Milchviehhaltung in Ostfriesland Gehören Kühe auf die Weide oder in den Stall?
Immer weniger Milchkühe grasen auf Ostfrieslands Weiden. Effizienz und Schutz vor Wölfen treiben die Stallhaltung voran. Doch es ist keine leichte Entscheidung.
Ostfriesland/Westbense - Die Milchkühe verschwinden zunehmend aus dem Landschaftsbild in Ostfriesland. Viele Weiden sind verwaist, die Rinder bleiben auch tagsüber im offenen Stall. Ein Trend, der sich seit Jahren beobachten lässt – auch in Ostfriesland – und der viele Ursachen hat.
Die reine Stallhaltung sei wirtschaftlicher und effizienter, sagen bereits 60 Prozent der Landwirte, so das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft. Auch die Gefahr eines Wolfsrisses spielt eine Rolle. Aber es gibt in Ostfriesland noch einige Rinderhalter, die das Vieh nach wie vor auf die Weide lassen, aus ökologischen Gründen, aber auch, weil sich die Tiere im Freien wohler fühlen und ihren Herdentrieb besser ausleben können.
Immer mehr Technik in den Ställen
Junglandwirt Keno Tannen (28) aus Westbense ist hin- und hergerissen. Einerseits ist ihm das Wohl seiner 200 Milchkühe sehr wichtig. Andererseits spürt er einen wirtschaftlichen Druck, der absolute Effizienz bei der Viehhaltung erfordert. „Ich sehe die Sache 50 zu 50“, sagt der Junglandwirt, der den Hof gemeinsam mit seinem Vater Manfred bewirtschaftet.
Bei der Fütterung etwa setzt er neueste Technik ein. Ein Chip, der oral in den Netzmägen der Rinder platziert wird, liefert unter anderem passgenaue Daten zur Tiergesundheit. Die Versorgung der Kühe lässt sich dann im Stall besser und rationaler umsetzen, mit einem technisch exakten Fütterungskonzept. Auch der Einsatz von Melkrobotern ist für viele Bauern ein Argument, die Tiere gleich im Stall zu lassen.
Schutz vor dem Wolf
Dann ist da das Problem mit Wolfsrissen, die in der Region immer häufiger vorkommen. „Hier bei uns in der Nähe, am Nordseedeich, ist im Frühjahr ein Schaf gerissen worden“, berichtet Tannen. Kühe und Rinder sind bisher zwar seltener durch Wölfe angegriffen worden, aber auch das ist vereinzelt schon vorgekommen in Ostfriesland. „Da macht man sich schon Gedanken, ob man die Tiere lieber im Stall lässt und sie damit besser schützt“, sagt Keno Tannen.
Und doch kommen die Kühe der Tannens mindestens 120 Tage im Jahr für jeweils etwa sechs Stunden auf die Weide. Denn der Hof liefert gentechnikfreie Weidemilch an die Molkerei Ammerland – ein Qualitätssiegel, das regelmäßig kontrolliert wird.
„Konzerne sind sehr hartleibig“
Manfred Tannen plädiert auch in seiner Funktion als Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) dafür, dass die Weidehaltung bei den Haltungsformen der Lebensmittelbranche besser eingestuft und somit auch besser bezahlt wird. Für das Kuratorium und Label „Pro Weideland“ verhandelt Tannen derzeit intensiv mit den großen Lebensmittelketten, damit die Landwirte für Milchprodukte, deren Rohstoffe unter besonderer Berücksichtigung des Wohles von Tier und Umwelt gewonnen wurden, einen besseren Preis bekommen. „Bisher beißen wir in den Verhandlungsrunden auf Granit, die großen Lebensmitteleinzelhandels-Konzerne sind sehr hartleibig“, sagt Tannen. Aber er und seine Berufskollegen wollen dranbleiben an diesem Thema der Haltungsformkennzeichnung.
Aus der Bundes- und Landespolitik gebe es durchaus positive Signale für die Weidehalter. So zahlt das Land Niedersachsen pro Kuh und Jahr 75 Euro, wenn die Tiere aufs Grünland kommen. „Das ist ein Baustein – es muss aber finanziell noch attraktiver werden, Kühe auf die Weide zu lassen“, sagt der LHV-Präsident. Viele Landwirte verzichteten etwa auf eine bessere Haltungsform, weil sie zusätzlich zum Weidegang einen Laufhof mit drei Quadratmetern Platz pro Tier bauen müssten – „das macht keinen Sinn und ist ein unglaublich großer wirtschaftlicher Kraftakt“, so Manfred Tannen.
Zahl der Betriebe geht immer weiter zurück
Dass immer weniger Tiere auf den Weiden zu sehen sind, liegt auch an einem allgemeinen Trend – die Zahl der Betriebe in der Region geht immer weiter zurück, weshalb auch die Anzahl von Nutztieren sinkt, erklärt der LHV-Präsident. Der Konzentrationsprozess erhöhe den wirtschaftlichen Druck auf die Betriebe zusätzlich. Ein Vergleich: In Ostfriesland gab es im Jahr 2010 noch 2751 landwirtschaftliche Betriebe mit Rinderhaltung, bei der letzten Zählung im März 2020 waren es noch 2058 (Quelle: Landesamt für Statistik Niedersachsen).
Deshalb müsse die Weidehaltung besser gefördert werden.
Für sie spricht nach Ansicht von Keno und Manfred Tannen vor allem das Tierwohl – die Kühe haben mehr Platz und Bewegung, können so den Herdentrieb besser ausleben. Der Weidegang ist zudem gut für die Klauengesundheit. Die „Hinterlassenschaften“ der Rinder, also die Kuhfladen, steuern überdies zum ökologischen Gleichgewicht bei, sind wichtig für etliche Insekten und die Vegetation, für die Biodiversität allgemein.
„Und was bei alledem nicht vergessen werden darf: Die Kühe auf der Weide gehören einfach zur Kulturlandschaft in Ostfriesland. Ich will mir die Landschaft nicht ohne Kühe vorstellen“, sagt Manfred Tannen. Aber Vater und Sohn sind sich an einem Punkt einig: „Sollte hier irgendwann eine Kuh oder ein Jungtier von einem Wolf gerissen werden, bleiben die Tiere im Stall.“