Hamburg  Tatort-Star Mechthild Großmann: „Ich spielte alle Nutten rauf und runter“

Manfred Ertel
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Von Manfred Ertel
| 27.07.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Ihre brummige Stimme ist ihr Markenzeichen: Schauspielerin Mechthild Großmann. Foto: Daniel Sadrowski
Ihre brummige Stimme ist ihr Markenzeichen: Schauspielerin Mechthild Großmann. Foto: Daniel Sadrowski
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Die „Tatort“-Kultfigur Mechthild Großmann spricht im Interview über die Krimi-Reihe, ihr Markenzeichen und ihre Selfie-Wut.

Der Fuß ist operiert, aber er hält. Pünktlich erscheint Großmann zum Gespräch mit Manfred Ertel im Foyer-Café des Hamburger Hotels Reichshof, zum ersten Mal ohne Fußschiene und bester Laune. „Ich bin ein sehr offener Mensch“, sagt sie. Und so erzählt sie auch aus ihrer großen Karriere.

Frage: Können Sie eigentlich noch Fragen zu Ihrer tiefen, rauen Stimmfarbe hören, die gern als Ihr Markenzeichen bezeichnet wird?

Antwort: Ach, was soll ich dazu noch zum vierhundertsten Mal sagen: Die Stimme war eine Besonderheit, als ich jung war. Wenn man 20 ist, nicht besonders groß und 20 Pfund weniger hat, und so eine Stimme, dann ist das sehr besonders und ein Problem. Jetzt in meinem Alter haben ja viele Frauen tiefere Stimmen.

Frage: Ist die besondere Stimmlage für Sie mehr Fluch oder mehr Segen?

Antwort: Beides. Am Anfang war es sehr schwer als Schauspielerin. Ich habe zum Beispiel nie eine junge Liebhaberin gespielt. Obwohl ich schon mit 20 fest am Theater in Bremen war und die ein Herz für schräge Sachen hatten. Aber ich spielte alle Nutten rauf und runter, manchmal auch einen Mann oder Jungen, wenn Männer fehlten. Früher gab es ja noch Schauspielfächer (lacht): Mein Fach war junge Salondame und Charakterspielerin.

Frage: Hätten Sie gern mal eine Liebhaberin gespielt?

Antwort: Aber selbstverständlich. Ich würde auch gerne mal auf der Bühne kreischen. Ich kann das nicht. Ich kann noch tiefer, aber ich kann nicht kreischen. Ich habe ganz sicher viele Rollen nicht bekommen und gespielt, als ich jünger war.

Frage: Sie passen eigentlich nicht ins Fernsehen, haben Sie mal gesagt, warum nicht?

Antwort: Als Schauspielerin bestimmt man ja nicht selber, was man macht. Oder zumindest nicht allein. Ob man engagiert wird, zum Beispiel. Als ich 1969 zum ersten Mal fest am Theater engagiert wurde, war Fernsehen ganz anders als heute. Da gab es nur zwei Sender. Lange gab es auch nicht so viele Daily Soaps wie aktuell, wo mit jungen, nicht ausgebildeten Leuten gedreht wird. Und vielleicht war so ein Typ Frau wie ich einfach nicht gewünscht. Sabine Sinjen zum Beispiel war gewünscht. Die spielte in Filmen wie „Es“ über eine junge Liebe ohne Trauschein und eine Abtreibung. Das hätte man nie mit mir gemacht. Ich war nie Mainstream. Ich hatte durch meine Stimme immer etwas Verruchtes, Glamourhaftes.

Frage: Sind Sie deshalb zu Pina Bausch ans Wuppertaler Tanztheater geflüchtet und haben mit ihr fast 30 Jahre lang zusammengearbeitet?

