Gnadenhochzeit in Emden Über die SPD lernten sie sich kennen, beim Tanzen funkte es
Johanne und Gerhard Saathoff sind an diesem Mittwoch, 21. August, 70 Jahre verheiratet. In ihrem gemeinsamen Leben haben sie viel zusammen angepackt und noch immer ein Lachen auf den Lippen.
Emden - Sich im Internet kennenlernen? Das gab‘s früher nicht, sagen Gerhard und Johanne Saathoff mit einem Lachen. Das Internet von damals waren Tanzlokals, die es überall in Emden gab. Und im Fall von den Saathoffs auch die SPD. In ihrer Jugend lernten sie sich zunächst im Falkenhorst am Wall kennen, dem damaligen Standort der Partei. Sie war in der SPD-Jugend, er in der Gewerkschaft. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Johanne Saathoff, geborene Harms.
Am 1. Mai traf man sich zur Kundgebung vor dem Rathaus. „Aber erstmal wurde getanzt“, sagt der 91-Jährige. „Der Holländer machte Musik, das war hundertprozentig“, sagt die 90-Jährige. Über die Politik lernten sie sich kennen, beim Tanzen aber funkte es. An diesem Mittwoch, 21. August 2024, begehen sie ein besonderes Ehejubiläum. Sie feiern ihre Gnadenhochzeit.
Fast 70 Jahre im selben Haus
Nach dem Mai-Tanz vor dem Rathaus ging es tanzend mit den damals 18-Jährigen weiter. Man traf sich im Tanzlokal Sternenburg, das sich in der Nähe des Schützenplatzes befand. Schnell war klar: Es passte. Am 21. August 1954 wurde die Hochzeit gefeiert - bei Johanne Saathoffs Eltern in Conrebbersweg im Kreise der Familie. Das Geld für eine große Feier fehlte in der entbehrungsreichen Zeit. Zunächst wohnte das frisch verheiratete Paar bei Gerhard Saathoffs Eltern an der Cirksenastraße. Dort waren Behelfsheime errichtet.
Das junge Paar konnte sich schließlich eine Wohnung an der Nordertorstraße leisten. Durch einen sogenannten Ringtausch wurde der Umzug in ein Einfamilienhaus im Stadtteil Port Arthur/Transvaal möglich. Gerhard Saathoff, damals LKW-Fahrer bei Fritzen in Emden, durfte dafür einen Firmen-Lastwagen ausleihen, hebt er noch heute hervor. In dem Haus, in das sie vor der Geburt ihrer ersten Tochter einziehen konnte, leben die Saathoffs noch heute. 1955 wurde die erste Tochter, 1956 die zweite und 1962 der Sohn geboren. Mittlerweile sind Enkel und Urenkel dazu gekommen.
Von Fritzen ging es zu VW
Bis 1965 arbeitete Gerhard Saathoff bei Fritzen. Auch Johanne Saathoff arbeitete dort ein paar Stunden die Woche. Doch dann wurde das VW-Werk in Emden gebaut. Ein Bekannter der Familie wurde Hallenleiter und fragte Saathoff, ob er nicht auch zum Autobauer wechseln wolle. Er wollte. Am 8. Dezember 1964 lief der erste Käfer vom Band, am 7. Januar 1965 hatte Gerhard Saathoff seinen ersten Tag. Ans Band musste er nicht - auch hier wegen Kontakten. Der gelernte Blechschlosser durfte direkt an einen Reparaturplatz.
Nach einem schweren Betriebsunfall durfte Gerhard Saathoff zunächst als Waschkauen-Wärter, also Wärter bei den Umkleide- und Waschräumen bei VW, arbeiten. Mit 57 durfte er in Frührente gehen. Sein Rücken, der beim Unfall schwer verletzt wurde, heilte langsam. Als es besser wurde, wollte Saathoff nicht die Beine stillhalten. Mit der Rentnergang packte er bei der ehemaligen Pumpstation in Transvaal an, die vom Bürgerverein genutzt wird. Auch Johanne Saathoff war dort immer sehr aktiv. Heutzutage gehen die beiden immer noch alle vier bis fünf Wochen zur „Pumpe“ für den Seniorentreff. Ihre diamantene Hochzeit feierten sie vor zehn Jahren dort groß.
Viel Zeit auf der Terrasse mit Blick auf den großen Garten
Beide sangen in Chören, fuhren immer viel Fahrrad gemeinsam mit einem Freundeskreis aus Emden und Hinte. „Einer rief an und dann trafen wir uns. Unsere längste Strecke war nach Petkum, von da mit der Fähre nach Ditzum und mit dem Rad über Leer zurück nach Emden“, sagt der 91-Jährige. Jetzt steht der Drahtesel still. „Wir tun nicht mehr so viel“, sagt Johanne Saathoff humorvoll. Hatte man früher in harter Arbeit einen großen Acker hinter dem Haus bearbeitet, mäht der „Robbi“ jetzt das Gras.
Beide verbringen viel Zeit auf der großen Terrasse, für die Gerhard Saathoff eine hölzerne Überdachung gebaut hat. Im Garten stehen Mühlen, die erst selbst gebastelt hat, ein Teich, den er grub. Den Anbau an das Haus hat er selbst gemauert. Im Haus hängt Handwerkliches von ihm, beispielsweise Stickereien und Teppich-Knüpfen. Der 91-Jährige schmunzelt: Nein, Stillstehen ging für ihn nie. „Ich trau mich an alles ran“, sagt er. „Sogar an mich“, sagt sie mit einem Lachen.
70 Jahre verheiratet: Was ist das Geheimnis? „Nicht jeder Tag ist Sonnenschein. Wenn man sich nicht mal zankt, dann verträgt man sich auch nicht“, sagt die 90-Jährige. „Wir haben viel erlebt und viel gemacht“, sagt Gerhard Saathoff. Die beiden haben immer alles gemeinsam angepackt, sich viel zugetraut, aber stets bescheiden gelebt. Ihre besondere Feier wollen sie ruhig angehen lassen. Die Nachbarn werden einen Bogen aufstellen. Mit ein paar Bekannten und Angehörigen wird in kleiner Runde zu Hause gefeiert.