Dauerdienste, Bürokratiemonster und Babys  Ein Inselarzt muss ein echtes Multitalent sein

| | 16.08.2024 08:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Georg Licht fährt mit dem Rad auf Hausbesuch oder zu seinen Einsätzen als Notarzt. Am Festland wäre dies vermutlich undenkbar, auf einer autofreien Insel wie Langeoog aber ist es Arbeitsalltag. Foto: privat
Georg Licht fährt mit dem Rad auf Hausbesuch oder zu seinen Einsätzen als Notarzt. Am Festland wäre dies vermutlich undenkbar, auf einer autofreien Insel wie Langeoog aber ist es Arbeitsalltag. Foto: privat
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Nicht jeder Mediziner taugt zum Hausarzt auf einer Ostfriesischen Insel. Für Langeoog wird dringend ein belastbarer Alleskönner gesucht. Diese Dinge muss man über den Traumjob Inselarzt wissen.

Langeoog - Auf Langeoog sucht Georg Licht seit Oktober 2023 einen Nachfolger für seine Hausarztpraxis. Der aber ist gar nicht so einfach zu finden – da sind sich der Allgemeinmediziner und Dieter Krott, Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, einig. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, auch abseits des Ärztemangels. Einer, der es wissen muss, ist Dr. Joachim Koller. Er sagt: „Inselarzt – das war mein Leben.“ Bis 2022 hatte er 20 Jahre lang eine Praxis auf Langeoog. Mittlerweile ist er 72 Jahre alt und wohnt in Aurich. So ganz im Ruhestand ist er aber noch immer nicht: Er pendelt zwischen Aurich und der Insel, wo er mittlerweile Mutter-Kind-Kuren betreut.

Dr. Joachim Koller war 20 Jahre lang Inselarzt. Für ihn war es der Traumjob schlechthin, sagt er. Foto: privat
Dr. Joachim Koller war 20 Jahre lang Inselarzt. Für ihn war es der Traumjob schlechthin, sagt er. Foto: privat

Krankheiten und Notfälle

Im Prinzip muss ein Inselarzt in medizinischer Hinsicht ein Alleskönner sein. Krott: „Da wird ja ein riesiges Spektrum abgebildet.“ Licht habe in seiner Zeit auf Langeoog schon fast alles an Erkrankungen und Verletzungen behandelt, denn eine Notaufnahme wie am Festland gibt es nicht: „Es passiert alles. Sie müssen wirklich alles draufhaben.“ Kleine Kratzer und schwere Stürze, Schnupfen und Herzinfarkt. „Das gibt es auf dem Festland auch, aber es passiert hier wie im Brennglas.“ Die Gäste würden immer älter. Koller hat darüber hinaus im Prinzip alles behandelt, was Hilfe benötigte, erinnert er sich: Kühe, Pferde, Hasen. Bevor er auf die Insel kam, war er als Chirurg und Internist tätig. Auch die Bandbreite der Arbeit am Menschen ist erstaunlich groß: „Ich habe Kinder entbunden. Viele Kinder.“ Er habe Hausgeburten ebenso wie Sterbefälle begleitet. Ein Inselarzt muss flexibel sein, manchmal auch kreativ: „Es ist spannend – und macht wirklich Spaß.“

Medizinische Fachrichtung

Die KVN sucht für die Übernahme der Versorgung auf Langeoog speziell nach einer Ärztin und einem Arzt mit einem Facharzt für Allgemeinmedizin oder Innere Medizin. „Alles andere kann später erworben werden.“ Gemeint sind zusätzliche Qualifikationen wie die zum Bade- beziehungsweise Kurarzt und Notarzt.

