Osnabrück Von Barlach bis Nolde: Wo die Kunst im Norden voller Atmosphäre ist
Wo ist man der Kunst so richtig nah? Richtig, dort, wo sie entstanden ist. Im Norden bieten fünf Orte besondere Erlebnisse der Kunst - für Kurztrip oder Ferienreise.
Einen Raum betreten und gleich die Atmosphäre der Kreativität spüren, das Gefühl haben, dass der Künstler in der nächsten Minute wiederkommen könnte – dieses Gefühl bieten Künstlerorte in Deutschlands Norden. Sie bringen einem die Kunst ganz nah, als Erlebnis einer Schönheit, die etwas ganz Persönliches hat. Hier fünf Orte für den besonderen Augenblick und mit großen Namen von Heinrich Vogeler bis Emil Nolde und Ernst Barlach.
Viele Urlauber fahren hier einfach durch, weiter auf dem Weg nach Sylt oder Dänemark. Dabei sollte schon der Name Seebüll aufhorchen lassen. Kurz vor der dänischen Grenze erhebt sich Emil Noldes gewaltiges Atelierhaus in rotem Klinker über das grüne Land. Hier wartet eines der großen malerischen Werke des Nordens.
Ja, Emil Nolde wird heute wegen seiner Nähe zu den Machthabern des Nationalsozialismus zu recht kritisch gesehen. Andererseits steht die Qualität seiner Gemälde und Aquarelle außer Frage. Dieser Künstler gehört zu den großen Einzelgängern der Kunst der Moderne. Seine Bildmotive wirken wie das Signet der ebenso rauen wie lieblichen Natur des Nordens: Wilde Wogen, roter Mohn, Schiffe am Horizont, in die herbe Landschaft geduckte Häuser – Emil Nolde (1867-1956) ist der Maler des Nordens mit einer nach wie vor großen Fangemeinde. Nicht verpassen!
Nolde Museum, Seebüll 31, 25927 Neukirchen
Hier hat er seinem Reich des Schönen eine hinreißende Form gegeben: Heinrich Vogelers Wohn- und Atelierhaus Barkenhoff leuchtet mit seiner schneeweißen Fassade als Signet des Künstlerortes Worpswede bei Bremen.
Das Haus wirkt wie eine Zeitkapsel. Es bewahrt die Erinnerung an eine Epoche des Aufbruchs junger Künstler. Mitten unter ihnen der blutjunge Bremer Heinrich Vogeler, der seinen Barkenhoff um 1900 zu einem Gesamtkunstwerk des Jugendstils ausbaut. Er macht ihn zum Motiv seiner Grafiken und Gemälde, entwirft Möbel, Schmuck, Service. All das ist heute in Worpswede zu sehen. Dazu gibt es die Erinnerung an berühmte Besucher wie den Dichter Rainer Maria Rilke, der zwei Jahre auf dem Barkenhoff lebte. Das Rilke-Zimmer gibt es immer noch. Magisch!
Barkenhoff, Ostendorfer Str. 10, 27726 Worpswede
Er war ein Sonderling der modernen Malerei, der Künstler Franz Radziwill (1895-1983). Er lebt jahrzehntelang in seinem Atelierhaus ganz nah am Wasser. In Dangast bei Wilhelmshaven ist es heute noch zu besichtigen. Nachfahren Radziwills bewahren ein Haus, das seinen Charakter als Rückzugsort eines eigenwilligen Künstlers bis heute bewahrt hat.
Abseits von der Straße, die hinunter an den Strand führt, liegt das Anwesen hinter Bäumen und Sträuchern. Für die ganz besondere Stimmung dieses Ortes sorgen Radziwills fotorealistisch wirkende Bilder, die surreal anmutende Szenerien einfangen. Stillleben, in denen die Zeit zu stehen scheint, Stadtszenen voller Magie, Bilder von Schiffen und Flugzeugen – Radziwills Kunst entführt in eine ganz besondere Welt. Am Meer ist sie zu entdecken.
Franz-Radziwill-Haus, Sielstr. 3, 26316 Dangast
Ihre Namen sind heute meist nur noch Experten ein Begriff, aber die Atmosphäre der Kreativität, die sie im Ostseebad Ahrenshoop geschaffen haben, lebt weiter. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Maler und Bildhauer die Künstlerkolonie Ahrenshoop. Abseits der Metropolen, in der Abgeschiedenheit der unberührten Natur sollte eine neue Kunst entstehen können.
Dieser Philosophie der Künstlerdörfer folgten auch die Gründer von Ahrenshoop. Sie sollten bald berühmten Besuch erhalten. 1911 halten sich Marianne Werefkin und Alexey Jawlensky, Künstler des Blauen Reiter dort auf. Zu dieser Zeit ist auch Erich Hecken, Mitglied der Expressionisten-Gruppe „Die Brücke“ dort zu Gast. Künstler arbeiten in Ahrenshoop bis in die Zeit der DDR hinein. Der Küstenort nördlich von Rostock bietet heute ein hochmodernes Museum, um an die Kunst von einst zu erinnern. Ein spannender Ort, ganz nah am Wasser.
Kunstmuseum Ahrenshoop, Weg zum Hohen Ufer 36, 18347 Ahrenshoop
Unter hohen Bäumen und unter Kopfsteinpflaster geht es zu seinem Haus. Ernst Barlach (1870-1938) lebt und arbeitet in der Abgeschiedenheit, in einem Wohn- und Atelierhaus, das heute als Museum besucht werden kann. In den ehemaligen Wohnräumen sind seine Skulpturen ausgestellt, in seinem Atelier steht noch der Tisch, an dem er gesessen hat, hängen noch die Flaschenzüge, mit denen schweres Material bewegt wurde.
Güstrow nennt sich nicht ohne Grund Barlach-Stadt. Im Dom schwebt der Engel des legendären Güstrower Ehrenmals, in der Gertruden-Kapelle sind weitere Skulpturen Barlachs zu sehen. Jede Figur ist ganz bei sich, verkörpert die Innigkeit eines Lebens, das jeweils unter einem ganz eigenen Gesetz steht. Barlachs Kunst wirkt wie der Norden selbst – herb und streng, zugleich aber auch sensibel und introvertiert. Einen Besuch ist auch dieser Ort unbedingt wert.
Ernst-Barlach-Stiftung, Heidberg 15, 18273 Güstrow