„Das sind Dimensionen, die man nicht kennt“  Fehlgeburten, Milcheinbußen, Tod – die Blauzungenkrankheit in Ostfriesland

| | 17.08.2024 16:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Maren Osterbuhr macht sich Sorgen um ihre Tiere. Foto: Ortgies
Maren Osterbuhr macht sich Sorgen um ihre Tiere. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Schlägt die Blauzungenkrankheit zu, können Landwirte nur noch hoffen, dass ihre Tiere sie überstehen. Ein Impfstoff wurde erst im Juni freigegeben – vorübergehend. Für viele kommt die Hilfe zu spät.

Strackholt - Auf den ersten Blick wirkt die Situation idyllisch. Zwischen urigen Wallhecken liegen schwarzbunte Kühe auf der Weide. Doch Landwirtin Maren Osterbuhr aus Strackholt weiß es besser. „Sie fressen nicht“, sagt sie. Das typische Wiederkäuen fehlt. Stattdessen liegen die Tiere matt im Gras, ihre Augen wirken müde. Sie erheben sich mühsam und humpeln zur Seite, wenn man sich ihnen nähert. Der Grund: Unter Osterbuhr Tieren grassiert die Blauzungenkrankheit, kurz BT für „Bluetongue Disease“.

Erkrankte Kühe leiden oft unter Fieber, Schmerzen und Läsionen am Maul. Foto: Ortgies
Erkrankte Kühe leiden oft unter Fieber, Schmerzen und Läsionen am Maul. Foto: Ortgies

„Es ging vor knapp zwei Wochen los, da hatten wir an einem Tag ungewöhnlich viele Geburten, alle Kälber waren zu früh dran“, berichtet Osterbuhr gegenüber der Redaktion. Trotzdem sei sie da noch nicht auf die Idee gekommen, dass die Blauzungenkrankheit die Ursache sein könnte. „Die Kühe waren sonst nicht auffällig“, sagt sie. „Dann kamen erste Lahmheiten und ich wurde skeptisch.“

Die Krankheit breitete sich schnell aus

Es folgte hohes Fieber. Erkennbar sei dies am verschlechterten Allgemeinempfinden, beschleunigter Atmung und Apathie, so Osterbuhr. „Sie fressen nicht mehr viel, lassen die Ohren hängen“, erklärt sie. Als sich das Maul der Kühe verfärbte, einem Sonnenbrand ähnlich dunkler wurde und kleine Verletzungen auftraten, sei ihr klar gewesen, dass die Tiere die Blauzungenkrankheit getroffen hat.

Dabei zeigten nicht alle Tiere die gleichen Symptome, und nicht alle seien gleich schwer erkrankt. Aber: „Es ging rasant“, so Osterbuhr. „Von jetzt auf gleich war die Herde krank. Vermutlich haben es jetzt schon alle Kühe“, sagt Maren Osterbuhr. Die Landwirtin hält gemeinsam mit ihrem Partner und ihrem Vater etwa 140 Kühe, privat hat sie auch vier Schafe.

Weniger Milch und Fehlgeburten

Für den Betrieb bedeutet die Krankheit vor allem wirtschaftlichen Schaden durch Ertragseinbußen. Erkrankte Kühe geben weniger oder gar keine Milch mehr. Pro Kuh misst Maren Osterbuhr zum Zeitpunkt des Gesprächs im Schnitt etwa vier Kilo Milch weniger.

Außerdem haben erkrankte Kühe Fehlgeburten, so der Tierarzt Hansjörg Heeren aus Ihlow. „Bei Kühen bleibt oft ein Schaden. Sie geben nicht mehr so viel Milch wie vorher“, sagt er. Manchmal dauere es bis zur nächsten Kalbung, bis die Milchleistung sich wieder normalisiere.

Für Maren Osterbuhr ist aber nicht nur die geringere Milchmenge der kranken Kühe ein Faktor, sondern auch die Kosten für die Medikamente, die sie ihnen gegen die Beschwerden gibt – und aufgrund derer die Milch der behandelten Kühe nicht verkauft werden kann. Pro Tag seien etwa 500 Liter weniger Milch im Tank, durch verworfene Milch und Leistungsminderung, sagt sie.

Sorge um die Tiere ist groß

Hinzu komme die Sorge um die Tiere. „Es ist furchtbar“, beschreibt Osterbuhr die Situation. „Schlaflose Nächte hat man oft genug, wenn man ein bisschen was für seine Tiere übrig hat. Aber der ganze Bestand, das sind Dimensionen, die man nicht kennt.“ Die ganze Situation sei belastend. „Man versucht ihnen zu helfen, und man kann nichts tun, außer die Symptome mit Schmerzmitteln und Entzündungshemmern zu lindern“, sagt sie. Ein zu früh geborenes Kalb sei bereits gestorben.

„Milchkühe, die schon eine andere Erkrankung haben, zum Beispiel eine schwere Euterentzündung, sterben früher an der Blauzungenkrankheit“, sagt sie. „Meine Kühe waren alle gesund.“ Oft seien auch die Schleimhäute der Tiere angegriffen, über die weitere Keime leicht in den Körper gelangen können. „Man muss aufpassen, dass nicht noch Sekundärinfektionen hinzukommen“, sagt sie. „Zum Beispiel Lungenentzündung.“ Bei zwei Kühen habe sie sich Sorgen gemacht.