Antwort: Nein, Pina Bausch war ja nicht nur eine herausragende Choreografin, sondern auch Regisseurin, die weltweit mit Preisen ausgezeichnet wurde. Das Wuppertaler Tanztheater hat viele Sachen gemacht, bei denen sich Zuschauer beschwerten, dass mehr gesprochen als getanzt wurde. Ich war nie Tänzerin, ich war Schauspielerin, lange die einzige Nichttänzerin. Als ich Pina Bausch 1975 kennenlernte, suchte sie zum Beispiel Schauspieler für einen Abend zu Bertolt Brecht und Kurt Weill…

Frage: Trotzdem kriegen Sie Rückenschmerzen, wenn Sie an Pina Bausch denken, wie Sie mal gesagt, warum?

Antwort: Weil wir Tag und Nacht gearbeitet haben, vor allem auch körperlich. Wenn sie sich dabei hundertmal auf den Boden schmeißen müssen, dann merken sie irgendwann ihren Rücken. Ich habe ihre Tanztheaterstücke überall auf der Welt gespielt und war zwischendurch auch woanders engagiert, aber sie hatte bei mir immer Vorkaufsrecht. Sie war ein einfach großes Genie und hat mir beigebracht, einfach zu spielen. Die schlimmste Kritik von ihr war: Du sprichst wie ein Schauspieler. Oder: Du tanzt wie ein Tänzer. Das war absolut verboten. Man muss auch auf der Bühne einfach bleiben und durch diese Einfachheit im besten Sinne versuchen, ein Stück Wahrhaftigkeit darzustellen.

Frage: Bedauern Sie manchmal, dass Sie als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Münster-„Tatort“ im öffentlichen Bewusstsein mehr zum Star geworden sind als mit ihren großen Bühnenrollen?

Antwort: Der „Tatort“ ist ja eine „Zubringerrolle“, so nennt man das heutzutage. Als mir die Rolle angeboten wurde, dachte ich nicht daran, dass wir bis heute 45 Folgen senden würden und die nächste bereits abgedreht ist. Die Rolle ist schön und macht Spaß. Aber die meisten Zuschauer kennen wahrscheinlich noch nicht einmal meinen Namen, wissen jedoch, wie ich aussehe und kennen meine Stimme. Außerdem ist diese Berühmtheit in Anführungsstrichen nicht immer nur angenehm…

Frage: Weil?

Antwort: Weil sich Menschen immer schlechter benehmen. Das geht manchmal so weit, dass jemand im Fahrstuhl meine Wange tätschelt und sagt: „Das sind doch Sie?“ Oder mich jemand festhält, damit seine Begleitung ein Selfie von uns macht. Ich war mit Hannelore Hoger eine Woche in einem Hotel in Spanien, in dem viele Deutsche waren. Wir wollten einen Text besprechen und eine Lesung vorbereiten. Da war diese Übergriffigkeit so unangenehm, dass wir nie am Swimmingpool waren und nie an der Bar. Wir saßen nur auf unserem Balkon. Ich möchte wirklich niemanden verletzen und natürlich freuen wir uns, wenn jemand sagt, dass er uns klasse findet. Die meisten Leute sind auch sehr nett. Aber es gibt eine neue Distanzlosigkeit, die ist schrecklich: Und diese Selfies sind eine ganz grässliche Erfindung.

Frage: Welche Bedeutung hat der „Tatort“ für Sie?

Antwort: Wir sind wie eine Familie oder ein festes Ensemble, das ist schön. In anderen Tatorten sind es immer zwei oder drei Figuren, auf die sich alles fokussiert. Bei uns sind es fünf oder sechs. Auch wenn meine Rolle eine kleinere ist. In den meisten Folgen ist das auch sehr schön umgesetzt. Ich freue mich immer, wenn ich Jan Josef Liefers wiedersehe oder Axel Prahl, oder „Vaddern“, gespielt von Claus Dieter Clausnitzer. Ich kenne ihn seit 30 Jahren. Wir haben alle ein sehr herzliches Miteinander und keiner tut dem anderen was. Jeder versucht, dem anderen die beste Vorlage zu geben.

Frage: Wenn Sie die Wahl hätten: lieber „Tatort“ oder Theater?

