Land investiert Millionen  Zu Besuch auf dem wohl modernsten Bauernhof Ostfrieslands

| | 09.08.2024 17:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Gerd-Jannes und Sohn Janno Janssen im neuen Kuhstall. Die Tiere sollen es hier richtig gut haben. Foto: Ortgies
Gerd-Jannes und Sohn Janno Janssen im neuen Kuhstall. Die Tiere sollen es hier richtig gut haben. Foto: Ortgies
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Familie Janssen hat ihren Betrieb in Westoverledingen für den Masterplan Ems aufgegeben und steht vor einem Neuanfang in Wirdum. Das Land bezahlt für ihre Umsiedlung mehr als zehn Millionen Euro.

Wirdum / Loppersum - Familie Janssen steht vor einem Neuanfang. Edith und Gerd-Jannes Janssen sowie ihre sechs Kinder sind vor wenigen Wochen in ihr neues Wohnhaus zwischen Wirdum und Loppersum gezogen und haben ihren alten Hof in Westoverledingen aufgegeben. Die Flächen, die sie vorher im Polder Leer bewirtschaftet hatten, sollen renaturiert werden. Das ist eines der Projekte des Masterplans Ems 2050, der auferlegt wurde, um die Umweltvorgaben der Europäischen Union einhalten zu können. Einvernehmlich hatten die Vertragspartner sich darauf geeinigt, dass die Familie mit ihrem Bio-Milchviehbetrieb auf eine landeseigene Domäne im Landkreis Aurich bei Wirdum/Loppersum umziehen wird.

Familie Janssen lebte vorher auf einem Betriebin Westoverledingen und ist aufgrund des Masterplanes Ems umgesiedelt. Foto: privat
Familie Janssen lebte vorher auf einem Betriebin Westoverledingen und ist aufgrund des Masterplanes Ems umgesiedelt. Foto: privat

Dort ist nun ein komplett neuer Hof nach modernsten ökonomischen und ökologischen Standards entstanden, den die Familie als Pächterin bewirtschaftet und bewohnt. Die Gebäude, die sich vorher auf den Flächen befanden, werden beziehungsweise wurden größtenteils abgerissen. In ihrer alten Bausubstanz entsprächen sie nicht mehr den heutigen ökologischen, betriebswirtschaftlichen und wohnlichen Standards und könnten daher nicht als zukunftsfähig bezeichnet werden, heißt es seitens Domänenverwaltung und Masterplan Ems. Aus zwei kleineren Domänen ist auf diese Art und Weise eine große Domäne geworden. Der alte Hof der Familie in Westoverledingen wurde nicht abgerissen - dort wohnt nun weiterhin Verwandtschaft, Landwirtschaft ist wegen der fehlenden Flächen aber nicht mehr möglich.

Thorsten Kuchta vom Masterplan Ems (von links), Landwirt Gerd-Jannes und Sohn Janno Janssen sowie Holger Janßen vom Amt für regionale Landesentwicklung bei einem Rundgang über den neuen Hof bei Wirdum. Foto: Ortgies
Thorsten Kuchta vom Masterplan Ems (von links), Landwirt Gerd-Jannes und Sohn Janno Janssen sowie Holger Janßen vom Amt für regionale Landesentwicklung bei einem Rundgang über den neuen Hof bei Wirdum. Foto: Ortgies
So sieht die Domäne von oben aus. Dieses Foto ist bereits vor einigen Monaten entstanden. Foto: Otte Beton GmbH
So sieht die Domäne von oben aus. Dieses Foto ist bereits vor einigen Monaten entstanden. Foto: Otte Beton GmbH