Verlauf ist bei Schafen oft tödlich, Menschen sind nicht gefährdet

Laut der Niedersächsischen Tierseuchenkasse sind von der Blauzungenkrankheit Wiederkäuer wie zum Beispiel „Rinder, Schafe, Ziegen und Wildwiederkäuer sowie Kamele, zu denen auch Alpakas und Lamas zählen“, betroffen. Andere Tiere können sich nicht mit dem Blauzungenvirus infizieren, heißt es. Für den Menschen gilt die Blauzungenkrankheit als völlig ungefährlich, auch die Produkte eines erkrankten Tieres sind genießbar für den Menschen.

Seit Oktober 2023 wurden in Niedersachsen laut dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) 920 Betriebe positiv getestet. In Ostfriesland sind 770 Betriebe betroffen (Stand: 14. August 2024).

Am 16. August gab das Veterinäramt Jade/Weser eine Meldung heraus, die besagt, dass Verläufe mit klinischen Symptomen häufiger bei Schafen als bei Rindern vorkommen. Todesfälle seien insbesondere bei Schafen, aber auch bei Rindern nicht auszuschließen, heißt es. Laut Hansjörg Heeren können etwa 10 bis 20 Prozent der erkrankten Schafe aus einer Herde sterben. „Es gibt einen leichten und einen schweren Verlauf“, sagt er. „Aber man kann nicht voraussehen, welcher Verlauf schwer ist.“

Eine Veterinärin impft ein Jungtier gegen die Blauzungenkrankheit. Foto: Fabian Sommer/dpa
Eine Veterinärin impft ein Jungtier gegen die Blauzungenkrankheit. Foto: Fabian Sommer/dpa

Impfstoffe sind nicht zugelassen

Obwohl die Krankheit oder Seuche, die hervorgerufen wird durch das Virus BTV mit dem Serotyp 3 (kurz: BTV-3), seit dem letzten Jahr in Niedersachsen auftritt und sich schnell ausbreitet, ist die Impfung erst seit Juni 2024 möglich. Der Grund: Einen regulär zugelassenen Impfstoff gegen BTV-3 gibt es aktuell in Europa nicht. Die Verwendung der existierenden Impfstoffe wurde lediglich per Verordnung gestattet.

Als Maren Osterbuhr davon erfuhr, reagierte sie schnell. „Ich habe sofort Impfstoff für meine Schafe bestellt“, sagt sie. Der Impfstoff sei erst nach mehreren Wochen gekommen. „Man sagt, bis zur Immunität nach der Impfung dauert es mindestens drei Wochen“, sagt sie. Weil Weidetiere eher gefährdet seien, lasse sie die Schafe nun im Stall. Sie ist der Meinung: „Der Impfstoff hätte schon viel früher genehmigt werden müssen.“

Härte-Zuschuss nur für Schafhalter

Für den Impfstoff für Schafe und Ziegen zahlt die Niedersächsische Tierseuchenkasse eine Härtebeihilfe von drei Euro pro geimpftem Tier, wenn die Impfung in das digitale Datenerfassungssystem HIT eingetragen wird und das Antragsformular der Tierseuchenkasse genutzt werde, so Dr. Susanne Eisenberg, die stellvertretende Geschäftsführerin, auf Anfrage der Redaktion.

Schafe und Ziegen sind besonders gefährdet durch die Blauzungenkrankheit. Foto: Peter Kneffel/dpa
Schafe und Ziegen sind besonders gefährdet durch die Blauzungenkrankheit. Foto: Peter Kneffel/dpa

Dass die Unterstützung nicht auch für Rinder gilt, liege daran, dass für die Halter keine unbillige Härte vorliege. Die Impfung sei auch bei Rindern fachlich sinnvoll, „aber die Impfkosten für BTV3 im Verhältnis zu den zu erwartenden wirtschaftlichen Verlusten sind dem Rinderhalter zuzumuten“, schreibt sie weiter.

Wird die Übertragung durch verändertes Klima begünstigt?

Übertragen wird das Virus, das die Blauzungenkrankheit auslöst, durch Gnitzen, kleine Blut saugende Mücken. Bei der Blutmahlzeit an einem infizierten Tier nehmen die Gnitzen die Viren mit dem Blut auf und übertragen es mit dem Speichel auf das nächste Tier. Für Maren Osterbuhr trägt der Klimawandel zur Krankheitsübertragung bei. „Das feuchtwarme Wetter und der nicht vorhandene Winter begünstigen die Ausbreitung der Gnitzen“, sagt sie.

Maren Osterbuhr hat ihre Tiere im Blick. Foto: Ortgies
Maren Osterbuhr hat ihre Tiere im Blick. Foto: Ortgies

Dieser Meinung ist auch der Tierarzt. „Das hat eindeutig was mit dem Klima zu tun. Die Klimaveränderung ist das, was die Überträger fördert“, so Heeren. Auch Zucht und Handel brächten die Tiere und Viren weitläufiger in andere Regionen. Er empfiehlt, die Gnitzen zumindest im Stall zu bekämpfen, um die Übertragungsgefahr zu verringern.

Das LAVES fordert „alle Halter von empfänglichen Tierarten, insbesondere Rindern, Schafen und Ziegen (auf), ihre Tiere genau zu beobachten und bei Krankheitssymptomen, die auf eine Blauzungeninfektion hindeuten, das zuständige Veterinäramt zu informieren.“

Maren Osterbuhr hat ihre Tiere im Blick. Für sie zählt in erster Linie deren Wohlergehen. „Wenn man Glück hat, hat man eine Ertragsausfallversicherung“, sagt sie. Medikamente und Tierarztkosten sind darin aber nicht abgedeckt.

Ähnliche Artikel