Kunden mögen’s farbig und XL  Gibt es bald keine braunen Eier mehr?

| | 19.08.2024 09:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Tobias Schmidt vom Geflügelhof Schmidt in Wiesmoor hält den braunen Eiern die Treue. Für ihn zählt der Wunsch der Kunden. Foto: Böning
Tobias Schmidt vom Geflügelhof Schmidt in Wiesmoor hält den braunen Eiern die Treue. Für ihn zählt der Wunsch der Kunden. Foto: Böning
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Bald gibt es nur noch kleine weiße Eier, schrieb Bild. Geflügelzüchter Tobias Schmidt aus Wiesmoor kann sich darüber nur wundern. Seine Kunden wollen sie braun und XL. Was ist dran am weißen Ei?

Wiesmoor/Ostfriesland - Wochenmarkt in Wiesmoor. Am Stand der Familie Schmidt stapeln sich die Eierpappen. Darin liegen sie: dick und in einem warmen Braunton. „So wollen unsere Kunden ihre Eier“, erklärt Tobias Schmidt. Früher, zu Zeiten seines Großvaters, seien die Eier einmal weiß gewesen, sagt er. Aber das ist schon so lange her, dass Tobias Schmidt sich selbst nur noch an die Erzählungen erinnert. Solange Schmidt auf dem elterlichen Geflügelhof in Wiesmoor mit Eiern zu tun hat, sind sie immer braun gewesen. Die 2000 Hennen, die auf dem Hof in Freiland- und Bodenhaltung leben, sind sogenannte Braunleger.

Juniorchef Volker Posselt setzt bei seinen Legehennen auf sogenannte Braunleger. An ihren roten Ohrlappen ist erkennbar, dass sie braune Eier legen. Foto: Ortgies
Juniorchef Volker Posselt setzt bei seinen Legehennen auf sogenannte Braunleger. An ihren roten Ohrlappen ist erkennbar, dass sie braune Eier legen. Foto: Ortgies

Als Schmidt von der Prophezeiung von Henner Schönecke zum baldigen Aus für braune Eier in Deutschland in der Bildzeitung hört, zuckt er nur die Schultern – denn für ihn gilt der Kundenwunsch. „In fünf Jahren wird es keine braunen Eier mehr im Supermarktregal geben“, prophezeite Schönecke als Vorsitzender des Bundesverbands der deutschen Eiererzeuger im April. Statt braun und XL sei das Ei der Zukunft weiß und klein. Was ist dran an dieser Behauptung des Landwirts, der auf seinem Hof in Neu Wulmstorf bei Buxtehude rund 15.000 weißlegende Hennen hält?

Welche Eier kaufen Ostfriesen?

Wollen die Verfechter der weißen Eier die Macht in den Supermarktregalen der Region übernehmen, müssen sie erst einmal an der Erzeugergemeinschaft Auricher Eier vorbei. Dort werden seit 30 Jahren ausschließlich braune Eier verpackt. In Zeiten der Käfighaltung für mehr Tierwohl und die Versorgung der Bäckerei Lorenz aus Victorbur gegründet, hat sich das Auricher Ei inzwischen fest in den Supermärkten der Region etabliert. 26 Betriebe sorgen dafür, dass Ostfriesland die braunen Eier nicht ausgehen.

Durch die Druckmaschine zum Kennzeichnen der Eier mit der Herkunftskennung laufen bei der Erzeugergemeinschaft Auricher Eier nur braune Eier. Foto: Ortgies
Durch die Druckmaschine zum Kennzeichnen der Eier mit der Herkunftskennung laufen bei der Erzeugergemeinschaft Auricher Eier nur braune Eier. Foto: Ortgies

„Unsere Kunden wollen ihre Eier am liebsten braun und XL“, erklärt Juniorchef Volker Posselt. Sein Legehennen-Betrieb in Aurich-Brockzetel beherbergt auch die Eierpackstation der Auricher Eier. Von dort werden wöchentlich 250.000 braune Eier an den Einzelhandel, an Hotels, Hofläden, Gaststätten und Bäckereien bis über die Grenzen der Ostfriesischen Halbinsel hinaus geliefert. Dass diese Eier eines Tages nicht mehr braun sein werden, kann sich Posselt nicht vorstellen „Letztendlich bestimmt der Kunde, was wir produzieren“, sagt Posselt – und der mag sie eben braun. „Ich denke, die Farbe wird als natürlicher empfunden“, ergänzt der Landwirt.

Was ist dran am weißen Ei?

