Osnabrück Ingenieursmangel: „Deutschland ist voller Talente, man darf sie nur nicht frustrieren“
Alarmierender Engpass: In Deutschland fehlen 159.000 Fachkräfte in den Ingenieur- und Informatikberufen. VDI-Direktor Adrian Willig warnt im Interview vor den Konsequenzen für den Innovationsstandort.
Eine innovative Wirtschaft ist auf schlaue Köpfe angewiesen. Doch in den mathematisch-technischen Berufen (MINT) wächst der Mangel. Die Zahl von 159.000 unbesetzten Stellen in den Ingenieur- und Informatikberufen droht weiter zu wachsen. Wie lange kann sich Deutschland ein solches Missverhältnis noch leisten, ohne Innovationskraft und Wohlstand aufs Spiel zu setzen? Darüber haben wir mit Adrian Willig gesprochen, dem Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Der Zusammenschluss vertritt rund 130.000 Ingenieurinnen und Ingenieure.
Frage: Herr Willig, droht Deutschland seinen Nimbus als Land der Ingenieure zu verlieren?
Antwort: Die Zahl der Ingenieurinnen und Ingenieure ist in den letzten zehn Jahren gestiegen, allerdings nicht in dem Maße, wie es angesichts der Herausforderungen nötig wäre. Wir wollen schließlich nicht nur den Klimawandel bekämpfen, sondern auch unsere Städte an die sich ändernden klimatischen Veränderungen anpassen, wir treiben die Digitalisierung in allen Lebensbereichen voran und wollen dazu beitragen, den Krebs zu besiegen – das ist nur eine Auswahl dessen, wozu wir technologische Expertise und technischen Sachverstand brauchen. Gleichzeitig sind derzeit rund 159.000 Stellen in den Ingenieur- und Informatikberufen unbesetzt. Angesichts der Boomergeneration, die in Rente geht, droht die Zahl noch zu wachsen. Wenn es uns nicht gelingt, diese Lücke zu schließen, wird es schwierig für Deutschland, langfristig als innovativer Technologiestandort international zu bestehen.
Frage: Ist der Beruf des Ingenieurs nicht attraktiv genug?
Antwort: Wir als VDI versuchen mit großem ehrenamtlichen Engagement junge Menschen sowohl in den Schulen wie im außerschulischen Bereich mithilfe einer Vielzahl von Initiativen zu gewinnen und ein positives Bild von Technik zu vermitteln. Egal ob autonomes Fahren, Batterietechnik, Windrad oder Herzschrittmacher – Ingenieurinnen und Ingenieure entwickeln Technologien und Produkte und gestalten so gesellschaftlichen Wandel mit. Das ist sehr sinnhaft und befriedigend. Das ist wohl die beste Werbung für den Ingenieursberuf. Und ja, als kluger Kopf mit kreativen Ideen lässt sich auch gutes Geld verdienen.
Frage: Um ausländische Fachkräfte werden wir gleichwohl nicht herumkommen, oder?
Antwort: Wir werden die Lücke bei den MINT-Berufen, sprich in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, nicht nur aus Deutschland heraus schließen können. Qualifizierte Menschen aus dem Ausland sollen möglichst nicht nur hier studieren, sondern auch hier bleiben. Im Hinblick auf die Attraktivität, um in Deutschland arbeiten zu wollen, haben wir noch Nachholbedarf. Das fängt bei der komplizierten Bürokratie an und hört bei der Integration im Alltag noch längst nicht auf.
Frage: Was halten Sie von dem Vorschlag der Ampel, ausländische Fachkräfte steuerlich zu entlasten, um das Arbeiten in Deutschland lukrativer zu machen?