Der Langeooger Bahnhof ist einer der Knotenpunkte der touristischen Infrastruktur. Tausende Besucher und Tagesgäste kommen hier an einigen Tagen ins Dorf. Einige davon benötigen auch einen Arzt während des Aufenthaltes. Foto: Bothe/Archiv
Der Langeooger Bahnhof ist einer der Knotenpunkte der touristischen Infrastruktur. Tausende Besucher und Tagesgäste kommen hier an einigen Tagen ins Dorf. Einige davon benötigen auch einen Arzt während des Aufenthaltes. Foto: Bothe/Archiv

Dienste

Bei nur zwei Arztpraxen auf Langeoog bedeutet das, dass beide je die Hälfte der Dienste übernehmen. Wer die Insel einmal verlassen will, muss das gut planen. Dazu sagt Licht: „Auf dem Festland käme kein Arzt auf die Idee, jeden zweiten Tag und jedes zweite Wochenende durchgehend Notdienst zu machen.“ Auf der Insel aber führt kein Weg dran vorbei. „Hinzu kommt gleichzeitig der Dienst als Notarzt.“ Für viele junge Kollegen, denen eine gesunde Work-Life-Balance wichtig ist, sei dies ein K.-o.-Kriterium. Zum Vergleich: Am Festland gilt Krott zufolge, dass Mediziner maximal 16 KV-Dienste im Jahr ableisten. Aus diesem Grund würde Inselärzten eine Erschwerniszulage gezahlt. „Nur dafür, dass sie bereit sein müssen.“

Bürokratie

Das „Bürokratiemonster“ nannte es die Fachzeitschrift Deutsches Ärzteblatt schon 2012 und schrieb, es verderbe vielen Ärztinnen und Ärzten die Freude an der Arbeit und stehle ihnen Zeit, die sie lieber ihren Patienten widmen würden. Am Festland wie auf der Insel ächzen selbstständige Mediziner unter der zunehmenden Bürokratisierung. Der Hausärzteverband Nordrhein bezifferte Ende 2023 den Zeitaufwand dafür mit 60 Stunden im Monat: Eineinhalb Wochen pro Monat also verbringe jeder Arzt mit Verwaltungsarbeit rund um die Patienten – statt sie zu behandeln. Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach hat darum Anfang 2024 große Reformen für den Praxisalltag von Hausärzten angekündigt.

Selbstständige Mediziner verbringen viel Zeit mit Verwaltungsaufgaben. Auf einer Insel ist das nicht anders. Foto: privat
Selbstständige Mediziner verbringen viel Zeit mit Verwaltungsaufgaben. Auf einer Insel ist das nicht anders. Foto: privat

Patienten

Langeoog braucht eine zweite Inselarztpraxis – darin sind sich Koller, Licht und Krott einig. „Eine Praxis allein ist zu wenig“, sagt Koller und rechnet vor: Zusätzlich zu den 1750 Einwohnern (Stand 2024) kämen bis zu 15.000 Gäste und 3000 Tagesgäste. Auch die Gäste gehen zum Arzt – das ist dem Geschäftsführer der KVN klar. Im Sommer sind es natürlich mehr als im Winter. Rein rechnerisch wären hier angesichts der Einwohnerzahl zwei Ärzte zu viel: 1600 Einwohner rechnet Krott pro Hausarztpraxis.

Inselleben

Ein Umzug vom Festland auf die Insel wirkt sich auf das gesamte Umfeld aus. Wer in einer Partnerschaft lebt, Familie und Freunde zurücklässt oder vielleicht sogar Kinder mit auf die Insel nimmt, macht diesen Schritt sicherlich nicht leichtfertig. Die Bewegungs- und Freizeitmöglichkeiten auf der Insel sind begrenzt. Vor allem im Winter kann das einengend wirken, wo jeder jeden kennt. Einschränkungen bei Ausbildung und Arbeit können möglich sein.

Wohnsituation

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Überhaupt eine Wohnung oder ein Haus zum Kauf oder zur Miete zu finden, ist schwierig bis unmöglich. Nicht selten scheitert ein Umzug auf die Insel daran. Die Inselgemeinde hilft bei Bedarf und stellt teilweise sogar gemeindeeigene Wohnungen zur Verfügung. Doch auch die müssen vorhanden sein und zum Bedarf passen.

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