Belastungsprobe für die Familie

Der Umzug ist für den Bio-Betrieb und die achtköpfige Familie nicht nur eine große Herausforderung, sondern vor allem auch eine Belastungsprobe gewesen. „Wir haben uns natürlich viele Sorgen gemacht, ob alles gut gehen wird“, sagt Gerd-Jannes Janssen bei einem Rundgang über seinen neuen Hof. „Es geht ja schließlich um unsere Existenz.“ Den Hof seiner Eltern in Westoverledingen aufzugeben, den sich die Familie mit viel Herzblut aufgebaut hatte, sei ihm und seiner Frau nicht leichtgefallen. „Wir hätten eigentlich keinen Grund gehabt, dort wegzuziehen“, sagt Janssen. Die Kinder mussten ihre Freunde zurücklassen und die Schule wechseln, Edith Janssen musste sich eine neue Stelle als Grundschullehrerin suchen. Zwischenzeitlich pendelte der Familienvater zwischen Westoverledingen und Wirdum, um sowohl dem Betrieb, der Baustelle aber auch seiner Familie gerecht zu werden.

Die Bauarbeiten an dem Stall sollen im Spätsommer abgeschlossen sein. Foto: Ortgies
Die Bauarbeiten an dem Stall sollen im Spätsommer abgeschlossen sein. Foto: Ortgies

Gleichzeitig sieht der Landwirt in dem Neustart natürlich auch eine Chance. Mehr als zehn Millionen Euro gibt das Land Niedersachsen für den Bau des Domänenhofs aus. Die Domäne bleibt Landeseigentum, man strebe aber eine langfristige Verpachtung an, sagt Dr. Holger Janßen, Dezernatsleiter der Domänenverwaltung des Amtes für regionale Landesentwicklung Weser-Ems. Dem Land gehört also alles, was fest ist, wie zum Beispiel Gebäude, und der Familie das, was beweglich ist, wie zum Beispiel Trecker. Dennoch habe man sich bei dem Neubau und der Gestaltung des Hofs eng mit der Pächterfamilie abgestimmt.

Bis zu 240 Kühe können auf dem neuen Hof gehalten werden. Foto: Ortgies
Bis zu 240 Kühe können auf dem neuen Hof gehalten werden. Foto: Ortgies

Komfort für die Tiere

Viele Stunden hat sich Gerd-Jannes Janssen darüber den Kopf zerbrochen, wie sein neuer Hof zukünftig aussehen soll und nach welchen Standards er dort später arbeiten möchte. Inspiration bei der Planung hat er sich dabei vor allem in den Niederlanden geholt, wo höhere Standards in der Emissionsvermeidung und generell noch mehr Auflagen gelten als in Deutschland. „Wir haben uns angeschaut, in welchen Ställen die Tiere am ältesten werden“, sagt er. Das sei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seine Überzeugung als Bio-Landwirt.

Bei der Gestaltung des Hofs wurde auf möglichst hohe Tierwohl-Standards geachtet. Dazu gehören auch Viehbürsten. Foto: Ortgies
Bei der Gestaltung des Hofs wurde auf möglichst hohe Tierwohl-Standards geachtet. Dazu gehören auch Viehbürsten. Foto: Ortgies

Für seine künftig etwa 240 Kühe dürfte der Umzug so eine große Verbesserung darstellen, da ihr neuer Stall nach höchsten Tierwohl-Standards geplant wurde. So bekommt jede Kuh einen eigenen Futterplatz und Liegeplatz mit Sand. Das ist nicht nur deutlich bequemer, sondern auch hygienischer, weil der Sand anorganische Eigenschaften hat. „Das soll helfen, den Medikamenteneinsatz zu verringern“, sagt Gerd-Jannes Janssen. Die Gebäude wurden so angeordnet, dass die Belüftung optimal ist und es den Tieren im Sommer nicht zu warm und im Winter nicht zu kalt ist. Die Kühe haben während der Weidemonate von Frühling bis Herbst zudem die Möglichkeit, zu jeder Tageszeit raus- oder reinzugehen.