Antwort: Es ist sehr wichtig, die Attraktivität des Standortes zu steigern, keine Frage. Die steuerliche Entlastung ausländischer Fachkräfte kann dabei wohl ein Punkt unter anderen sein. Wesentlicher sind der Abbau bürokratischer Hürden und handfeste Hilfestellungen bei der Integration. Das wissen wir aus den Rückmeldungen ausländischer Ingenieurinnen und Ingenieure aus mehr als 20 Ländern, denen der VDI mit seinem Mentorenprogramm Xpand dabei zur Seite steht, in Deutschland Fuß zu fassen. Politik und Gesellschaft sollten die Debatte pragmatisch und nicht ideologisch führen.
Frage: Apropos Pragmatismus: Wie beurteilen Sie die Ankündigung der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, das für 2035 geplante Verbrenner-Aus zu relativieren und Ausnahmen für E-Fuels, synthetische Kraftstoffe, zu erlauben?
Antwort: Es ist richtig, dass die EU im Kampf gegen den Klimawandel und auch zu dessen Bewältigung Ziele definiert. Die Politik sollte es aber Ingenieurinnen und Ingenieuren überlassen, herauszufinden, auf welchem Weg sich die Ziele am besten erreichen lassen. Einzelne Technologien von vornherein auszuschließen, halten wir für schwierig. Wir plädieren deshalb für Technologievielfalt. Wenn die Gesetzgebung zum Verbrenner-Aus entsprechend nachgebessert würde, ginge das in die richtige Richtung. Am Ende muss sich freilich zeigen, ob eine technische Lösung tatsächlich nachhaltig ist oder nicht. Daran wird sie sich messen lassen müssen.
Frage: Bisweilen hat man den Eindruck, dass Politiker unrealistische Ziele vorgeben, ohne sich am Machbaren zu orientieren. Teilen Sie das?
Antwort: Manchmal brauchen wir sicher ein wenig mehr Realismus. Soeben erst hat der Europäische Rechnungshof die von der EU-Kommission ausgegebenen Ziele zum grünen Wasserstoff als nicht auf einer soliden Analyse beruhend kritisiert; die Ziele ließen sich unter gegebenen Umständen nicht erreichen. Andererseits können Ziele ja auch Ansporn sein. Da sehen wir auch eine Aufgabe des VDI, uns stärker in die Debatte einzubringen und alle Beteiligten von Unternehmen über Umweltverbände bis zu Ministerien miteinander zusammenzubringen und zu schauen, was ist technisch machbar, um den Markthochlauf bei grünem Wasserstoff und seinen Folgeprodukten zu beschleunigen.
Frage: Finden die Ingenieure genügend Gehör in der Politik?
Antwort: Tatsächlich wünsche ich mir, dass der technisch-wissenschaftliche Sachverstand in der gesellschaftlichen Debatte und in der Politik noch häufiger gehört wird. Wir haben aber auch als VDI sicher die Verantwortung und die Aufgabe, uns an mancher Stelle stärker einzubringen.
Frage: Den Deutschen wird gern nachgesagt, sie seien technikfeindlich und ängstlich, was Innovation angeht. Teilen Sie den Eindruck?
Antwort: Manchmal gibt es die übertriebene Neigung, Bedenken zu diskutieren. Das ist vielleicht eine deutsche Eigenart, erstmal Probleme zu thematisieren. Das birgt die Gefahr, Dinge zu zerreden und frühzeitig Chancen zu verbauen. In anderen Ländern, wie z. B. in den USA ist man weniger zurückhaltend. Andererseits erlebe ich bei vielen jungen Leuten hierzulande einen ungeheuer positiven Spirit.
Frage: Was meinen Sie damit genau?
Antwort: Neulich war ich bei der Preisverleihung von Jugend forscht, was da an Ideen zirkuliert, an Leidenschaft, das ist schon gigantisch, das hat mich sehr beeindruckt. Wenn man die Mädchen und Jungen später alle machen lässt und nicht frustriert durch Bürokratie oder ständiges Wälzen von Bedenken, dann mache ich mir über den Standort schon weniger Sorgen. Deutschland ist voller Talente, man muss ihnen nur eine Chance geben.