Warsingsfehn Trauerreden und viele Tränen
Der jesidische Kulturverein in Ostfriesland hatte in Warsingsfehn eine Gedenkfeier organisiert. Es wurde der Opfer des Genozids im Nordirak vor zehn Jahren gedacht.
Warsingsfehn - Am 3. August 2024, zehn Jahre nach dem grausamen Genozid im Nordirak, trafen sich jesidische Frauen und Männer auf Einladung des jesidischen Kulturvereins in Ostfriesland in Warsingsfehn, um an die Seelen der Verstorbenen und Vermissten zu gedenken.
Kerzen, Blumen und Fotos von Opfern
Der Saal war überfüllt, es gab rührende Trauerreden und viele Tränen. Mit Kerzen, Blumen, Fotos von Opfern und persönlichen Ansprachen erinnerten Besucher an die Opfer und deren Seelen. Jesiden glauben an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod und daran, dass das Gute und Böse vom Menschen abhängig ist. Und: Jesiden glauben nicht an Himmel und Hölle, sondern nur an einen Gott – „Xweda‘‘– und an seine sieben Engel.
Die mündliche Überlieferung des Jesidentums wurde während der Gedenkfeier als Gedicht und als Gebet verbreitet. ,,Die kurdische Sprache ist ein kraftvolles Symbol für unsere Kraft und unsere Gemeinschaft‘‘, sagte eine der Rednerinnen, Kamet Tunc. Während sie sprach, hatte sie mit vielen Gefühlen zu kämpfen. Und in Erinnerung an die Opfer sagte sie: ,,Auf ihren Gesichtern zeigte sich Müdigkeit und der Verlust der Freiheit‘‘.
Genozid veränderte Leben Hunderttausender
Der Genozid habe das Leben Hunderttausender Menschen bis heute verändert, heißt es in einer Mitteilung des jesidischen Kulturvereins. Am Morgen des 3. August 2014 waren Einheiten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Nordirak in das Hauptsiedlungsgebiet Shingal vorgedrungen. Der IS hat insgesamt bis zu 10.000 jesidische Männer getötet und etwa 7000 Frauen entführt und dann systematisch über Jahre vergewaltigt und versklavt. ,,Ihre Namen werden unbekannt bleiben, aber die Erinnerungen werden unauslöschlich sein‘‘, sagte Bilmez Kaya in ihrer Trauerrede.
Der Grund für den Genozid: Die Jesiden wollten sich nicht zum islamischen Glauben bekennen. Viele sind vor dem IS nach Deutschland geflüchtet – in der Hoffnung, einen Zufluchtsort zu finden und Unterstützung zu bekommen. Deutschland ist heute Heimat von 350.000 Jesidinnen und Jesiden.
Der Vorsitzende des jesidischen Kulturvereins, Volkan Pamukcu, erzählte von seinen Erinnerungen an die Zeit in den ersten vier bis acht Wochen nach dem Angriff im Nordirak. Bis heute ist er voller tiefer Traurigkeit, bis heute kann er nicht verstehen, dass es zu diesen Gewalttaten kommen konnte. Die Bilder von damals sind noch immer im Kopf, und sie lösen manchmal eine Schockstarre aus. ,,Immer hat man nur davon gehört und von einem Tag auf den anderen war der Horror Realität‘‘, sagte der Vorsitzende.
Die Bundesregierung hat den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden im Januar 2023 offiziell anerkannt.
Kulturverein kritisiert Abschiebung
Der Kulturverein kritisiert, dass trotzdem nur wenige Monate später damit begonnen wurde, Betroffene aus Deutschland wieder in das zerstörte und vom IS kontrollierte Gebiet abzuschieben: „Dort gibt es seit hunderten von Jahren Genozide. Bis heute werden Massengräber gefunden.“
,Ich wünsche Heilung für die Wunden, ich wünsche Liebe, die stärker ist als Hass‘‘, sagte Bilmez Kaya zum Abschluss ihrer Rede. Auch sie hatte immer wieder mit Tränen zu kämpfen.