Osnabrück Chile 1962: Die vergessene Fußballweltmeisterschaft
Die WM 1962 in Chile war geprägt von Härte und Kontroversen. Ein britischer Reporter nannte das Duell Chile gegen Italien die „schändlichste Aufführung der Geschichte“. Teil 28 unserer Sommerreihe „Verrückte Geschichten“.
König Fußball am Ende der Welt. Das arme Chile hatte sich als Ausrichter der Weltmeisterschaft 1962 überraschend gegen Argentinien durchgesetzt. „Weil wir nichts haben, werden wir alles erschaffen“, versprach das südamerikanische Land und war ein guter Gastgeber, das sportliche Niveau dagegen sehr mäßig.
Was für ein Gebolze und Geholze. 50 verletzte Spieler schon nach der Vorrunde. Darunter auch der brasilianische Star Pele. Der traurige Höhepunkt, das Spiel zwischen Chile und Italien, das als „Schlacht von Santiago“ in die blutverschmierten Annalen einging. Für einen britischen Reporter war dieses Spiel „die lächerlichste, abscheulichste und schändlichste Fußballaufführung der Geschichte.“
Chile und Italien waren auch neben der Schweiz die deutschen Gegner in der Vorrunde im Feld der insgesamt 16 Mannschaften. Die von Sepp Herberger betreute bundesdeutsche Nationalmannschaft erreichte mit zwei Siegen und einem Unentschieden das Viertelfinale.
Nach einem verheerenden Erdbeben 1960 in Chile, wodurch zwei Millionen Menschen obdachlos geworden waren, wollte die BRD als Ausrichter einspringen, aber Chile sagte „jetzt erst recht“ und baute viele zerstörte Stadien in zwei Jahren wieder auf.
Im Viertelfinale schied das deutsche Team nach einer schwachen Leistung mit 0:1 gegen Jugoslawien aus. Das bekam in der Heimat nicht jeder mit, denn es gab noch keine Live-Übertragung im Fernsehen. „Wir haben die ganzen Spiele gefilmt, entwickelt, in Chile synchronisiert, und mit der Lufthansa nach Deutschland geschickt“, erzählte Sportreporter Rudi Michel.
In der Tat war der Rasensport am Scheideweg, vom Amateur- zum Profifußball. Nach dem Angriffsfußball bei den Weltmeisterschaften 1954 und 1958 wurde in Chile „gemauert“ was die müden Knochen hergaben. „Die Angst vor dem Verlieren“ prägte Taktik und Trainer. Auch ohne Pele aber mit einem starken Garrincha verteidigte Brasilien den Titel durch ein 3:1 im Finale gegen die Tschechoslowakei.
Viel Kritik bekam Bundestrainer Sepp Herberger nach der Rückreise zu hören und zu lesen. Der Held von Bern 1954, als Deutschland erstmals den Titel holte, war von der Führung und Spielweise noch nicht in der Fußball-Moderne angekommen war. 1963 erklärte er seinen Rücktritt. Im selben Jahr begann in der Bundesrepublik mit der Bundesliga ein neues Fußball-Zeitalter.
Spieler wie Willi Schulz, Karl-Heinz Schnellinger, Helmut Haller, Albert Brülls und Uwe Seeler blieben der Nationalmannschaft treu und wurden vier Jahre später mit Bundestrainer Helmut Schön in England Vize-Weltmeister. Geht doch.