchteten großen Knall, also noch ungefähr eine Sommerferienlänge. Dann wählen die Thüringer und die Sachsen neue Landtage, und wenn bis dahin nicht noch zwei bis drei Wunder passieren, wird die AfD bei dieser Gelegenheit zumindest in Thüringen erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Bundesland. Ausgerechnet ein AfD-Landesverband, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, mit dem mehrfach verurteilten Björn Höcke an der Spitze. Es wäre ein Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte.

Neben der heiklen Debatte, wie man mit einem möglichen Wahlsieger Höcke umzugehen habe, wird dann auch wieder die Frage nach den Gründen gestellt werden: Warum wählen so viele Menschen die AfD? Es ist die Eine-Million-Euro-Frage der deutschen Politik, schon seit Jahren. Und zwei Forscher der Universität Mannheim glauben, sie jetzt erstmals empirisch fundiert beantworten zu können. 

„Die klassischen Erklärungsversuche, die bisher diskutiert werden, kreisen letztlich alle um das Thema Angst: Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor Einwanderung“, sagt Richard Traunmüller, Professor für Empirische Demokratieforschung an der Universität Mannheim. „Nach unseren neuen Daten dringt das aber nicht vor zum wahren Kern der Problematik.“

Traunmüller und sein Kollege Oliver Spalt, der in Mannheim den Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre innehat, haben schon im Rahmen des German Internet Panels der Mannheimer Universität eine repräsentative Umfrage mit 3683 Befragten gemacht. Dabei sind sie der Vermutung nachgegangen, bei der eigentlichen Motivation der AfD-Wähler könnte es um etwas anderes gehen als konkrete Politikfelder wie Wirtschaft oder Migration. Um etwas viel Grundlegenderes: etwas, das sie „Würde“ nennen. 

„Alle Menschen haben das Bedürfnis, als nützlich und wertvoll wahrgenommen zu werden“, sagt BWL-Professor Spalt. Er und Traunmüller haben für die Umfragen das Thema Würde in drei Arten von Wertschätzung aufgeteilt. Die Befragten sollten sagen: Wie viel „Respekt“ erwarten sie von der Politik, wie viel Eigenständigkeit („Autonomie“) sollten ihnen Politiker in ihrem Leben zubilligen, und wie sehr verlangen sie, von ihnen auf Augenhöhe ernstgenommen zu werden („Gleichwertigkeit“)?

Außerdem wollten die Forscher wissen, inwieweit diese Wünsche in der Praxis erfüllt werden; wie viel Respekt, Autonomie und Gleichwertigkeit die Menschen also tatsächlich von der Politik erfahren. Den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Realität nennen sie „Würde-Lücke“. Und hier tun sich gewaltige Unterschiede auf.

Demnach gibt zwar fast jeder Befragte an (96 Prozent), die Politiker sollten ihm mit Respekt begegnen. Aber nicht einmal jeder zweite Deutsche (47 Prozent) fühlt sich tatsächlich respektvoll von ihnen behandelt. Das ist eine Differenz, also eine „Würde-Lücke“, von 49 Prozentpunkten.

Beim Thema Autonomie ist die Lücke kleiner (30 Punkte), weil die Ansprüche geringer sind: Nur 75 Prozent äußern die Erwartung, dass die Politik sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lässt, während 45 Prozent diesen Anspruch auch in der Praxis umgesetzt sehen. Eine Behandlung auf Augenhöhe schließlich erwarten 88 Prozent der Deutschen von der Politik, während nur 47 Prozent eine solche Behandlung auch erleben – eine Lücke von 41 Prozent.

Die Ergebnisse lassen sich weiter differenzieren. Während etwa Frauen, ältere Menschen und solche mit hohen Einkommen zufriedener sind, fühlen sich besonders in Ostdeutschland viele Menschen nicht ausreichend wertgeschätzt. Auch bei Menschen, die keinen höheren Bildungsabschluss wie Abitur oder Studium haben, ist die „Würde-Lücke“ tendenziell größer.

Nun mag es erst einmal nicht überraschen, dass Anspruch und Wirklichkeit im Leben bisweilen auseinandergehen. Was den Befund in diesem Fall aber besonders aussagekräftig macht: Die Forscher untersuchten zum Vergleich auch, wie die Menschen den respektvollen Umgang in anderen Bereichen bewerten, etwa am Arbeitsplatz oder allgemein in der Gesellschaft. Auch hier erhofften sich die Leute grundsätzlich mehr Respekt, als sie tatsächlich wahrnehmen. Allerdings ist die Diskrepanz hier viel geringer als mit Blick auf die Politik. 

So wünschen sich 98 Prozent der Befragten „Respekt“ im Job, aber immerhin 71 Prozent erleben diesen Respekt auch. „Das größte Würdedefizit besteht eindeutig in der Behandlung durch die Politik“, sagt BWL-Professor Spalt. „Viele Bürger fühlen sich nicht nur nicht wertgeschätzt, sondern auch aktiv abgewertet.“

Setzt man dieses Gefühl schließlich in Beziehung zu den politischen Vorlieben der Befragten, ergibt sich ein klares Bild: Wähler der Grünen empfinden das geringste Würde-Defizit, während es bei den AfD-Wählern mit Abstand am größten ist. Politikwissenschaftler Traunmüller sagt: „Das Hauptergebnis ist, dass eine größere Würde-Lücke extremere politische Positionen und fehlendes Vertrauen in den Staat wahrscheinlicher macht.“

Bleibt die Frage: Könnte man die Lücke auch wieder schließen? Die Motivation der Menschen zu verstehen, sei schon mal der erste Schritt, glauben die Forscher. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele der bisher angewandten Strategien gegen die AfD nicht nur nicht erfolgreich sind, sondern womöglich das Gegenteil bewirken“, sagt Traunmüller.„Weite Teile der Bevölkerung pauschal als abgehängte Verlierer, rechtsextreme Rassisten oder verschwörungstheoretische Dummköpfe abzustempeln, dürfte Gefühle der Abwertung und des mangelnden Respektes noch verstärken.“ 

Auch bestimmte politische Floskeln wie „Wir müssen unsere Politik besser erklären“ oder „Wir müssen die Wähler abholen“ sieht er kritisch. Weil sie das Gefühl der Menschen zu verstärken drohen, eben nicht als selbstständige und mündige Wähler betrachtet zu werden, sondern als zu erziehende Kinder. „Vertrauen und Respekt lassen sich schnell zerstören, aber nur sehr langsam und behutsam wieder aufbauen“, sagt Traunmüller. Es klingt nicht so, als könnte eine Sommerferienlänge dazu reichen. 

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