Die Vorliebe von Henner Schönecke für weiße Eier begründet der folgendermaßen: Weiße Eier legende Hennen seien kleiner als ihre braunen Kolleginnen, bräuchten also weniger Platz. Die Weißleger legen auch kleinere Eier, das sei weniger anstrengend für das Tier als die XL-Produktion. Außerdem seien sie produktiver: Weißei-Hühner legen rund 500 Eier in 100 Lebenswochen, Braunei-Hühner 380 in 82 Wochen – so die Statistik. Während die Braunleger bis zu 135 Gramm Futter pro Tag picken, begnügen sich die Weißleger mit 15 Gramm weniger. Landwirte müssen also weniger Getreide einsetzen, anbauen und transportieren. So die Rechnung.

„Wir haben mit anderen Hühnerhaltern darüber gesprochen, als das Thema im April aufkam“, sagt Posselt. Er könne nicht in die Zukunft gucken und niemand könne sagen, welche Farbe die Eier in Zukunft haben werden. „Aber so lange der Kunde braune Eier haben möchte, werden wir sie liefern.“ Zumindest die Behauptung, dass größere Eier zu legen für die Hennen anstrengender sei, möchte er entkräften. „Die Tiere sind von Natur größer. Größere Eier zu legen ist also nicht generell schlechter für das Tier“, sagt er. Seine Tiere hätten keine gesundheitlichen Einschränkungen durch die Größe der Eier.

Welche Farbe haben Eier von Natur aus?

Ursprünglich seien Hühnereier nicht weiß gewesen. Das erklärt Dr. Moritz Hertel vom Max-Planck-Institut für Ornithologie im Bayrischen Seewiesen in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunks. Ob ein Huhn braune oder weiß Eier legt, hat übrigens nichts mit der Gefiederfarbe zu tun, sondern mit der Farbe der Ohrlappen. Hühner mit roten Ohrlappen legen braune Eier und Hühner mit weißen Ohrlappen legen weiße Eier – das ist die Richtlinie. Sie gilt vor allem bei den reinrassigen Tieren.

Die fehlende Farbe der Tiere mit weißen Ohrlappen und der von ihnen gelegten Eier sei beides auf das Fehlen eines Gens für die Farbgebung zurückzuführen, das im Laufe der Hühnerzüchtung bevorzugt wurde. In der Natur kämen weiße Eier vor allem bei Höhlenbrütern vor. So seien die Eier in der Dunkelheit leichter zu finden.

Wie entsteht die Eierfarbe?

Bei Hühnern braucht das Ei etwa 24 Stunden, bis es gelegt wird. 20 Stunden davon wird die Kalkschale gebildet. Die Farbe erhält sie in den letzten drei Stunden vor dem Legen. In dieser Zeit werden in einer speziellen Schalendrüse im Legedarm produzierte Farbpigmente in die Schale eingelagert. Rote Pigmente stammen aus dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin, gelbe aus der Galle, erklärt die Schweizer Forscherin Dr. Barbara Helm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Andechs auf der Webseite wissenschaft-im-dialog.de. Beide Farbpigmente vermischen sich und dabei entsteht ein Braunton. Bei weißen Eiern werden keine Farbpigmente in die Schale eingelagert.

Sind braune Eier gesünder?

Nachdem die reinweiße Eierfarbe zu Zeiten der Käfighaltung üblich war, hat sich mit steigendem Bewusstsein für mehr Tierwohl bei den Verbrauchern der Trend zum braunen Ei „vom Bauernhof“ durchgesetzt. Dabei können auch in Freilandhaltung lebende Biohennen weiße Eier legen – je nach Rasse. Auch wenn sich die Eierschale der Tiere unterscheidet: Geschmacklich sind weiße von braunen Eiern nicht zu unterscheiden. Auch der Nährstoffgehalt ist nicht von der Farbe der Eierschale abhängig.

Blick in die Zukunft

Braune Eier gebe es inzwischen nur noch bei wenigen regionalen Haltern und auf Wochenmärkten, legte Henner Schönecke nach dem Artikel in der Bildzeitung bei Tagesschau.de nach. Viele Halter hätten bereits umgestellt, auch wenn die Kunden noch immer braune Eier bevorzugen. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft spricht davon, dass 70 Prozent der Kunden lieber braune Eier kaufen und 30 Prozent zu weißen greifen. Bald soll der Kunde laut Schönecke keine Wahl mehr haben.

In den Discountern seien bereits kaum noch braune Eier zu haben. Als Verkaufsargument für weiße Eier werben die Verfechter übrigens mit Hinweis, dass „Dreck auf weißen Eiern besser zu erkennen ist“, deshalb wird „beim Saubermachen nichts übersehen. So landen sie immer blitzeblank im Supermarktregal.“ Das war früher auch die Argumentation der Eierproduzenten für die weißen Eier aus der hochleistungsorientierten Käfighaltung.

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