Auf dem Hofgelände befinden sich auch Siloanlagen. Foto: Ortgies
Auf dem Hofgelände befinden sich auch Siloanlagen. Foto: Ortgies

Roboter übernehmen Fütterung und Säuberung

Die Fütterung der Kühe wird später von einem Roboter übernommen, der sich das Futter selbst zusammenmischen kann. Er lässt sich so programmieren, dass er die Futterkomponenten je nach Bedarf der Tiere aus auf dem Hof stehenden Containern entnimmt und mischt. Dabei merkt er sich dann, dass im Stallbereich der bald kalbenden Kühe etwa eine andere Mischung nötig ist als im Bereich der Kühe ohne Kalb. „Ziel ist es, den Kraftfuttereinsatz möglichst gering zu halten“, sagt Janssen. Die Gülle wird mit einem Schieberoboter aus dem Stall geschoben und anschließend in einem Absetzbecken von dem Sand getrennt. Ein Zeltdach soll Emissionen verhindern.

Ein Blick auf die neue Futteranlage. Foto: Ortgies
Ein Blick auf die neue Futteranlage. Foto: Ortgies

Der Bereich der Kälber ist ebenfalls deutlich größer als in der konventionellen Landwirtschaft. Die Tiere können hier in Gruppen, bei Bedarf aber auch einzeln, gehalten werden. Längerfristig sei es das Ziel, eine muttergebundene Kälberaufzucht aufzubauen, bei der die Kälber länger als gewöhnlich bei der Mutter bleiben. Auch hier ist das Gebäude so aufgebaut, dass für die kleinen Kälber optimale Luftbedingungen herrschen, weil sie recht anfällig für Lungenentzündungen sind. „Da muss man ein bisschen vorsichtiger sein, dass es nicht zu sehr zieht“, sagt der Landwirt.

Gerd-Jannes Janssen im Kälberstall. Die Tiere werden hier in Gruppen gehalten. Foto: Ortgies
Gerd-Jannes Janssen im Kälberstall. Die Tiere werden hier in Gruppen gehalten. Foto: Ortgies

Umzug der Kühe im Spätsommer

Bei der Melkanlage hat sich Janssen für ein Melkkarussell mit Platz für bis zu 40 Kühe entschieden. „Wir hoffen, dass wir so in zwei Stunden alle Tiere gemolken haben“, sagt der Landwirt. Der Boden der Anlage ist höhenverstellbar, damit jeder Mitarbeiter rückenschonend arbeiten kann. Der Melkstand ist außerdem so gelegen, dass man durch das Tor direkt auf das neue Einfamilienhaus schauen kann. „Das war mir wegen der Kinder wichtig“, sagt Janssen. „So hat man alles im Blick und ist nicht so abgeschottet.“ Insgesamt wurden zwei Einfamilienhäuser auf die Domäne gebaut - eins für Familie Janssen und eins für den Mitarbeiter Thomas Möllenkamp und seine Familie. Hinzu kommen Silos und eine Werkstatt- und Gerätehalle.

Gerd-Jannes Janssen in seiner neuen Melkanlage. Sie bietet Platz für 40 Tiere. Foto: Ortgies
Gerd-Jannes Janssen in seiner neuen Melkanlage. Sie bietet Platz für 40 Tiere. Foto: Ortgies

Wenn alles nach Plan läuft, sollen Janssens Kühe im Spätsommer in ihren neuen Stall einziehen - aktuell stehen sie noch im Bereich der alten Domäne, die bald abgerissen werden soll. Die Familie freut sich auf diesen Neustart. „Wir hoffen, dass die Gedanken, die wir uns gemacht haben, jetzt auch aufgehen für die nächsten 40 bis 50 Jahre“, sagt Gerd-Jannes Janssen.

Ein Bogen zum Einzug: Familie Janssen wagt den Neustart. Foto: Ortgies
Ein Bogen zum Einzug: Familie Janssen wagt den Neustart. Foto: Ortgies

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