Antwort: Ich dreh‘ für einen „Tatort“ fünf Tage im Jahr, wenn es viel ist. Trotzdem ist das harte Arbeit. Wenn ich am Theater spiele, probe ich acht Wochen und spiele das Stück oft monatelang. Das ist der große Unterschied. Es gibt am Theater so viele tolle Sachen. Ich habe in Frankfurt „Richard III“ drei Jahre lang rauf und runter gespielt, bis Corona kam. Eine sehr schöne und kluge Inszenierung mit dem wundervollen Kollegen Wolfram Koch. Als Regisseur Jan Bosse mich danach für den „Jedermann“ fragte, den „Tod“ zu spielen, war ich froh, dass es eine so tolle Rolle für mich gibt. Das kann ich dann nicht abwägen gegen einen „Tatort“.

Frage: Wann geht TV-Staatsanwältin Klemm in Rente?

Antwort: (lacht) Da fragen Sie die Falsche. Manche Leute denken vielleicht, warum muss die mit 75 Jahren immer noch Staatsanwältin sein. Ich sage: warum nicht? Solange ich gewünscht werde. Die TV-Zeitschrift „Hörzu“ hat mich bei Ihren Lesern sogar schätzen lassen: ob ich 63, 73 oder 83 Jahre alt bin. Als wenn das irgendwas mit dem „Tatort“ und seiner Qualität zu tun hätte. Die Zeitschrift hat ihre Leser auch schätzen lassen, wie groß Christine Urspruch wohl ist: 1,23 Meter, 1,33 oder 1,43. Sowas ist einfach geschmacklos. Die Redaktion hat sich später bei uns entschuldigt, aber die Entschuldigung nicht abgedruckt.

Frage: Mitte Oktober stehen Sie mit „James Brown trug Lockenwickler“ wieder auf der Bühne des St. Pauli Theaters – schließt sich nach 60 Jahren damit ein persönlicher Kreis?

Antwort: Weil ich da mal durch eine Schauspielprüfung gefallen bin? So denke ich nicht. Das war auch nur eine Eignungsprüfung der „Paritätischen Prüfungskommission“, die im St. Pauli Theater stattfand. Da war ich 16. Ida Ehre hatte mir damals abgeraten, Schauspielerin zu werden. Ein Jahr später habe ich die Prüfung dann bestanden. Als Regisseur Ulrich Waller vom St. Pauli Theater, den ich lange kenne, mich für sein Stück fragte, habe ich nur gedacht: Warum ist dem jetzt im hohen Alter eine Rolle für mich eingefallen? Und: Dann muss ich ja nicht so viel reisen. (lacht)

Frage: Wie sind Sie als Teenager nach St. Pauli gekommen und wie haben Sie damals den Kiez wahrgenommen?

Antwort: Ich ging in Hamburg zur Schauspielschule, bevor ich relativ früh in Bremen engagiert wurde, noch vor meinem Abschluss. Während der Ausbildung habe ich im „Grünspan“ eine Zeitlang auf der Großen Freiheit hinterm Tresen gejobbt, danach sind wir dann nachts im alten „Sahara“ tanzen gegangen. Die hatten eine besondere Tanzfläche aus Metall. Das war etwas Besonderes. Damals fingen die Studenten an, den Kiez zu entdecken, die ersten Joints wurden geraucht. Im St. Pauli Theater spielte Freddy Quinn. Es war eindeutig schmuddeliger, die Türsteher waren anders drauf. Damals wurde auch der erste Kontakthof gebaut, das Eros-Center. Ich war auf St. Pauli nicht gefährdet. Aber ich war auch nicht jeden Abend auf dem Kiez.

Frage: Was bedeutet Heimat für Sie?

Antwort: Heimat hat für mich nicht unbedingt was mit Städten oder Orten zu tun. Ich habe in meinem Leben sehr viel gearbeitet und bin ein paar Mal umgezogen. Ich hatte dort immer ein Zuhause. Wenn sie jeden Tag um Mitternacht aus dem Theater kommen, ist das wichtig. Da gehen sie nicht mehr noch irgendwo hin. 1997 bin ich dann wieder nach Hamburg gekommen, meine Tochter wurde hier eingeschult. Ich lebe gerne hier, immer noch in der gleichen Wohnung. Insofern ist Hamburg schon Heimat.

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